Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Die Eidgenossen hatten auch eigene Vögte

Das neue Buch «Adel in der Schweiz» beleuchtet auch die Urner von Beroldingen. Einem Spross von ihnen ist zu verdanken, dass das Tessin zur Schweiz gehört. Und die Sippe war auch sonst überaus aktiv.
Andreas Z’Graggen
Schloss Beroldingen hoch über dem Urnersee: Die von Beroldingen waren über mehrere Jahrhunderte die mächtigste Urner Familie. Zu Besuch sind hier Gräfin Cristina von Beroldingen mit Bruder Alexander und dessen zwei Kindern. (Bild: Vera Bohren)

Schloss Beroldingen hoch über dem Urnersee: Die von Beroldingen waren über mehrere Jahrhunderte die mächtigste Urner Familie. Zu Besuch sind hier Gräfin Cristina von Beroldingen mit Bruder Alexander und dessen zwei Kindern. (Bild: Vera Bohren)

Weil Wilhelm Tell der Obrigkeit nicht die nötige Reverenz erwies, befahl Landvogt Hermann Gessler dem unbotmässigen Urner den weltberühmten Apfelschuss. Seither lernt jeder Schweizer und jede Schweizerin in der Schule, was ein Landvogt ist: ein übler Kerl.

Was den Schweizern nicht ausreichend kundgetan wird, ist die Tatsache, dass auch ihre Vorfahren, die Alten Eidgenossen, ihre eigenen Landvögte hatten, Hunderte im Lauf der Jahrhunderte.

Das kam so: Als sich die Habsburger nach der verlorenen Schlacht bei Sempach 1386 aus unserem Gebiet zurückzuziehen begannen, nutzten die Eidgenossen die Gunst der Stunde und begannen damit, ihre eigene Territorialpolitik voranzutreiben. Das heisst, sie eigneten sich den Besitz der bisherigen adligen Eigner an und schufen sich so eigene Untertanengebiete. Um diese zu verwalten, setzten sie Vögte ein. Einige Einverleibungen betrieb man gemeinsam und nannte sie daher Gemeine Herrschaften. Auch dort wurden Landvögte als Vertreter der Obrigkeit eingesetzt.

Gemeinsam war diesen Vögten, dass sie fast durchwegs den Magistratenfamilien angehörten, also der herrschenden Schicht. Besonders erfolgreich beim Ramassieren von Vogteijobs waren die Luzerner und Zürcher Patrizier, vor allem aber die Berner. Sie betrieben nach der Einverleibung der Waadt total um die 50 Vogteien. Die Gnädigen Herren residierten auf Vogteisitzen – in der Regel ein prächtiges Schloss –, an denen zum Teil noch heute der Berner Bär prangt.

Aber selbst in Landorten wie Uri, das ausser der Leventina kein eigenes Untertanengebiet besass, gelang es mehreren patrizischen Familien, sich in den Gemeinen Herrschaften breitzumachen und dort lukrative, vererbbare Ämter oder Gerichtsherrschaften zu besetzen.

Ein gutes Beispiel dafür sind die von Beroldingen. Erstmals erwähnt aus dieser in Seelisberg siedelnden Familie wird 1257 ein Kuno von Beroldingen. Die Beroldingen waren damals «Eigenleute» (Leibeigene) der Freiherren von Attinghausen. Sie wurden aber kurz danach durch Schenkung – das heisst, sie wurden verschenkt (!) – zu bessergestellten «Gotteshausleuten» des Zürcher Klosters Fraumünster.

Hernach setzte der 400 Jahre anhaltende Aufstieg der Familie ein. Erst in Uri, später im Tessin und im Thurgau und schliesslich in Österreich und vor ­allem im Königreich Württemberg.

Heinrich von Beroldingen war der erste einer ganzen Reihe von Urner Landammännern aus dieser Sippe. Er war es auch, der 1444 nach der verlorenen Schlacht bei St. Jakob an der Birs den Frieden mit den Franzosen aushandelte.

