Auf Buchfühlung

Es ist ein Dschungel: Immer mehr Bücher erscheinen, und immer mehr selbsternannte Experten geben Tips. Auf wessen Rat soll man heute hören? Eine Spurensuche.

Helen Schlüssel
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Legende (Bild: ap)

Legende (Bild: ap)

Er ist nicht begeistert: «Die Geschichte kann ansatzweise eine gewisse Spannung aufbauen; dennoch mag sich ein echtes, tiefes Lesevergnügen nicht einstellen.» Das schreibt «Mitternachtsleser» auf Amazon.de zu Alex Capus' Buch «Eine Frage der Zeit».

Die «Süddeutsche Zeitung» hingegen fand beim Lesen desselben Buches Vergnügen. Sie schreibt: «Der hervorragend recherchierte, wunderbar erzählte Roman macht ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte lebendig.»

Literaturkritiker kann heute jeder werden. Auf Amazon geben Millionen Leser ihre Buchrezensionen zum Besten. Von Millionen werden sie angeklickt, gelesen und wiederum bewertet. Wer fleissig schreibt und wessen Kritiken als «hilfreich» gelten, der kann sich zum Top-Rezensent mausern und kriegt dafür Sterne.

Der Capus-Kritiker, der sich auf Amazon «Mitternachtsleser» nennt, ist ein Berliner. Er arbeitet im EDV-Bereich, ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Seine Lieblingsautoren sind Siri Hustvedt und Steve Tesich. 82 Prozent seiner Rezensionen wurden bisher als hilfreich bewertet – 405 von 497. Das steht alles in seinem Amazon-Profil.

Anspruch gemäss Erfahrung

Wer hat nun recht? Der Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» oder der Berliner EDV-Vater-Mann? Überhaupt: Was unterscheidet einen Literaturkritiker von einem fleissigen Leser? «Der Anspruch», sagt der Literaturkritiker Andreas Breitenstein, Feuilletonredaktor bei der NZZ. «Die meisten Literaturkritiker haben Literaturgeschichte studiert.

Und sie haben eine sehr grosse Lese-Erfahrung.» Der Erfahrungsschatz und die Theorie machten den Experten aus, sagt er. Aufgabe des Literaturkritikers sei es, neue Werke einzuordnen und zu bewerten. «Das ist kein objektives Verfahren», sagt Breitenstein, «sondern ein sehr subjektives. Es geht auch um die Frage des eigenen Lebenshorizonts. Je nachdem sagen einem gewisse Themen mehr als andere.»

Differenzierte Kriterien

Doch nach welchen Kriterien wird ein Buch von einem professionellen Kritiker beurteilt? «Nach der Lektüre eines Buches bleibt mir erstmal ein Bauchgefühl», sagt Andreas Breitenstein. «Meine Aufgabe ist es nun, dieses Gefühl zu rationalisieren. Ich muss in Worte und Argumente fassen, was ich fühle. Ich muss sachlich begründen, warum ich ein Buch gut finde. Oder langweilig.» Lob zu begründen, sagt er, sei schwieriger. «Freude ist irrationaler.» Ausserdem gehe es um die Frage: Ist die Herangehensweise des Buches neu? Wie verhalten sich Form und Inhalt? «Ein Beispiel: Viele haben schon über einen Wahnsinnigen geschrieben. Wenige aber nur aus der Sicht eines Wahnsinnigen.» Den Wahnsinn könne man beschreiben oder ihn in die Sprache einfliessen lassen, die Sprache etwa ebenfalls entgleisen lassen. Das sei sicher die originellere Form.

In der Kurzform finden sich Buchrezensionen auch gleich auf dem Buchrücken. «Da muss man vorsichtig sein», sagt Breitenstein. Je grösser der Spruch, desto misstrauischer sollte man sein. So zum Beispiel der Satz: «Dieses Buch wird ihr Leben verändern.» Ich würde das nie schreiben, aber Bücher könnten das Leben tatsächlich verändern, sagt Andreas Breitenstein.

Nicht alle Kulturredaktionen seien sorgfältig. Nicht alle würden die Bücher, die sie besprechen, auch lesen. «Und dann gibt es Autoren, die Bücher ihrer Kollegen besprechen. Als Gefälligkeit.» Das wisse man etwa von Milan Kundera und Maria Vargas Llosa. Und sind die Kritiker auf Amazon alle unqualifiziert? «Ich orientiere mich zum Beispiel in der Musik über die Kritiken auf Amazon», sagt Breitenstein.

«Man muss einfach auch hier vorsichtig sein.» Vorsicht mahnt er, denn auf Amazon flog einst auf, dass Autoren ihre eigenen Werke oder jene von Kollegen fleissig rezensierten. Unter falschem Namen. Aber als Orientierungshilfe können sie alleweil dienen. Findet der Rezensent etwa andere Bücher gut, die einem selbst auch gefallen haben, steht die Chance gut, dass man einen ähnlichen Geschmack hat.

Der Verlag ist wie die Weinmarke

«Es ist als stünden Sie in einer Weinhandlung», sagt Breitenstein. «Wenn Sie sich nicht informieren, schnappen Sie sich am Ende einfach eine Flasche. Vielleicht ist der Wein gut, vielleicht nicht.» Am besten lasse man sich Bücher empfehlen – «vom Buchhändler oder Kritiker seines Vertrauens. Man könne durchaus auf Verlage gehen: Heyne verlege Bücher renommierter Autoren der Unterhaltungsliteratur, bei Suhrkamp gebe es eher hochklassige Literatur. «Jeder Verlag ist wie ein Brand, eine Weinmarke», sagt Breitenstein. 

Gute Bücher zu finden und zu lesen, sei letztlich harte Arbeit, sagt er. «Das zieht einen nicht so rein, wie bei einem Krimi. Da kämpft und leidet man. Aber es kommt viel zurück.» Manchmal habe man das Gefühl, man lese über Fragen des eigenen Lebens. »

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