Interview

Autorin Katja Lewina: «Zum Glück ist mein Mann fremdgegangen»

Die Autorin und Mutter Katja Lewina liebt zwei Männer. Ihr einziges Problem: zu wenig Zeit.

Katja Fischer De Santi
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Katja Lewina. Bild: Steffen Roth

Katja Lewina. Bild: Steffen Roth

Seit fünf Jahren lebt die freie Journalistin Katja Lewina in einer offenen Beziehung und zieht mit ihrem Partner in der Nähe von Berlin drei Kinder gross. Für das Onlinemagazin jetzt.de der «Süddeutschen Zeitung» schrieb die 35-Jährige eine Kolumne über ihr Beziehungsmodell.

Machen Beziehungen mit mehreren Partnern glücklicher oder unglücklicher?

Katja Lewina: In der Summe machen sie glücklicher, das glaube ich schon. Seine Beziehung zu öffnen, bedeutet in erster Linie ein Mehr: mehr Liebe, mehr Sex für alle, nicht ein Weniger. Das verstehen viele Leute nicht. Allerdings gilt das nur, wenn man es schafft, all das Gute, das einem mit anderen widerfährt, in der Hauptbeziehung zu teilen. Aber ich kenne tatsächlich viele Menschen, die hat diese Beziehungsform richtiggehend aufgefressen, die wurden sehr unglücklich.

Polyamorie und offene Beziehung werden gerade viel diskutiert, kennen sie viele andere Paare, die so leben?

Hier in Berlin ist es gerade ziemlich hip, sich polyamor zu nennen. Aber ich habe das Gefühl, es ist oft nur ein Vorwand, sich durch die Gegend zu vögeln, bevor man sich dann doch richtig verliebt und monogam wird. Paare, die das über viele Jahre durchziehen, so wie wir, kenne ich auch in Berlin nur wenige.

Offene Beziehungen sind also mehr Wunschvorstellung als Realität?

Sie sind interessant, aber funktionieren oft nicht wirklich, weil gerade der Anfang so anstrengend ist. Man muss alles aushandeln, wahnsinnig viel reden, seine eigene Befindlichkeit dauernd reflektieren. Eifersucht aushalten. Viele Paare kommen auch nicht über diese erste Zeit hinaus und brechen das Experiment nach wenigen Monaten wieder ab.

Warum hat es bei Ihnen funktioniert?

Weil wir uns gemeinsam dazu entschieden haben. Aus einem Gefühl der Fülle und nicht aus einem Mangel heraus. Die Hauptbeziehung muss stabil und tief sein. Nur mit Vertrauen und Offenheit und gemeinsamen Absprachen funktioniert es. Und man sollte kleine Schritte gehen.

Bei Ihnen war aber das Fremdgehen Ihres Mannes der Auslöser?

Ja, das ist ziemlich typisch. Statt zu reden, geht einer fremd. Ich bin meinem Mann heute fast dankbar, hat er das damals gemacht, das hat so viel in Bewegung gebracht.

Betrug ist eine ziemlich schwierige Ausgangslage.

Ja, wir mussten zuerst viel Beziehungsarbeit leisten, wieder Vertrauen aufbauen. Das hat fast ein Jahr gedauert. Das Gute war, dass wir alles auf den Tisch legten und uns beide fragten, was wir eigentlich wollen.

Und was wollen Sie?

Mein Mann und ich halten es ganz mit Simone de Beauvoir — wir wollen alles vom Leben. Also ermöglichen wir uns trotz gemeinsamer Familie gegenseitig so viel, wie nur irgendwie geht, beruflich wie privat.

Klingt toll, aber wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Natürlich straucheln auch wir hin und wieder, vermissen einander oder Zeit allein. Aber ein Paar, dem das nie passiert, würde ich echt gern mal kennenlernen. Wir begreifen uns als Team. Das Wichtigste ist unsere Familie. Wenn es hier nicht läuft, läuft gar nichts. Darum stehen die Bedürfnisse unserer Kinder und die von uns als Paar an allererster Stelle. Unsere Aussenbeziehungen haben letzte Priorität. Was für diese nicht einfach ist. Ich habe Glück und einen in dieser Hinsicht sehr entspannten Mann kennengelernt. Er weiss, so was wie Alltag mit mir bekommt er nicht. Aber er ist ein wichtiger Teil meines Lebens.

Wissen Ihre Kinder von Ihrer Aussenbeziehung?

Ja, es wäre sehr unnatürlich, ihnen das zu verheimlichen. Und sie haben alle schon gefragt, ob ich meinen Freund mehr liebe als Papa. Meine Antwort ist immer die gleiche: «Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der es Papa nicht gibt. Papa, das ist mein Mann, und L., das ist mein Freund.» Meine drei Kinder wissen nicht nur, dass es noch einen weiteren Mann in meinem Leben gibt, sie haben im letzten Jahr auch dafür gesorgt, dass er zu einem Teil unserer Familie wurde.

Haben Sie keine Angst, dass Ihr Beziehungsmodell Ihre Kinder verstört?

Eltern sollen gemeinsame Abmachungen treffen, was und wie viel sie den Kindern und auch dem Umfeld anvertrauen wollen. Die Kinder wissen vielleicht, dass es bei ihren Eltern anders läuft als bei anderen Eltern. Doch solange sie sich der Liebe ihrer Eltern gewiss sind, können sie damit umgehen. Kinder, deren Eltern unzufrieden mit ihrer Beziehung sind, leiden meiner Meinung nach mehr als Kinder, deren Eltern ein unkonventionelles Beziehungsmodell leben, aber glücklich miteinander sind.