Nachhaltiger Einfluss: Andreas von Beroldingen

Sein Enkel Andreas war der für die Entwicklung der Schweiz wohl bedeutendste von Beroldingen. Der Mehrfach- Landammann war nach eigener Aussage des Schreibens unkundig. Er setzte sein ganzes politisches Leben dafür ein, Uri und den Eidgenossen das Tessin zu sichern. «Der Goldene Ritter», wie Andreas genannt wurde, war Heerführer in den Burgunder- und Schwabenkriegen, aber vor allem der grosse Protagonist der territorialen Sicherung des Zugangs zu den wichtigen oberitalienischen Märkten, wo die Innerschweizer ihre bedeutendsten Exportprodukte, Vieh und Käse, absetzen wollten.

Verbandelt über Kardinal Matthäus Schiner mit dem Medici-Papst Julius II. und den spanischen Habsburgern, die sich mit den Franzosen um das Herzogtum Mailand stritten, führte von Beroldingen unzählige Kriegszüge südlich des Gotthards an. Ihm verdankte Uri den Erwerb der Landvogtei Leventina sowie – zusammen mit den übrigen Urschweizer Ständen – die Herrschaft über Blenio, Riviera und Bellinzona. Zum Dank für seine Dienste liess ihm der Papst 1510 ein Belobigungsschreiben zukommen und verlieh ihm den St.-Silvester-Orden.

Schillernde Figur: Josue von Beroldingen

Josue von Beroldingen (1495–1563) hat das Stammschloss erbaut und war der erste der Familie, der die Fühler Richtung Thurgau ausstreckte. (Bild: Hist. Museum Altdorf)

Josue von Beroldingen (1495–1563) hat das Stammschloss erbaut und war der erste der Familie, der die Fühler Richtung Thurgau ausstreckte. (Bild: Hist. Museum Altdorf)

Der schillerndste von Beroldingen war aber Josue, ein Sohn des Andreas. Geboren 1495, focht er bei Marignano, war sechsfacher Urner Landammann und emsiger Parteigänger des Papstes. Josue von Beroldingen diente diesem als Chef der päpstlichen Garde in Bologna und wurde vom Pontifex Paul III. zum Römischen Ritter geschlagen. Der Habsburger Kaiser Karl V. erhob von Beroldingen 1521 in den erblichen Adelsstand.

Josue, Erbauer des Schlösschens Beroldingen auf Seelisberg (siehen oben rechts), betätigte sich überdies als Schriftsteller. Er unternahm eine Pilgerreise nach Jerusalem und schrieb alles auf, was er unterwegs erwähnenswert fand. Das Manuskript tauchte auf verschlungenen Wegen Jahrhunderte später in der Bibliothek des Klosters Einsiedeln auf. Der Benediktinerpater Odo Lang verarbeitete es 2009 zum Buch «Josue von Beroldingen – Pilgerfahrt zu dem Heiligen Lande 1518» – ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte.

Josue war der erste von Beroldingen, der seine Fühler in die Gemeine Herrschaft Thurgau ausstreckte: Er erwarb 1533 das Schloss Steinegg, was zu seinen Bemühungen um Adelung passte. Denn von Beroldingen vermählte sich zweimal mit Frauen aus altem Adel. Zuerst mit Ursula von Hohenlandenberg, danach mit Anna Katharina von Heidegg.

Der 1563 verstorbene Josue von Beroldingen hatte zehn Kinder. Ein Sohn, Sebastian, war Militärunternehmer und diente als Offizier im Schweizerregiment von Tscharner in Frankreich und focht als Oberst mit Rudolf Pfyffer von Altishofen, Bruder des «Schweizerkönigs» Ludwig, in den Hugenottenkriegen für den Franzosenkönig Heinrich IV. Später war Sebastian Landeshauptmann von Uri und Bannerherr. Er wirkte unter anderem als Gesandter in Mailand und erhielt die Würde eines Ritters des Ordens vom Goldenen Sporn, des zweithöchsten Ordens der katholischen Kirche.

