Expats
Ausländer auf Zeit: Was es heisst, als Familie auszuwandern

Viele Eltern träumen von einem aufregenden Expat-Leben. Wer den Schritt wagt, fühlt sich aber in der neuen Heimat manchmal wie «im falschen Film».

Manuela von Ah
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Mit der Familie in die Fremde ziehen – für nicht berufstätige Frauen ist das schwierig.

Mit der Familie in die Fremde ziehen – für nicht berufstätige Frauen ist das schwierig.

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Die Wohnung ist geräumt, das Kätzchen bei Verwandten untergebracht, die Container verschifft – die Reise kann beginnen. Was bevorsteht, ist keine Abenteuerreise in Schrumpfform. Keine Wildtier-Safari mit Sicherheitsgarantie, sondern eine mehrjährige Expedition in den Alltag einer fremden Kultur. Singapur, Serbien oder Senegal – wohin auch immer auf dem Globus es eine Familie verschlägt, sie muss das Land und die Menschen wie ethnologische Feldforscher auskundschaften. Wer stur seiner Herkunftskultur verhaftet bleibt, hat es schwer. Alle anderen aber nehmen Erfahrungen mit nach Hause, von denen sie ein Leben lang zehren.

Nach einer anfänglichen Euphorie, der sogenannten «Honeymoon-Phase», erleben Reisende oft einen Kulturschock – den Sturz in das Gefühl, sich «im falschen Film» zu bewegen. Man versteht die Welt nicht mehr: Weshalb erlaubt sich der Geschäftspartner eine halbe Stunde zu spät zu erscheinen – und nicht den Anflug einer Entschuldigung bereitzuhalten? Warum tritt die neue Nachbarin unangekündigt und ohne anzuklopfen in unser Haus? Und weshalb wird das eigene Handeln misstrauisch beäugt oder gar kritisiert? Ein Kraftakt für die Neuankömmlinge. Allmählich aber entwickelt man Verständnis für das Gastland und die zur Heimatkultur abweichenden Normen. Willkommen in der neuen Normalität!

Die Familiendynamik

Eine Expat-Familie verpflanzt sich sozusagen als ganzes System. Zu Hause Eingespieltes funktioniert plötzlich nicht mehr, die Dynamik unter den Familienmitgliedern verändert sich.
Häufig ist die Situation der begleitenden Mutter eine der grössten Herausforderungen.

Während auf den Mann – die meisten Entsandten sind Männer – oft kurz nach Ankunft ein Arbeitsplatz und ein Team warten und die Kinder zur Schule gehen, sieht sich die Frau einem strukturlosen Alltag gegenüber. Ihr Job, das soziale Umfeld, die vertraute Routine sind weggebrochen wie morsche Äste. Auf sie kommen neue Herausforderungen zu. «Da mein Mann von der Arbeit fast verschluckt wird, trage ich die alleinige Verantwortung für das Management zu Hause. Ich bin auch diejenige, die Kontakte knüpft und verstehen muss, wie der Hase läuft», sagt Lian Urbain, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Tokio lebt.

Hinzu kommt, dass Expat-Partnerinnen in den meisten Ländern zwar eine Aufenthalts- aber keine Arbeitsbewilligung erhalten. Wenn dennoch eine solche zur Verfügung steht, scheitert ein Arbeitsvertrag an nicht anerkannten Abschlüssen oder fehlenden Sprachkenntnissen. Ein Kunststück, sich in dieser Situation eine neue Struktur aufzubauen.

Die Kinder

Sie werden auch «Third Culture Kids» oder Drittkulturkinder genannt. Denn die Kinder der Expats müssen sich nicht nur mit einer neuen Sprache und einer anderen Schulkultur abmühen – sie stecken je nach Alter mitten in der Suche nach der eigenen Identität. Mode, Slang und Trends unterscheiden sich im Gastland manchmal grundlegend und es braucht Zeit, auch die subtilen Unterschiede zu verinnerlichen.

