Augen auf und durch

Filme an der Grenze von Dokumentation und Fiktion prägten dieses Jahr den überaus ausgeglichenen Wettbewerb in Cannes. Auch einen Tag vor Schluss sind Prognosen über das Jury-Verdikt kaum möglich.

Thomas Allenbach
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Er hat jetzt die Qual der Wahl: Jurypräsident Sean Penn. (Bild: rtr/Vincent Kessler)

Er hat jetzt die Qual der Wahl: Jurypräsident Sean Penn. (Bild: rtr/Vincent Kessler)

Ein Wettbewerb ganz nach dem Geschmack des Jurypräsidenten Sean Penn? Die aktuellen Katastrophen würden seine Wahrnehmung beeinflussen, sagte der Schauspieler und Regisseur am Anfang des Festivals. Er wolle im Kino spüren, dass sich die Filmemacher bewusst seien, in welchen Zeiten sie leben. Sein Wunsch wurde erhört.

Der Wettbewerb begann mit katastrophischen Bildern, mit Fernando Meirelles' ambitiöser Endzeit-Allegorie «Blindness». Augen auf und durch! hiess ab da die Devise. Denn es folgten gleich mehrere Beiträge, die man durchaus als Katastrophenfilme – wenn auch nicht im Genre-Sinn des Wortes – bezeichnen könnte. Filme über dysfunktionale Familien, korrupte Behörden, Gewalt und Elend, aber auch über künstlerische Katastrophen, wie Charlie Kaufmans Regiedebüt «Synecdoche, New York», eine obsessive Selbstanalyse mit Philip Seymour Hoffman als Theaterregisseur auf der Suche nach dem wahren Leben in der Kunst. Den widrigen Verhältnissen setzen die Filmemacher mutige Individuen entgegen, Frauen, Mütter zumeist. Clint Eastwood feiert in «Changeling» Angelina Jolie als Kämpferin gegen Übergriffe durch die Polizei von Los Angeles. Der Argentinier Pablo Trapero erzählt in «Leonera» mit den Mitteln des Neorealismus vom Kampf einer jungen Frau, die im Gefängnis zur Mutter wird und wie eine Löwin um eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Kind kämpft.

Kakophonie des Alltags

Traperos Hauptdarstellerin Martina Gusman zählt genauso zu den Anwärterinnen auf die Palme für die beste Schauspielerin wie Arta Dobrohi, die Heldin in «Le silence de Lorna» der Gebrüder Dardenne. Dobrohi spielt eine junge Albanerin in Belgien, die sich nach einer arrangierten Heirat aus den Abhängigkeiten von Männern und Drahtziehern zu entziehen versucht, die sie zum Objekt degradieren. Die Kamera ist viel ruhiger als in «L'enfant», der Film insgesamt konventioneller, weniger harsch, er geht einem aber dennoch wieder unter die Haut.

Charakteristisch für den diesjährigen Wettbewerb ist die Häufung von Filmen, die sich auf der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion bewegen. So enthüllt der Israeli Ari Folman in «Waltz with Bashir» mit den Mitteln des Animationsfilms seine Sicht auf die Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Shatila. Der Chinese Jia Zhangke erzählt in «24 City» vom Strukturwandel in China am Bespiel einer Fabrik in Chengdu, die einem Luxusquartier weicht, und lässt die Erinnerungen von Arbeiterinnen zum Teil von Schauspielerinnen erzählen.

Ganz nah an der Realität sind auch der Brasilianer Walter Salles und Daniela Thomas in «Linha de passe». In dem von grosser Menschlichkeit geprägten Film erzählen sie von vier Brüdern, die in Sao Paulo ihren Träumen zu folgen versuchen, ohne in die Kriminalität abzustürzen. Mit drastischer Direktheit stürzt Brillante Mendoza in «Serbis» das Kinopublikum in den Alltag einer Familie, die auf den Philippinen ein Pornokino führt, das auch als Bordell dient. Der wilde Mix aus dokumentarisch wirkendem Naturalismus, Soap-Elementen, Sexszenen und der ungefilterten Abbildung eines kakophonischen Alltags wurde von den Kritikern fast einhellig als ungoutierbar verrissen – dabei zählt der Film zu den vitalsten Beiträgen im Wettbewerb.

Mumie Andreotti

Zu den positiven Überraschungen zählte für einmal das italienische Kino. Wie der brillante Mafiafilm «Gomorra» befasst sich auch «Il divo» mit einem trüben Kapitel italienischer Realität: Der von Skandalen und Prozessen geprägten Karriere des «ewigen» Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Regisseur Paolo Sorrentino zeigt Andreotti in seiner bitterbösen Dokufarce als seelenlose Mumie. Der Film ist gespickt mit visuellen Einfällen und Anspielungen, die allerdings nur ganz versteht, wer mit den italienischen Verhältnissen vertraut ist.

Prognosen über das Palmar?s lassen sich dieses Jahr kaum machen, zu ausgeglichen ist das Feld, aus dem eigentlich nur der Film maudit «Serbis» heraussticht. Reizt Sean Penn die Provokation? Erinnert ihn Steven Soderberghs «Che» an seinen «Into the Wild»? Schlägt sein Herz für seinen väterlichen Freund Clint Eastwood? Oder für das visuell berückende Drama «Three Monkey» von Nuri Bilge Ceylan? Alles ist möglich.

Und noch stehen drei Filme aus, darunter auch Laurent Cantets «Entre les murs», dem der Ruf vorauseilt, ebenfalls Preis-Chancen zu haben.

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