Führen autonome Autos zu mehr Verkehr?

Gemäss einer aktuellen Studie der ETH kann der Umstieg auf selbstfahrende Autos zu mehr Stau führen. Nun widerspricht ein Experte.

Bruno Knellwolf
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Wenn jeder ein selbstfahrendes Auto hat, stehen vielleicht sogar leere Autos in den Verkehrskolonnen. (Bild: Laurent Gillieron/Keystone)

Wenn jeder ein selbstfahrendes Auto hat, stehen vielleicht sogar leere Autos in den Verkehrskolonnen. (Bild: Laurent Gillieron/Keystone)

Von selbstfahrenden Autos erhofft man sich weniger Stau und viel mehr Sicherheit. Mit gutem Grund, sind menschliche Fehler am Steuer doch weitaus die häufigste Unfall- und Todesursache im Strassenverkehr. Einige Autohersteller forschen emsig an solchen Autos und zumindest die Teilautomatisierung ist in den neuen Fahrzeugen weit vorangeschritten.

Doch eine aktuelle Studie von Kay Axhausen, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich, zeigt, dass der automatisierte Verkehr nicht in jedem Fall die erwünschte Wirkung erzielt. In seiner Studie im Auftrag der Schweizerischen Vereinigung der Verkehrsingenieure, finanziert vom Bundesamt für Strassen, hat Axhausen mit seinem Team simuliert, wie sich das Verkehrsaufkommen in der Stadt Zürich durch die Einführung von automatisiertem Verkehr im Laufe von 20 Jahren verändern könnte.

Keine privaten 
autonomen Autos

Das Ergebnis der Studie ist überraschend: Ein Verkehr mit selbstfahrenden Autos könnte demnach die Anzahl gefahrener Kilometer sogar erhöhen. Der Besitz an Personenwagen werde sich nur dann reduzieren, «wenn selbstfahrende Fahrzeuge privat nicht erworben werden können.» Ansonsten kauft Herr Schweizer statt eines herkömmlichen Autos einfach eines mit Autopilot.

Zu verlockend wäre diese Kombination von Flexibilität und der Möglichkeit, im Auto zu lesen und zu arbeiten. «Insbesondere, wenn alle Familienmitglieder das Fahrzeug nutzen können», schreibt Axhausen. Die Autoren legen den Behörden deshalb nahe, die Einführung selbstfahrender Autos zu regulieren. Besser sieht das Studienergebnis für die automatisierte Taxiflotte aus. Der Einsatz von 3000 selbstfahrenden Taxis ist der Optimalfall und würde den Individualverkehr in Zürich reduzieren.

Die Fahrgewohnheiten verändern sich

Die ETH-Studie sei sauber gemacht, sagt Andreas Herrmann, Direktor am Institut für Customer Insight der Universität St. Gallen, der sich schon länger mit dem automatisierten Verkehr befasst und dazu zwei Bücher veröffentlicht hat. Das Problem sei aber, dass man den heutigen Verkehr direkt mit dem Alternativszenario des vollautomatisierten Verkehrs vergleiche. «Die Fahrgewohnheiten von heute werden in die autonome Welt hineintransportiert. Das ist im Prinzip auch die Basis der Axhausen-Studie. Aber die Welt ist viel komplizierter».

Herrmann zeigt ein Versuchs-Video. Etwa zwanzig normale Autos fahren in einem Kreis. Sie stocken, fahren wieder - Stop & Go. «Wir überreagieren im Verkehr, wir beschleunigen und bremsen zu stark». Im zweiten Versuch fährt ein selbstfahrendes Auto im Kreis mit. Der Kreisverkehr beruhigt sich, die Abstände zwischen den Autos verringern sich, das Stop & Go verschwindet. «Diese Münchner Studie zeigt, dass der Einsatz eines autonomen Fahrzeugs eine Treibstoff-Reduktion von bis zu 40 Prozent ergibt», sagt Herrmann. «Wir haben heute schon viele Möglichkeiten, den Verkehr durch Automatisierung effizienter zu machen». Zum Beispiel mit der Kommunikation von Auto zu Auto.

«Da sind viele Länder voran. Schweden hat in Göteborg ein solches Projekt, Singapur auch, die USA mehrere. Die Software-Industrie geht dorthin, wo es solche Testgebiete gibt», sagt Herrmann. Deshalb habe er schon der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard vorgeschlagen, auch in der Schweiz solche Tests zu ermöglichen. «Singapur will der Versuchsort sein für die neue Mobilität. So eine Aussage hätte ich für die Schweiz erwartet». Herrmann geht nicht davon aus, dass selbstfahrende Autos in Zukunft in Privatbesitz sein werden.

Schon heute verzichten immer mehr junge Menschen auf ein eigenes Auto, Sharing-Modelle haben Aufwind. Am weitesten sind die Tests in Singapur im Stadtteil OneNorth. Dort gibt es autonome Autos nur im Flottenbetrieb und diese werden per App bestellt. Die Vorteile seien deutlich zu sehen. In erster Linie die Sicherheit, also weniger Unfälle, zudem Flächenersparnis und Effizienz. «Der Haupt-Sprit-Treiber ist Stop&Go. Und gerade für die Schweiz ist wichtig, dass der Flächenverbrauch für Strassen kleiner wird. Boston hat so in einem Stadtteil für 100 Millionen Dollar Flächen freigeschaffen».

Noch Jahrzehnte bis zum autonomen Verkehr

Sicher sei, dass es noch Jahrzehnte dauern werde bis zum vollautonomen Strassenverkehr. «Das werden wir nicht mehr erleben». Bis dann muss der herkömmliche mit dem autonomen Verkehr verschmelzen. In den USA würden für die selbstfahrenden Autos eigene Spuren geschaffen, das sei in der Schweiz schwierig. Deshalb werde man bei uns nicht auf Hauptstrassen beginnen, sondern so wie in Singapur in separaten Quartieren, unter Kontrolle einer Leitzentrale. «Es bringt überhaupt nichts, wenn jede Schweizer Stadt ihren autonomen Bus möchte, der auf einer Strecke von zwei Kilometer hin- und herfährt. Wir brauchen die Vernetzung der Verkehrsträger, den nächsten Schritt hin zur neuen Mobilität. Die Politik sollte jetzt die Weichen dafür stellen.»

In den USA hat die Alphabet-Tochter Waymo diese Woche von der kalifornischen Behörde die Genehmigung erhalten, zukünftig Passagiere per Robotaxi zu befördern. Mit der Genehmigung hat der Google-Konzern eine grosse Hürde im hart umkämpften Markt der selbstfahrenden Autos genommen.