Interview

Aviatik-Expertin über das Reisen nach Corona: «Der Abstand an Bord wird grösser»

Wie hygienisch wird das Fliegen künftig? Welche neuen Ideen gibt es für mehr Schutz in der Kabine? Eine renommierte Luftfahrtexpertin liefert Antworten – und sagt, weshalb sie wie nach 9/11 mit längerfristigen Folgen für das Reise-Erlebnis der Passagiere rechnet.

Benjamin Weinmann
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Plexiglas-Scheiben und neue Sitzorientierung für eine bessere Hygiene an Bord? So stellt sich die italienische Firma Aviointeriors die Zukunft der Flugkabine vor.

Plexiglas-Scheiben und neue Sitzorientierung für eine bessere Hygiene an Bord? So stellt sich die italienische Firma Aviointeriors die Zukunft der Flugkabine vor.

Bild: PD

Marisa Garcia gilt als profunde Kennerin der Luftfahrt-Industrie. Die Spanierin arbeitete von 1994 bis 2010 selber in der Branche, und schreibt seither als Journalistin über sie. Ihre Einschätzungen erscheinen regelmässig im US-Magazin «Forbes». Mit CH Media sprach die Expertin via Videotelefonie über die Maskenpflicht für Passagiere, neue Gesetze für Airlines und die Zukunft der Swiss.

Die Luftfahrt steht praktisch still. Wie rasch wird sie wieder in die Gänge kommen?

Marisa Garcia: Das hängt in erster Linie von den Reise-Einschränkungen ab. Ich denke, es wird mindestens fünf Jahre dauern, bis das Flugvolumen vor der Krise wieder erreicht wird. Denn die gesundheitlichen Bedenken verschwinden solange nicht, bis es einen Impfstoff gibt. Und auch dann bleibt die Angst vor der Ansteckung bei vielen Reisenden bestehen. Viele Leute werden einen Umweg um Flugreisen machen, wenn sie nicht absolut nötig sind.

Das heisst?

Die Flugzeuge werden längere Zeit nicht mit so vielen Passagieren wie bisher fliegen, kaum mit mehr als 80 Prozent an Bord, wohl eher 70 Prozent. Langfristig könnte ich mir denn auch vorstellen, dass gewisse Airlines ihr Interieur neu gestalten werden, mit mehr Abstand zwischen den Stühlen und Reihen. Generell wird der Abstand an Bord grösser.

Zumindest eine kleine Good News für Economy-Passagiere, endlich mehr Beinfreiheit!

Gut möglich, insbesondere falls es entsprechende Gesetze dazu geben wird. Die Airlines werden sich aber natürlich dagegen wehren. Denn weniger Passagiere bedeutet weniger Umsatz. So manche Fluggesellschaft lässt derzeit den mittleren Sitz in Dreierreihen frei, und auch den Nachbarssitz. Das dürfte mehrere Monate so bleiben. Wobei der Abstand zur vorderen und hinteren Reihe gleich bleibt. Eine italienische Firma hat deshalb eine Plexiglas-Haube als mögliche Lösung ins Spiel gebracht, die man über bestehende Sitze stülpen könnte. Man könnte die Stühle auch in gegenseitiger Richtung platzieren.

Aber?

Das alles kostet sehr viel Geld. Und momentan fehlt das den Airlines.

Wenn die Flugzeuge nur zu zwei Dritteln oder noch weniger gefüllt sind, sind die Flüge aber kaum profitabel. Dann fehlt noch mehr Geld.

Laut Branchenzahlen erreichen die Airlines mit einer Auslastung von 59 Prozent den Break Even, dann können sie den Flug also in der Regel kostendeckend durchführen. Ein Jahr lang sollte dies möglich sein, aber nicht für alle. Sie werden dann aber versuchen müssen, die Passagierausfälle mit mehr Cargo-Einnahmen so gut wie möglich wettzumachen.

Und sonst drohen Preiserhöhungen?

Gut wäre es, denn in der Vergangenheit hat der Preiskampf ein ungesundes Mass erreicht. Aber ich habe meine Zweifel, ob es soweit kommt. Denn in der Panik, ihre Flüge möglichst gut zu füllen, werden viele mit Billigpreisen werben. Solche Lockangebote wären in den nächsten Monaten aber vor allem auch unverantwortlich aus gesellschaftspolitischer Sicht, solange noch kein Impfstoff gefunden worden ist.