Die Ablösung von den alten Freunden im Herkunftsland schmerzt, das Vertrauen zu neuen muss zuerst wachsen. Um den Kulturschock bei den Kindern etwas abzufedern, empfehlen Fachleute, den Kindern ein «transportables» Gefühl von Heimat zu vermitteln: im Ausland weiterhin einen Sonntagszopf zu backen, Fotos und Zeichnungen aufhängen, die bereits im Wohn- und Kinderzimmer in der Schweiz Geborgenheit vermittelten.

Nichtsdestotrotz: Kinder saugen die neue Umgebung auf wie Schwämme. Zur Sozialisierung im Heimatland gesellt sich die «Zweitsozialisation» im Gastland – und verschmilzt zu einem dritten, sehr persönlichen Kulturempfinden.

Soziale Netzwerke

Christoph Kolumbus segelte zwei Jahre um die Welt, ohne ein Lebenszeichen in die Heimat schicken zu können, die Weltenbummler der 70er-Jahre liessen ihre Angehörigen noch immer zwei Monate im Ungewissen. Heute aber bedeutet ein Auslandaufenthalt nicht mehr, von zu Hause abgeschnitten zu sein.

Grosseltern und Freunde in der Schweiz sind zu jeder Tages- und Nachtzeit innerhalb von Minuten erreichbar – dank Facebook, Skype, WhatsApp & Co. Das schätzt auch die Familie Schuhmacher, die in Dubai lebt. «Manchmal ist es schön, mal per Skype in Schweizerdeutsch über Sorgen und Probleme reden zu können», sagt Susanne Göpfert Schuhmacher, Mutter von zwei Kindern. Fachleute empfehlen daher, virtuelle Treffen mit den Lieben in der Schweiz zur regelmässigen Routine werden zu lassen. Mit einem Blog oder Instagram-Fotos kann man den Daheimgebliebenen sogar das Gefühl vermitteln, am fernen Alltag und Abenteuer teilzuhaben.

Rechtliche Aspekte

Ein Aufenthalt im Ausland dauert in der Regel maximal vier Jahre. Danach könnten Expats meist nicht mehr im Schweizerischen Sozialversicherungssystem verbleiben und es würden Deckungslücken bei AHV und Pensionskasse entstehen.

Arbeitgeber gleisen im Vorfeld vieles für den Entsandten und seine Familie auf und kümmern sich um Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, um Steuer- und Sozialversicherungsfragen. Was junge Expat-Eltern manchmal überrasche, sei die Aufforderung zur Heirat, erklärt Sabrina Vogelsang, Leiterin Global Mobility Services bei Siemens: «Ich muss vermehrt Paare darauf hinweisen, dass in vielen Ländern nur verheiratete Mitreisende ein Visum erhalten.»
In der Schweiz ist das Konkubinat mittlerweile normal, nicht aber in arabischen Staaten oder den USA. Umgekehrt, erklärt Sabrina Vogelsang, müssten auch ausländische Expats-Partner verheiratet sein, um in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten.

Die Rückkehr

Irgendwann ist das Abenteuer zu Ende, die Container mit den Möbeln in die Heimat verschifft, die neue Wohnung bezogen, das Büsi wohlauf. Sprache und Kultur sind kein Problem mehr, die alten Freunde noch da – und doch fühlt man sich irgendwie bedrückt. Dass auch die Heimkehr einen sogenannten Eigenkultur-Schock auslösen kann, wird häufig unterschätzt.
Expat-Eltern müssen sich nach der Rückkehr erneut zurechtfinden. Aber auch deren Kinder. «Unsere Tochter war traurig, als sie sich von ihren Freundinnen und den asiatischen Betreuerinnen verabschieden musste», sagt Daniela Russ, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Singapur lebte. «In der Schweiz schlägt sie wieder Wurzeln. Sie soll jetzt Heimatgefühle entwickeln können. Die Verluste sind sonst zu gross.»