Auf kriegerischer Zeitreise in Solothurn

Reisender Krieger. Ein Mythos. Nur schon dieser Titel! Der nicht weniger packend klingt, wenn man weiss, dass der Held Krieger heisst (ohne Vorname) und von Berufs wegen ständig durch die Schweiz reist – als Vertreter einer amerikanischen Kosmetikfirma namens «Blue Eye».

Drucken
Teilen
Reisender namens Krieger: Willy Ziegler, mit «Afro», Schnauz und traurigem Blick, in Christian Schochers Meisterwerk von 1980. (Bild: Filmcoopi)

Reisender namens Krieger: Willy Ziegler, mit «Afro», Schnauz und traurigem Blick, in Christian Schochers Meisterwerk von 1980. (Bild: Filmcoopi)

Reisender Krieger. Ein Mythos. Nur schon dieser Titel! Der nicht weniger packend klingt, wenn man weiss, dass der Held Krieger heisst (ohne Vorname) und von Berufs wegen ständig durch die Schweiz reist – als Vertreter einer amerikanischen Kosmetikfirma namens «Blue Eye». Über drei Stunden lang, genau 200 Minuten sogar, schwarzweiss durch eine zubetonierte, abweisend kalte Schweiz im Winter 1979/80; ein Land in der Grauzone, wie ein Film und eine Band jener Zeit hiessen; gefroren im emotionalen Packeis, kurz vor den Unruhen jener Bewegung, die sich als «Eisbrecher» verstand.

Zumutung der Verweigerung

«Reisender Krieger», die Klimastudie des Engadiners Christian Schocher, war der stimmige Kommentar zur Zeit. Kein 68er-, sondern ein typischer (Vor-)80er-Film – und eine ungeheure Zumutung. Man könne den Saal verlassen und eine Zigarette rauchen und habe dann nichts verpasst, schrieb ein Kritiker. Was den Film für manche nur wertvoller machte, mit seinem Angebot der Verweigerung von «Sehgewohnheiten», ähnlich wie die Bücher von Franz Böni oder die Filme von Herbert Achternbusch oder die Platten von This Heat.

Ein Vierteljahrhundert später sitzt der einstige Fribourger Filmstudent von Stephan Portmann an diesem Mittwoch im Zug nach Solothurn und fragt sich, ob der Film, den er bis heute – neben «Le Milieu du Monde» oder «Petites Fugues» – stets als einen Schweizer Lieblingsfilm genannt hat, denn noch «funktioniert». «Reisender Krieger» ist verblüffenderweise an den Filmtagen programmiert, als Director's Cut, der ausnahmsweise nicht länger, sondern kürzer ist als das Original, «nur» noch 150 Minuten. Für viele Cineasten sei sein Road Movie «eine Legende geworden», meint Schocher im Solothurn-Programmheft, «für viele andere, vor allem jüngere, ist er nur noch ein Gerücht, das man vom Hörensagen kennt, ein Phantom». Und er verspricht seine «ganz private, unbescheidene Adaption» von Homers «Odyssee» und Joyces «Ulysses» nun «in der klaren, präzisen Form, von der ich immer geträumt habe».

Weichen- und andere Not

Um die Schweiz von 1980 zu studieren, muss man im Januar 2008 aber erstmal die heutige Mobilmenschenschweiz meistern. Der prallvolle 06.11-Zug ab St. Gallen bleibt bei Elgg stehen: Weichenstörung. Mindestens eine Viertelstunde vergeht, die Dutzende Pendler fluchend zum Handy greifen lässt. Von Gelassenheit keine Spur; in den Entschuldigungsworten einer jungen Frau, vielleicht Parfümerieverkäuferin, sogar Angst.

Auch der Solothurn-Reisende verpasst seinen Anschluss – und die Einführung zum Film. 1980 dominierte nicht Angst, sondern Langeweile die Gesellschaft. Und siehe da: Der Zeittransfer klappt, wie erhofft stellt sich das Tauchgefühl dieser fesselnden Reise ein, und – der traurigerweise verschollene Hauptdarsteller Willy Ziegler – ist schlicht fabelhaft. Und aufs Neue rätselt man, was denn nun dokumentarisch und was fiktiv (gestellt) sei. Dazugewonnen im Lauf der Zeit hat der lakonische Humor in den Begegnungen, die Krieger in Raststätten, Salons, schäbigen Stadtlokalen oder auch im Gebirge passieren. Dass eine Bergbauernfamilie auf Kosmetik verzichtet, ist heute noch denkbar. Jedoch sehr erstaunlich: Damals waren sogar Coiffeusen rebellisch. Die kecke Salonbesitzerin, die dem desillusionierten Vertreter «Haar und Hirni wäscht», ruft aus gegen die Verlogenheit und «Arschlochigkeit dieser Welt».

Vom Widerstand und der Utopie jener Filmergeneration, die Solothurn im Anfang prägte, erzählte womöglich auch «Max Frisch – Citoyen». Doch der Film im viel zu kleinen Clubkino (Canva) ist hoffnungslos ausverkauft – nur einer von weiteren Solo-Flops, die nach der Weichenstörung folgen sollten.

Aber zurück zum «Reisenden Krieger». Nach Auskunft des Produzenten Patrick Lindenmaier bedeutete der Director's Cut eine Rettung in höchster Not: Von dem im Umkehr-Schwarzweiss-Verfahren auf 16 mm gedrehten Film existierte noch eine einzige halbwegs brauchbare Kopie (Cinématheque), bei der sich indes bereits die Tonspur gelöst hatte. Nun ist der Film auf 35 mm im Format 4:3 aufgeblasen und sein Ton digitalisiert worden, was ihn für alle Kinos tauglich macht.

Dort soll er noch dieses Jahr ein Comeback feiern, und wenn er sodann erstmals auch auf DVD erhältlich ist, dürfte sein Stellenwert gesichert sein. Denn «Reisender Krieger» gehört zum Kanon schweizerischer Kultur wie die Bücher Dürrenmatts und Frischs, oder, zeitlich näher, Niklaus Meienbergs. Zumal die «Arschlochigkeit der Welt» nicht unbedingt abgenommen hat.

Marcel Elsener

Aktuelle Nachrichten