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Einhörner oder Riesendonuts - Luftmatrazen sind alles andere als langweilig

Alle wollen ans Wasser. Doch statt zu baden, treiben sie auf riesigen Gummitieren, planschen mit aufblasbaren Nahrungsmitteln oder wackeln auf Stand-up-Paddle-Boards – wie kleine Kinder.
Katja Fischer De Santi

«Heisser Hintern auf Kothaufen», titelte kürzlich ein deutsches Nachrichtenportal. Auf dem Bild dazu sah man Modelmutter Heidi Klum, wie sie bäuchlings auf einer Luftmatratze in Häufchenform liegt. Der schwimmende Kothaufen, er ist die Spitze dessen, was die Luftmatratzen-Welt zur Zeit umwälzt wie ein Tsunami. Wehe dem, der sich auf einer Standardmatratze aufs Wasser legt. Fürs echte Strandfeeling legt man sich heute auf aufblasbare Pizzen, quetscht sich in angebissene Riesendonuts und reitet auf Einhörnern durch die Wellen. Vor lauter aufblasbaren Nahrungsmitteln sieht man diesen Sommer mancherorts kaum noch das Wasser. Bademeister klagen bereits, dass die riesigen Gummiviecher die Liegeflächen blockieren.

Good morning ......😃

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Nicht dass Luftmatratzen ein neues Phänomen wären. Der assyrische König Ashurnasirpal II –bekannt als grausamer Eroberer und genialer Militärstratege – soll bereits 880 vor Christus seinen Soldaten Befehl gegeben haben, einen Fluss mit Hilfe von aufblasbaren, gewachsten Tierhäuten zu überqueren. Es dauerte noch einige Jahrhunderte bis um 1600 aus gewachstem Segeltuch hergestellt «Windbette» unter Aristokraten zum letzten Schrei avancierten. Allerdings nicht zum Baden – sondern als Ersatz für die mit Stroh gestopften Matratzen, die ständig schimmelten und allerlei Viecher beherbergten. «Ich möchte alle meine Betten aufgeblasen und nicht gestopft haben», heisst es in Ben Jonsons Stück «The Alchemist» aus dem Jahr 1610. 300 Jahre später stürzten sich die ersten Briten mit Luftmatratzen aus vulkanisiertem Gummi in die Fluten.

Weiss, ohne Beine und mit Regenbogenmähne

Danach stagnierte die Evolution der Luftmatratze für einige Jahre. Auf einer Seite rot auf der anderen blau, aus schwerem mit Baumwolle beschichtetem Gummi, das war während Jahrzehnten das Standardmodell für den Familienurlaub – zumindest für alle Menschen über 16 Jahre. Mochten sich kleine Kinder mit aufblasbaren Krokodilen vergnügen, sich in Enten-Schwimmringe quetschen oder auf Gummi-Delfinen reiten. Der badende Erwachsene beobachtete das fröhliche Treiben, um in tieferen Gewässern dann seine Bahnen zu ziehen.

4 Bilder

Die schönsten, etwas anderen Luftmatratzen

Doch ums Jahr 2016 muss irgendwo in China ein Reissack umgefallen sein, und wenig später erblickte das erste Gummi-Einhorn das Licht der Welt: Weiss, aufgeblasen, ohne Beine und mit Regenbogenmähne. Es war nicht besonders schön, abersehr gross und dick. So dick, dass eh schon dünne Frauen wie Model Bella Hadid darauf noch dünner aussehen. Erst recht, wenn sie sich mit durchgestrecktem Rücken und die Ärmchen liebevoll um den Hals des Tiers gelegt, fotografieren lassen. Frauen, die sich fortan nur einigermassen elegant auf so einem aufblasbares Riesentier fotografierten, konnten sich vor Likes und Kommentaren auf den Sozialen Medien nicht mehr retten. Die Bilder haben die gleiche Wirkung wie Feuerwehrmänner, die mit nacktem Oberkörper Welpen streicheln; der sexy-jööh-Effekt.

Das Lieblingsessen und erst noch in Riesengross

Seither ist die Luftmatratzen-Welt nicht mehr die gleiche. Nach den Tieren (Schwäne, Flamingos) lässt man sich in diesem Jahr bevorzugt auf riesigen Lebensmitteln durch den Pool treiben. Dabei gibt es wie im trockenen Leben zwei Lager: Die gesunde Fruchtsalatfraktion drapiert sich am liebsten auf Melonenschnitze, Kiwischeiben, halbierte Ananas oder Avocadohälften.

