«Auf ein Wort»-Kolumne
«Beiten Sie nur!» heisst auf Neudeutsch «... Sie nur»

In seiner Mundartkolumne erklärt Niklaus Bigler diese Woche, was das früher häufig verwendete «beiten »bedeutet.

Niklaus Bigler
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Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

CH Media

Wer in Deutschland Hausmeister und in Österreich Hausbesorger genannt wird, heisst bei uns Abwart. Seine Tätigkeit ist warten im alten Wortsinn: auf etwas achten, es hüten, betreuen.

Entsprechend gab es auch einen Bannwart (Bamert) für Wald und Flur, einen Züügwart im Zeughaus und einen Torwart – nicht beim Fussball-, sondern beim Stadttor. In der Zusammensetzung (eim) uufwarte, ihn besuchen oder bewirten, ist die Bedeutung des Verbs auch standardsprachlich erhalten geblieben.

Warte in zeitlicher Bedeutung (sich wartend gedulden) ist später aufgekommen. Ursprünglich gab es dafür nämlich ein anderes Verb, das inzwischen vergessene beite. Als um 1900 ein Tourist in einem Nidwaldner Dorfladen nach Obst fragte, sagte die Inhaberin: «Beiten Sie nur, ich will gogen reichen!»

Das Substantiv Beit bezeichnete die Frist bei einer Betreibung (eim Beit gee), und die Paar­formel uf Borg und Beit bezog sich auf Kreditgeschäfte. Herzlose Erwachsene versprachen den Kindern als Mitbringsel vom Markt es (Lang-)Beiteli; das war genau so wenig wie es Nienewäägeli oder es goldigs Nüüteli.

Und der Beitwinkel war vor 400 Jahren quasi die lange Bank: Was redensartlich in diese Ecke gestellt wurde, blieb vorerst unbearbeitet, auch wenn es eigentlich pressiert hätte.

Wo das Warten zur Sehnsucht wird und einem lang vorkommt, da sagt man blange, zusammengesetzt aus be- und lange (lang werden). Ursprünglich war das Verb unpersönlich: Es blangt mi. Meist sagt man aber: Wi han i doch planget, bis i wider hei ha chönne! Oder: Wer wartet, dee blanget, für den vergeht die Zeit besonders langsam.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).