Kanzler von Lugano: Johann Konrad von Beroldingen

Ein anderer Sohn des Josue, Johann Konrad von Beroldingen, Oberst in spanischen Diensten und Landammann von Uri, begründete die Luganer Linie der Familie. Die dortige Vogtei war der jeweilige Tagungsort der Gesandten jener zwölf eidgenössischen Stände, die an den «ennetbirgischen» Gemeinen Herrschaften beteiligt waren. Während der Landvogt immer wieder ein anderer war, liefen die Fäden beim Kanzler zusammen, einer Art Geschäftsführer. Und dieses Kanzleramt okkupierte die Familie von Beroldingen zwischen 1576 und 1798, also bis zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft.

Die 1691 von Kaiser Leopold I. mit der Baronenwürde ausstaffierten von Beroldingen betätigten sich nebenher oder hauptsächlich, je nachdem, weiterhin als Militärunternehmer.

Eine besonders interessante Figur war Ritter Karl Konrad von Beroldingen, Oberst der Republik Venedig. Er verschaffte sich zu Lehen die Gerichtsherrschaft Magliaso samt zugehörigem Palazzo, wo die von Beroldingen bis Ende des 18. Jahrhunderts residierten. Vor allem aber baute Karl Konrad 1687 die herrliche, direkt am Luganersee gelegene Villa Favorita in Castagnola. Sie gehörte viel später dem Industriellen und Kunstsammler Baron Hans Heinrich von Thyssen- Bornemisza.

Schlösser-Fan: Karl Konrad von Beroldingen

Karl Konrad von Beroldingen war offenbar ein unterhaltsamer Gastgeber. So schwärmte ein Basler Gesandter, dass von Beroldingen während einer Tessiner Tagsatzung die Delegierten «auff zweyer seiner kleinen Schifflenen nacher Castaniolo, ein schönes Lusthaus, [hat] abführen lassen und allda mit Confect und köstlichem Wein wohl tractiert» hat.

Die von Beroldingen hatten auch in der Vogtei Mendrisio während mehr als 100 Jahren das Kanzleramt inne. Giuseppe Antonio von Beroldingen, der letzte Kanzler von Mendrisio, war in der Helvetischen Republik Mitglied des Senats, Teil der Legislative, und bemühte sich, die Leventina dem Kanton Uri einzuverleiben. Ein anderer von Beroldingen aus Mendrisio, Sebastiano, sass in der Tessiner Regierung und amtete 1860/61 als Ständerat.

Der Favorita-Erbauer und Magliaso-Besitzer Karl Konrad war, wie es scheint, ein echter Schlösser-Fan. Denn er erwarb, wie sein Ahne Josue, auch einen Adelssitz im Thurgau, das imposante Schloss Sonnenberg.

Der Hang zum vormals habsburgischen Thurgau war die Folge von dessen Eroberung durch die Eidgenossen anno 1460. Neben Zürich waren daran vorab die Innerschweizer Stände beteiligt, weshalb es denn auch meist Herrschaftsfamilien aus diesem Gebiet waren, die die Landvögte stellten. Noch heute prangen ihre Wappen an den Wänden des Tagsatzungssaals im Schloss Frauenfeld.

Streng katholisch: Hektor von Beroldingen

Einer der Söhne des Josue, der Urner Landammann Johann Peregrin von Beroldingen, war mit einer Dame aus der Familie von Liebenfels verheiratet, die aus finanziellen Gründen ihre Thurgauer Herrschaft Gündelhart verkaufen musste. Käufer war 1622 der Sohn des Peregrin, Hektor von Beroldingen.

Dieser Hektor war zuvor durch Heirat in den Besitz der unweit Winterthur gelegenen Gerichtsherrschaft Gachnang gekommen. Als guter Katholik wollte er in seiner protestantisch gewordenen Gemeinde den alten Glauben wieder einführen und liess auf dem Friedhof reformierte Kreuze zerstören. Anlässlich einer neugläubigen Hochzeitsfeier, zu der auch von Beroldingen geladen war, gerieten die Gäste, «vom Weine erhitzt», aneinander. Von Beroldingen ritzte mit seinem Schwert demonstrativ Kreuze in den Boden und beschimpfte die Anwesenden als «lutherische Ketzer», «hundsfüdische Zürcher» und «Kuhschänder», worauf die Reformierten den Junker Hektor und seine Begleiter als «schwarze Schelme» betitelten.

