Die schönste Sackgasse Österreichs

Das Kleinwalsertal hat grossartige Landschaften zu bieten - und spannende Geschichten über stoische Bergbauern, Seelenlöcher und Heilige.

Angela Allemann
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Stefan Heim, Kleinwalsertal-Chronist.
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Walser Haus mit üppigem Blumenschmuck. (Bilder: Angela Allemann)

Stefan Heim, Kleinwalsertal-Chronist.

In orangefarbenen Turnschuhen und mit Baseballkappe steht er vor seinem Elternhaus im Bergdorf Bödmen im Kleinwalsertal und macht das, was Walser seit 700 Jahren machen: Sie geben ihre Geschichte weiter. Am liebsten mündlich, bei der täglichen Arbeit am Hof, beim Zäuneziehen, bei der Stallarbeit oder beim Holzen. So hat auch Stefan Heim, der Chronist der Vorarlberger Enklave, die Geschichten seiner Ahnen vom Vater erfahren. Und das Wenige, das schriftlich überliefert war, führt er akribisch bis zum heutigen Tag fort.

Er ist fasziniert von seiner eigenen Historie. Und so dauert es denn auch nicht lange, bis er uns über die knarrenden Stufen in den dritten Stock des Hauses bittet, nach Rücksprache mit seiner Mutter natürlich. Hier lagert Heim seine Schätze: dicke Chroniken, altes Mobiliar, Trachten, Porzellan, Kirchenschmuck und vieles mehr.

Experten für extreme Berglagen

«Man kann nur ahnen, warum vor 700 Jahren eine Auswanderungswelle aus dem Wallis erfolgte», sagt Stefan Heim. «Möglicherweise kamen die damaligen Walliser als Wirtschaftsflüchtlinge hierher. Vielleicht zwangen sie Überbevölkerung, Not und Elend zur Auswanderung. Es ist auch denkbar, dass sie unter adeligen Lehensherrn litten, die ihre Freiheit einschränkten.» Man weiss es nicht genau. Denn die Gomser aus dem Wallis zogen auch in andere alpine Regionen. Ins Piemonteser Aostatal, in das Tessiner Bosco Gurin, nach Vals und ins Safiental in Graubünden, um nur einige zu nennen. Wo Einheimischen die Bewirtschaftung zu mühsam war, siedelten die stoischen Walser, wie man sie nun nannte. Denn sie waren Experten für Vieh- und Milchwirtschaft in extremen Berglagen.

Von Zermatt bis ins Kleinwalsertal

Mehrmals lief Heim den Walserweg von Zermatt bis ins Kleinwalsertal. In ursprünglichen und abgelegenen Bergdörfern traf er Menschen mit demselben Dialekt, derselben Gesinnung. Ausdauernde Wanderer nehmen die alten Saumpfade, Passstrassen und Handelswege auch heute noch unter die Füsse, wie einst die ersten fünf Walser Familien unter ihrem Anführer Hans Wüstner. Denn zu Fuss über den Hochtannbergpass zu laufen, ist immer noch einer der direktesten Wege, ins Kleinwalsertal zu gelangen, das motorisiert nur über Deutschland zu erreichen ist.

Von Sonne und Rauch gefärbte Holzhäuser

Baad, Mittelberg, Hirschegg und Riezlern heissen die vier Orte des Kleinwalsertals, ringsum nichts als stotzige Berge, 36 sollen es sein. Herausragend ist der Hohe Ifen mit dem Gottesackerplateau, einem grossen Karstgelände. Ein Dorfzentrum sucht man vergeblich, die Besiedlung geht immer der Strasse entlang und verstreut über die Berge. Die von Sonne und Rauch schwarzbraun gefärbten Holzhäuser mit ihrem üppigen und äusserst dekorativen Blumenschmuck trotzen tapfer den Elementen.

Das Pestloch fürs Essen der Kranken, das Seelenloch für die Seelen der Verstorbenen und das Glorialoch, damit ein Sonnenstrahl auf das Kreuz in der Stube fallen konnten, sie seien an den Häusern längst verschlossen worden, erklärt der pensionierte Dorfschullehrer Wolfgang Hilbrand bei einem Rundgang. Und aus manchem Kuhstall sei ein Hoflaade für Käse geworden Hilbrand, der einen acht Kilometer langen Kulturweg mit 40 Tafeln durch das Tal initiierte, kann Geschichten und Geschichte erzählen. Und fängt sogleich damit an. Über den Heiligen Theodul etwa, der in jeder Walser Kirche zu finden ist und alle Walser vereint. Man könnte ihm ganz lange zuhören.

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