Aviatik-Expertin und «Forbes»-Autorin Marisa Garcia.

Aviatik-Expertin und «Forbes»-Autorin Marisa Garcia.

Der Impfstoff ist das eine. Was ist mit den Social-Distancing-Massnahmen während der Reise? Bleiben Sie bestehen?

Das würde mich nicht überraschen. So wie nach 9/11 mehr Sicherheitskontrollen zur Norm wurden, könnte die Covid-19-Krise ebenfalls längerfristige Massnahmen nach sich ziehen, an den Flughäfen und an Bord. Die chinesischen Behörden haben Hinweise geliefert, wie die Zukunft des Reisens aussehen könnte. Dort wird die Temperatur der Passagiere gemessen, möglicherweise bald schon mit biometrischen Daten. Die letzten Reihen an Bord werden als Quarantäne-Zone freigelassen für den Fall, dass ein Passagier während eines längeren Flugs krank wird. Auch die Abgabe von Essen und Getränken wird eingeschränkt. So müssen die Flight Attendants nicht mehr die Gänge rauf und runter laufen, haben weniger direkten Kontakt. Aber was würde eine solche Regel für das Flugerlebnis und die Ticketpreise bedeuten? Das ist alles noch unklar.

Zumindest die Reinigung dürfte intensiviert werden.

Ja, davon ist auszugehen. Die Flugzeuge werden über Nacht noch gründlicher gereinigt. Es gibt in der Branche Überlegungen, ultraviolettes Licht für die Tötung von Viren einzusetzen. Möglich wäre also, dass jedes Mal, wenn ein Passagier die Toilette verlässt, das Licht eingeschaltet wird bevor der nächste Passagier die Toilette betritt. Auch in der Kabine selber könnte man es einsetzen. Und natürlich sind auch desinfizierende Sprays eine Variante, die schon heute eingesetzt wird. Ich denke auch, dass das Maskentragen Usus wird und sich die Leute daran gewöhnen werden, so wie in Asien nach der Sars-Krise.

Wie stark wird sich der Markt verändern?

Es wird garantiert zu einer Konsolidierung kommen. Manche Airlines sind ja bereits in Konkurs, oder kurz davor, so wie South African Airways, Virgin Australia oder Norwegian. Aber viele Staaten werden ihren wichtigsten Airlines aushelfen.

Auch einer seit Jahren maroden Alitalia?

Ich denke schon, und ich kann das auch nachvollziehen, denn die Airlines sind wichtige Arbeitgeber. Will man lieber eine defizitäre Airline oder Tausende zusätzliche Arbeitslose? Die Frage ist schwierig.

Auch die Lufthansa-Tochter Swiss benötigt die Hilfe des Staates. Wie beurteilen Sie ihre Zukunft?

Die Swiss ist eine tolle Airline. Aber könnte sie im Zuge der Konsolidierung verschwinden? Möglich wäre es theoretisch, dass die Lufthansa-Gruppe sagt: Ok, wir setzen nur noch auf die Marke Lufthansa, nicht mehr auf Swiss, Austrian oder Brussels. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt, und glaube es auch nicht. Aber auszuschliessen ist nichts, vor allem falls die Krise deutlich länger anhält als derzeit erwartet. Am schwierigsten werden es die luxuriöseren Airlines haben ohne staatlichen Bezug, wie zu zum Beispiel Virgin Atlantic vom Milliardär Richard Branson. Dort geht es mehr um Lifestyle und Luxus. Ihnen werden die Regierungen kaum unter die Arme greifen.

Und was ist mit den Billigairlines?

Easyjet und Ryanair sitzen beide auf sehr viel Cash. Sie sollten die Krise einigermassen gut überbrücken können. Doch mittel- bis langfristig werden auch sie ihr Geschäftsmodell überdenken müssen und vermehrt auch Cargo-Leistungen erbringen müssen, anstatt nur Touristen von Punkt A nach Punkt B zu fliegen für 19 Euro oder noch weniger.

Ihnen droht aber zunehmende Konkurrenz mit dem ausgebauten Zugnetzwerk in Europa.

Für gewisse Distanzen auf jeden Fall, aber nicht aus gesundheitlichen Gründen aufgrund der Covid-19-Pandemie. Die Vorstellung, dass man an Bord von Zügen sicherer ist, ist falsch. Die Abstände zu anderen Passagieren sind ähnlich, oft sitzt man sich gar gegenüber.

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