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Aus der Tiefe in die Zukunft singen

«De Profundis» heisst das Chorwerk, das Bernhard Ruchti zum Reformationsjubiläum komponiert hat. Am 7. September wird es in St. Laurenzen uraufgeführt und soll hinauswirken in eine sich weiterentwickelnde Kirche mit 500-jährigem Erbe.
Bettina Kugler
Der Organist und Pianist Bernhard Ruchti ist künstlerischer Leiter der Laurenzen-Konzerte in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Der Organist und Pianist Bernhard Ruchti ist künstlerischer Leiter der Laurenzen-Konzerte in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Sprache ist sinnlich und leidenschaftlich wie oft in Psalmen. Mit einer gängigen Übersetzung des ersten Verses von Psalm 130 beginnt der Text des deutschen Lyrikers Bernd Marcel Gonner tatsächlich: «Aus der Tiefe rufe ich, Herr, / – verstöre mich! / Spül meine Ohren mit Salz / und netze meine Augen mit Glut / – aber betöre mich!» Dann aber springt in der Neudichtung des Psalms eine Zeile ins Auge, die heutig wirkt. Selbstbewusst tönt sie und setzt sich im Gedächtnis fest: «Ich will selber sündigen. / Entlasse dich in die Welt.»

«Sünde» allgegenwärtig im Gesangbuch

«Sünde»: ein Begriff, der selbst Kirchenmusikern wie Bernhard Ruchti nicht leicht über die Lippen geht. Dabei ist er im Berufsalltag allgegenwärtig. Ruchti begegnet der Sünde in ­etlichen der althergebrachten Lieder im Evangelischen Gesangbuch, in Choraltexten von Martin Luther, in Bach-Kantaten, in den Passionsmusiken. «Was Sünde ist, kann sehr verschieden interpretiert werden», sagt der St. Galler Musiker – etwa als Getrenntsein von Gott, als Fixierung des Menschen auf sich selbst. Theologische Vertiefung ist für Bernhard Ruchti untrennbar von seiner musikalischen Praxis an der Orgel und beim Komponieren.

Laurenzen-Konzerte 2018

Das erste der insgesamt drei Konzerte in der Kirche St. Laurenzen am 7. September («Jauchzet dem Herrn») umspannt 500 Jahre reformierte Kirchenmusik. Der Konzertchor St. Gallen, Solisten und ein Instrumentalensemble unter der Leitung von Bernhard Bichler führen neben Werken von Schütz, Bach, Mendelssohn, Willy Burkhard und Ola Gjeilo Bernhard Ruchtis «De Profundis» auf. Am 14. September steht «Violinen-Magie» ­­ mit der amerikanischen Geigerin ­Michelle Makarski auf dem Programm. Sie wurde unter anderem durch ihre Zusammenarbeit mit dem Jazzpianisten Keith Jarrett bekannt. Den Abschluss bildet ein Meisterwerk der Kammermusik in historischem Tempo: Beethovens Klaviertrio c-Moll, langsamer, als es aufgrund der angegebenen Metronomzahl üblicherweise gespielt wird, verspricht ein neuartiges, vertieftes Hörerleben: mit Corinna Canzian, Esther Saladin und Bernhard Ruchti. (bk.)

Schwerpunkt auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts

Das Wort, das vielen Zeitgenossen den Glauben schwermacht, sie von Kirche und Gottesdienst entfremdet hat, kommt forsch daher in «Auf die Tiefe: Ein irdisch’ Fahrtenlied». Ruchti selbst hat den Text bei Bernd Marcel Gonner in Auftrag gegeben, als Ausgangspunkt für ein Chorwerk zum Reformationsjubiläum. Im September wird es im ersten der drei Laurenzen-Konzerte uraufgeführt; es wird im Zeichen von 500 Jahren reformierter Kirchenmusik stehen.

«Mir war wichtig, dass trotz des Jubiläums und des damit verbundenen Blicks in die Geschichte der Schwerpunkt klar auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts liegt», betont Ruchti als künstlerischer Leiter der Konzertreihe. «Ein Jubiläum birgt die Gefahr, sich in vergangene Zeiten zu flüchten. Dabei sollten wir ­unbedingt überlegen, was wir tun können, damit es auch noch ein 600-Jahr-Jubiläum der reformierten Kirche geben wird.»

Es freut ihn, dass der St. Galler Konzertchor unter der Leitung von Bernhard Bichler seine gut 10-minütige Komposition «Auf die Tiefe (De Profundis)» in der Uraufführung singen wird – neben Werken von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Willy Burkhard. Musik des 21. Jahrhunderts kommt, abgesehen von der «De Profundis»-Uraufführung von David Lang und dem 1978 geborenen Norweger Ola Gjeilo.

«Der Mittelteil ist sehr wild und energetisch»

«Der Konzertchor hat viele junge Stimmen; die meisten sind ­Ehemalige der Singschule», sagt Ruchti. Hinzu kommen vier Solisten und ein Ensemble aus Geige, zwei Hörnern, Kontrabass, Orgel und Percussion – diese wird eine tragende Rolle spielen. Die Proben haben im April begonnen; an einem Wochenende im Juni hat der Komponist sein in einem mehr als einjährigen Arbeits­prozess entstandene Stück zum ersten Mal gesungen gehört. «Auf die Tiefe» ist expressiv und braucht viel Körperspannung beim Singen. «Es beginnt ganz leise und bricht dann auf», sagt Bernhard Ruchti und zeigt die Entwicklung im mitgebrachten Klavierauszug; «der Mittelteil ist sehr wild und energetisch.» Dur und Moll, die klassischen Tongeschlechter, hat Bernhard Ruchti von festgelegten harmonischen Funktionen befreit. Damit verliert die Musik das Zielgerichtete, wird eher räumlich als linear wahrgenommen, wie etwa auch in der Minimal Music eines Philip Glass oder John Adams.

Den Lyriker Bernd Marcel Gonner kennt und schätzt Ruchti seit langem; er mag seine kernige Sprache. Gonner schreibt auch Bücher für Kinder, die Gedichte mit religiösem Hintergrund sind nur eine Facette seines Werks. «Der Text war ein steiler Pass für Musik, wie ich sie gern habe.»

Livemitschnitt auf Youtube

Er selbst ist vielseitig, spielt ­romantische Orgelmusik ebenso gern wie Stummfilmmusik auf der Wurlitzer-Orgel, er korrepetiert in Proben des Bach-Chors, war Mann am Flügel in Regine Weingarts Chanson-Rendez-vous zwischen Jacques Brel und Hildegard Knef. Wichtig war Bernhard Ruchti von Anfang an, dass «De Profundis» für einen guten Laienchor zu bewältigen ist. Um es bekannt zu machen, wird am 7. September ein Live-Mitschnitt gemacht und anschliessend auf Youtube gestellt. Es soll kein Stück werden, das – wie viele zeitgenössische Kompositionen – nach der Uraufführung in der Schublade verschwindet, in Ewigkeit, Amen. Sondern das über St. Laurenzen hinauswirkt, in eine sich weiterentwickelnde Kirche mit 500-jährigem Erbe.

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