Aus der Natur geholt

Er ist 90 und scheint kein bisschen müde. Das Museum Liner Appenzell widmet Gottfried Honegger eine Ausstellung, die sein Schaffen seit den Anfängen zeigt und den Schwerpunkt auf jüngste Arbeiten legt.

Ursula Badrutt Schoch
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Gottfried Honegger: Tableau-Relief Z 41, 1962, Öl auf Kunstharzguss. (Bild: Museum Liner, Appenzell)

Gottfried Honegger: Tableau-Relief Z 41, 1962, Öl auf Kunstharzguss. (Bild: Museum Liner, Appenzell)

«Landschaft», «Blatt», «Weisse Frucht» – die Arbeiten des 1917 geborenen Zürcher Künstlers Gottfried Honegger, mit welchen die Ausstellung «Gottfried Honegger, Geheimnis der Geometrie» eröffnet wird, überraschen in ihrer Naturnähe und ihrem Gegenstandsbezug. Die organischen Formen und der flirrende Umgang mit Farbe scheinen wenig mit den abstrakten Gebilden und Gemälden der späteren Jahre zu tun zu haben.

Doch ist es präzis dieser Übergang von der erkennbaren zur gegenstandslosen Form, die Honegger stets interessiert und die er damals, Anfang der 50er-Jahre, in seinem Schaffen präzis wie kaum jemand formuliert hat.

Aus Bubenzeiten

Seine Kunst, so steht für ihn bis heute fest, stammt unmittelbar aus der Natur und bildet sie auch ab. Samen, Zellen, Felsen gliedern den Ausblick auf die dunkel wogende Fläche. Die «sinnlichen, die rätoromanischen Buben-Erlebnisse», wie der in Sent aufgewachsene Honegger diese seine Seite selber formuliert, sind im frühen Schaffen explizit und gut sichtbar.

Die Werke der 50er-Jahre künden in ihrer Reduktion auf das Wesentliche das Arbeiten mit Modulen an. Die Ausstellung im Museum Liner legt den Schwerpunkt zwar auf das aktuelle Schaffen und hebt sich darin auch von beiden anderen diesjährigen Ausstellungen zu Ehren Honeggers an der ETH und im Haus Konstruktiv in Zürich ab. Sie hat aber gut daran getan, die Entwicklungslinien trotz dieser Konzentration auf jüngst entstandene Werke offenzulegen.

Konzipiert ist die Schau als Verkaufsausstellung im musealen Raum; «Geheimnis der Geometrie» ist in enger Zusammenarbeit mit der Galerie am Lindenplatz Vaduz und der Galerie von Iris Wazzau in Davos entstanden, die auch im Stiftungsrat der Stiftung Liner Einsitz hat und als Galeristin Honegger vertritt.

Mit der Wand als Welt arbeiten

Den in Zürich im Haus Konstruktiv ausgestellten (und im Appenzellerland hergestellten) grossen Teppichen antworten in Appenzell kleine Häkelarbeiten in Vitrinen. Es sind nach Honeggers Entwürfen ausgeführte Arbeiten von Mangia Etter-Maranta. Solche aus Eigeninitiative der Herstellenden herausgewachsene autonome Werke hat Honegger nicht nur geduldet, sondern als gleichberechtigtes Nebeneinander von Kunst und Kunsthandwerk stets gefördert.

Aus den 70er- und 80er-Jahren sind eine Reihe von Tableau-Reliefs in Appenzell zu sehen, jene Tafelbilder, die aus der Wand wachsen und zu Objekten werden. «P 752» aus dem Jahr 1975 – «P» bezeichnet jeweils den Entstehungsort, in diesem Fall Paris, die Nummern sind fortlaufend – zeigt eine achteckige Form, die sich aus geometrisch unterteilten Kartonstreifen zusammensetzt. In der Mitte gibt ein Schlitz den Blick frei auf die darunterliegende Wand. Die Wand als ein Stück Welt will Honegger einbezogen wissen.

Bonbonfarben im Alter

Der Strenge der modularen Einheit widerspricht die handbearbeitete Graphitstruktur, die sich über die bräunliche Fläche legt. Mit Ausnahme der Farben sind in dieser Zeit alle Faktoren und Eigenheiten des späten Schaffens bereits ausgebildet. Die Umgebung als eigenständiger Beitrag zum Bild wird immer wichtiger.

Die Hälfte der Räume widmet sich Werken, die in den letzten paar Jahren entstanden sind. Eine Reihe bonbonfarbener Wandobjekte färben die Umgebung ein und verändern die Räume mit dem Licht im Laufe des Tages.

Eines der Raumkompartimente ist gefüllt mit «Pilagen», die als Modellarbeiten und Unikate zu verstehen sind und das wichtige Thema der Skulpturen im öffentlichen Raum vertreten. Die Frische und der Wagemut, die der Künstler mit den teils in Cannes, teils in Zürich entstandenen Werken seit 2000 an den Tag legt, verblüffen und erfreuen.

Schaffenslust

Honegger liebt jede Farbe. Eine Symphonie voll Schaffenslust breitet sich zum Schlussakkord aus. Jugendliches Lila, Orange, Himbeer, Königsblau, Pink umspielen einander. Offene Stellen sind von Metallrahmen umfasst und behalten den Kontakt zur Wand als Teil der Arbeit. Über die Farben legen sich in handschriftlicher Emotionalität Bogenlinien in weisser Ölkreide. Die Körperbewegungen des Künstlers sind darin eingeschrieben. Sie verknüpfen die scheinbar polar einander entgegengesetzten Felder von Fläche und Raum, Berechnung und Zufall, Geist und Körper, von Apollinischem und Dionysischem miteinander, versöhnlich und liebevoll.

Ein Stück Paradies blitzt auf. Wie am Ende des Herbstes die flirrenden Lärchennadeln in buntgefärbten Wäldern beim ersten Frost zu Bubenzeiten.

Museum Liner Appenzell, bis 10. Februar, Di–Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr, Katalog Steidl Göttingen, Fr. 42.–. Die Ausstellung begleitet der Porträtfilm von Emil Schwarz «Zeichen setzen und Welt gestalten».