«Aufbruch wäre angezeigt»

Kirchliche Amtsträger stehen als Menschen unter Beobachtung. Angelica Grewe, Pfarrerin in Arbon, über den «Fehltritt» einer Bischöfin – und die Gratwanderung zwischen Predigt und Leben.

Bettina Kugler
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Wo die Seele auftankt, ist Angelica Grewes Arbeitsplatz: Als Pfarrerin hat sie eine Siebentagewoche in Sachen Glaubwürdigkeit. (Bild: Reto Martin)

Wo die Seele auftankt, ist Angelica Grewes Arbeitsplatz: Als Pfarrerin hat sie eine Siebentagewoche in Sachen Glaubwürdigkeit. (Bild: Reto Martin)

Unsere Kirche – eine Tankstelle», wirbt ein Transparent über dem Eingangsportal der evangelischen Kirche in Arbon. Als müsse es ein Lebenszeichen setzen: Hier will jemand etwas mitteilen. Hier darf man eintreten, bekommt womöglich etwas gratis. Nicht allen gefällt die Verzierung der trutzigen Fassade; die meisten werden sie kaum zur Kenntnis genommen haben.

Doch für Angelica Grewe ist die Fastenaktion ihrer Kirchgemeinde ein Signal; eine Einladung, auch im Alltag gelegentlich die Batterien im Gebet aufzuladen; der Seele Treibstoff zu gönnen, um etwas in Bewegung zu bringen. «Aufbruch wäre in unserer Kirche angezeigt», sagt die Theologin und denkt dabei nicht nur an die eigene Gemeinde.

Kirche am medialen Pranger

Die Tankstelle hat derzeit eine denkbar schlechte Presse.

Sei es die katholische Kirche mit ihren sich häufenden Fällen von sexuellem Missbrauch in Schulen oder Pfarreien, sei es ihre evangelische Schwester, deren erst neulich gewählte Vorsitzende in Deutschland, die Hannoveraner Landesbischöfin Margot Kässmann, vor drei Wochen zurücktrat, nachdem die «Bild»-Zeitung ihre nächtliche Autofahrt mit 1,5 Promille öffentlich machte: Das Image der Institutionen, ohnehin schon angekratzt, verträgt solche persönlichen Fehltritte nicht gut.

Ein paar Tage am medialen Pranger genügten, und Margot Kässmann war erledigt. Schlagzeilen wie «Lalleluja», Internet-Kommentare wie «Wasser predigen, Wein saufen» waren für die 52jährige Vorzeigeprotestantin, geschiedene Mutter von vier Töchtern, nach eigener Aussage «mit der Würde des Amtes nicht vereinbar». In der Häme und Heftigkeit der öffentlichen Diskussion schwang nicht zuletzt eine Enttäuschung darüber mit, dass nicht einmal mehr auf «Berufsmoralisten» Verlass ist in einer Zeit mit schwindenden, allgemein verbindlichen Werten.

«Die Gratwanderung zwischen Beruf, Amt und Privatleben ist besonders im kirchlichen Dienst schwierig», weiss Angelica Grewe aus eigener Erfahrung und von vielen Kollegen. Wir sitzen in der Cafeteria im Parterre des Arboner Pfarrhauses mit Blick auf Kirche und Garten, gleich nebenan ist das Sekretariat. Das Haus Lichtenberg ist Inbegriff einer Lebensform, die fest in der Gemeinde wurzelt; die Kirche hier oben erscheint, ob mit oder ohne Spruchband, als gebautes Zeichen eines exponierten Amtes: «Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben», heisst es im Evangelium.

Weithin ist der Kirchturm sichtbar; von Pfarrern wird Ausstrahlung, ein leuchtendes Vorbild erwartet. Glaubensfestigkeit allein genügt nicht, Glaubwürdigkeit misst sich stark an der Person.

Luxus Unerreichbarkeit

Das schliesst auch Angehörige mit ein. «Frau Pfarrer» zu sein ist eine eigene Berufung mit Tradition: ein Leben im Schatten der Kanzel, für Seniorennachmittage und Gemeindefeste.

Für Angelica Grewe wäre das keine Option gewesen, «die Mütterlichkeit ist mir nicht so gegeben», gesteht sie. Auch «Frau Pfarrerin» hört sie nicht so gern. «Ich bin eine Frau im Pfarramt.» Ihre Person trete zurück, wenn sie «in Amt und Würden» spreche. «Ich versuche dann alles zurückzustellen, was nur mich persönlich betrifft, bin dosiert in Bewegungen und Gemüts-äusserungen.» Bewusst trägt sie zum Gottesdienst ein talarähnliches Predigtkleid, stellt den Text in den Mittelpunkt, will ihm «Fleisch geben».

«Was ich sage, ist nicht sakrosankt; ich stelle es zur Diskussion.» In erster Linie sieht sie sich als «Dienerin des göttlichen Wortes»; sie könne wohl einmal zornig werden – aber zum Beispiel sich nicht öffentlich betrinken. Sie nimmt ihr Amt ernst und wichtig; doch in den Ferien nimmt sie sich auch die Freiheit, nicht erreichbar zu sein. Mit der Gemeinde feierte sie ihr Dienstjubiläum, aber nicht ihren fünfzigsten Geburtstag.

Die Pfarrersfamilie steht seit Martin Luther als Sinnbild vorbildlicher Häuslichkeit, mag die zahlreiche Kinderschar auch eine Bande von Rabauken sein. Ein kinderloses Pastorenpaar gibt zu reden. Eines mit Kindern erst recht. Und noch mehr ein geschiedenes.

Beim Wort genommen

Angelica Grewe lebt allein, mit Bernhardinerhündin Debbie und drei Katzen. «Richtig erholsam ist das, wenn ich zu Hause mal nicht reden muss», sagt sie lachend.

Dabei redet sie gern und offen, erzählt von prägenden Erlebnissen im Elternhaus in Dortmund, von ihrer ersten Stelle in Kloten, wo sie im Care-Team den Abschiedsgottesdienst für die Hinterbliebenen der Attentatsopfer von Luxor im Hangar 8 mitgestaltete.

Sie kann den radikalen Schritt der EKD-Vorsitzenden verstehen, wenngleich sie den Vorfall bedauert.

«Sie war die erste Frau in diesem Amt, zielstrebig und engagiert, eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten und enorm viel Zustimmung an der Basis, gerade weil sie so <normal> auftrat.» Mit ihrem offenen Wohnzimmer, ihren verständlichen, von persönlichen Erfahrungen geprägten Predigten, mit ihren vielen Begegnungen auf Augenhöhe mit den Menschen habe sie sich angreifbar gemacht.

«Sie war nicht Frau Bischöfin, sie war die Margot, ob sie sich nun zum Thema Krieg in Afghanistan äusserte oder offen über ihre Krebserkrankung vor zwei Jahren sprach.» Nichts war privat für Margot Kässmann, als Vertreterin einer Kirche der Betroffenheit mischte sie sich in gesellschaftliche Fragen ein – die Öffentlichkeit aber, so der «Spiegel» in seiner Titelgeschichte über die vorbildlich reuige Verkehrssünderin, «unterscheidet nicht zwischen den Erlebnissen, die man teilen will, und solchen, die einem eher peinlich sind».

Eine Bischöfin, die sich vor laufender Kamera ohne Wenn und Aber schämt: Das habe ihr auch weh getan, sagt Angelica Grewe. «Von ihr möchte man die Frohe Botschaft hören; Scham passt da nicht ins Bild.»

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