Die Fettig-süss-Fraktion hält mit Schwimmringen in Donut-Form, aufblasbaren Pommes-Tüten, Pizzastückchen (oder ganzer Pizza mit 3 Meter Durchmesser) und Brezen voll dagegen. Die kindlische Freude darüber, sein Lieblingsessen in Riesengross dabei zu haben, und sich darauf wälzen zu können, ist bei allen gleich.

1,2 Millionen Gummi- Einhörner pro Jahr

Der angebissene Donut und der pinke Flamingo rangieren beim Onlinehändler Amazon den ganzen Sommer über als Bestseller im Segment «Spielzeug». Die Produkte kommen, frisch geklebt, aus Fabriken in China. Die Xingtai Dashuai Trading Co. Ltd. in der Provinz Hebei ist einer von vielen Produzenten – allein 1,2 Millionen Gummieinhörner stellte das Unternehmen nach eigenen Angaben letztes Jahr her.

Ein Importeur, der mit Lieferanten aus China zusammenarbeitet, wirbt auf seiner Webseite damit, dass die Werkzeuge für «Sonderformen nach Ihren Wünschen» nur «wenige hundert Euro» kosten würden. Luftmatratzen in jeder Form und Farbe sind möglich.

Irgendwann schwimmt das ganze Wohnzimmer im Pool

Bereits zeichnet sich ein weiterer Trend ab: die Wasser-Lounge. Nachdem das Sofa vom Wohnzimmer auf die Terrasse gewandert ist, rutscht es ins Wasser ab. Hersteller werben mit riesigen aufblasbaren Möbeln. Ein italienisches Label vertreibt eine modulare, schwimmende Spielwiese, Getränkekühler und Nackenrolle inklusive. Kostenpunkt ab 2000 Franken. Und alles nur, um statt am Wasser, auf dem Wasser zu liegen. Dort wo die Sonneneinstrahlung noch unerbärmlicher ist.

Hat es mit der Überbevölkerung zu tun, dass wir versuchen, die letzten ruhigen Flächen zu entern? Liegt es an den teils ekligen Stränden voller Algen, Schlamm und Plastik? Oder sind wir zu faul geworden, um zu schwimmen? Offiziell heissen die aufblasbaren Dinger ja auch Schwimmhilfen. Es wird wohl eine Kombination aller Faktoren sein, die auf eine andere Art auf dem Wasser zu gleiten, haben boomen lassen: Stand-up-Paddeling, kurz SUP. Meist mehr wackelig als elegant paddeln Menschen durch die Wellen, die sich zu sportlich wähnen für Flamingo und Melone. Die krude Mischung zwischen Surfen, Kajakfahren und Yoga ist die weniger kindische Variante, sich mit dem Wasser zu vergnügen, ohne richtig nass zu werden.

Es bleibt abzuwarten, mit welchen aufblasbaren Gebilden uns China nächstes Jahr ins Wasser schickt. Ist aber auch gut möglich, dass die blau-roten Luftmatratzen wieder total hipp werden, die sind voll retro.

Ein vermeintlich sicheres Gefühl

Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) weist in ihren Baderegeln darauf hin, dass aufblasbare Schwimmhilfen dazu verleiten können, alleine ins tiefe Wasser zu springen und sich treiben zu lassen.
Wie etwa jene 55-jährige Touristin aus Russland, die diesen Juli in Griechenland auf ihrer Luftmatratze auf dem Meer einschlief. Als sie aufwachte, hatte die Strömung sie weit abgetrieben. 21 Stunden lang musste die Ärztin auf ihrer Luftmatratze ausharren, bis die griechische Grenzwache sie mit dem Flugzeug entdeckte.
Die SLRG empfiehlt, mit den Luftmatratzen und Schwimmhilfen stets in Ufernähe zu bleiben und Kinder nur begleitet ans Wasser zu lassen. Starker Wind und Strömung bergen die Gefahr, schnell vom rettenden Ufer abgetrieben zu werden. Da die aufblasbaren Schwimmhilfen schlecht bis gar nicht steuerbar sind, ist es entsprechend schwierig, wieder an Land zu kommen. Aber auch scharfkantige Steine oder starke Sonneneinstrahlung können zu unverhofften Löchern in den Luftmatratzen führen. Spezielle Beachtung verdienen auch die Ventile. Diese sollten sich ganz eindrücken lassen und Rückschlagklappen aufweisen. Möglichst viele separate Luftkammern sorgen für zusätzliche Sicherheit. (kaf)

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