Es brach eine wüste Schlägerei aus, der Gerichtsherr wurde verprügelt, sein Schloss und die dazugehörende katholische Kapelle geplündert. Hätten Bern und der französische Botschafter nicht vermittelt, wäre der Konflikt möglicherweise zu einem Religionskrieg zwischen dem protestantischen Zürich und den katholischen Miteigentümern der Gemeinen Herrschaft Thurgau ausgeartet. Hektor von Beroldingen erhielt eine Entschädigung von 2200 Gulden, war aber derart verdrossen, dass er Gachnang kurz danach an das Kloster Einsiedeln verkaufte.

Gewinnen Sie das Buch

Das Buch «Adel in der Schweiz – Wie Herrschaftsfamilien unser Land über Jahrhunderte prägten» ist im Verlag NZZ Libro erschienen (232 Seiten, Fr. 54.–). Hauptautor ist Andreas Z’Graggen, zudem gibt es Beiträge von Barbara Franzen, Ruedi Arnold und Vera Bohren (Fotos). Wir verlosen drei Exemplare: Rufen Sie bis morgen Montagabend, 24 Uhr, die Nummer 0901 83 30 24 (Fr. 1.50 pro Anruf) an oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

Schwarzes Schaf: Johann Peregrin von Beroldingen

Einer seiner Söhne, ebenfalls mit Namen Johann Peregrin (nicht zu verwechseln mit Josues Sohn gleichen Namens), trug nicht zum Ruhm der Familie von Beroldingen bei. Er diente zwar dem Stand Uri als Landammann, doch sein Abgang war höchst skandalös.

Der Grund: Johann Peregrin von Beroldingen hatte ein Verhältnis mit einer Magd, brachte sie um und wurde zum Tod verurteilt. Das Kloster Engelberg gewährte ihm Asyl, doch von Beroldingen floh nach Frankreich. Danach hörte man nie mehr etwas von ihm. Junker Hektor wie auch die Nachkommen Kaspar Konrad und Sebastian von Beroldingen wirkten jeweils als Landeshauptmann, also gewissermassen als Chef der Thurgauer Gerichtsherren und Verhandlungspartner des Landvogts. Zudem besassen sie weiterhin die Gerichtsherrschaft Gündelhart mit dem prächtigen Schloss, der Kirche, dem Pfarrhaus und dem Landwirtschaftsbetrieb. Beinahe 250 Jahre lang sassen die von Beroldingen auf Gündelhart. Letzter Besitzer war der kinderlose Joseph Ignaz. Nach seinem Tod 1868 verkauften die Erben das Anwesen.

Inzwischen hatte der Aufstieg der von Beroldingen erst so richtig begonnen. Allerdings nicht in der Schweiz: 1802 starb in Uri die Familie aus, und 1940 verschied mit Antonio aus der Tessiner ­Linie der letzte noch in der Schweiz ­lebende von Beroldingen.

Der Thurgauer Zweig hingegen expandierte erfolgreich weiter, in Österreich, vor allem aber in Württemberg. Heute gibt es noch von Beroldingen in Oregon und Kalifornien in den USA sowie in Paraguay und Spanien. 2016 verstarb in Stuttgart Anna Maria Sibylle von Wrangel, geborene Reichsgräfin von Beroldingen. Sie wollte noch einmal vor ihrem Tod das Stammschloss der Familie in Seelisberg besuchen, für dessen Kapelle sie als Kind eine Altardecke gestickt hatte. Die Decke gibt es noch.

Hinweis
Der Text ist ein von der Redaktion gekürztes Kapitel aus dem Buch «Adel in der Schweiz» (siehe Interview).

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.