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Auch die Schweiz wollte Atombomben

Zuerst glühende Euphorie, dann erbitterter und militanter Widerstand: Die Atomenergie hat die Schweiz in den letzten Jahrzehnten stark bewegt. Der Historiker Michael Fischer rollt die Geschichte auf.
Bruno Knellwolf

Mit einer Vision des Schreckens, die der englische Schriftsteller H. G. Wells schon 1914 entworfen hat, beginnt Michael Fischers Buch «Atomfieber»: die fast vollständige Zerstörung der Menschheit durch einen Atomkrieg. So weit kam es in der Realität nicht. Doch nach der Entdeckung der Kernspaltung und dem Bau von Atombomben im Laufe des Zweiten Weltkriegs, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, starben 300000 Menschen. Danach prägte die Angst vor einem Atomkrieg das Zeitalter des Kalten Kriegs. Neben dem Schrecken stand die Faszination der Nutzung der neuen Energieform, geträumt wurde «vom benzintankfreien Autofahren und Fliegen» im Atomzeitalter.

300 bis 400 Atomsprengköpfe wollten Schweizer Offiziere

Nicht nur die Grossmächte rüsteten auf, auch die Schweiz startete ein Atombombenprogramm. Befeuert von der Angst vor der Sowjetunion, die Freiheitsbewegungen in Ungarn und der Tschechoslowakei mit Panzern überrollt hatte, wurde an der Schweizer Atombombe geforscht. Die geheimen Pläne der Militärspitze gingen dahin, sich im Kriegsfall auf Augenhöhe mit der Sowjetunion duellieren zu können. Dazu gehörte ein Einsatz von Atomwaffen auf eigenem Territorium, «auf die Gefahr hin, dass die Zivilbevölkerung einen grossen Schaden erleiden würde», wie Generalstabschef Louis de Montmollin 1957 sagte. Mit 300 bis 400 Atomsprengköpfen für die Schweiz wurde gerechnet. Doch fehlendes Uran, technische Rückständigkeit und der Mangel an Kernenergiewissenschaftern und Geld führten bald zum Ende des Atomwaffenprogramms.

Gleichzeitig träumte die Schweizer Maschinenindustrie von einem eigenen Reaktor für die zivile Nutzung der Kernenergie. Diese Entwicklung kam aber nur schleppend voran und die Schweiz entschied sich für den Import eines amerikanischen Reaktors, der 1969 in Beznau als erstes kommerzielles Kernkraftwerk ans Netz ging.

Proteste nach der 68er-Revolte

Weitere folgten, doch in Folge der Revolten von 1968 wich die Euphorie für den sauberen Strom aus AKW einem heftigen Widerstand. In der Schweiz sammelte sich dieser anfangs der 70er-Jahre in den Protesten gegen das geplante AKW in Kaiseraugst.

Während die bürgerliche Mehrheit mehrere Antiatomwaffen-Initiativen in diesen Jahrzehnten an der Urne verwarf, besetzte die vornehmlich linke Gegnerschaft den Bauplatz in Kaiseraugst. Mit Erfolg, Kaiseraugst wurde «beerdigt», allerdings erst 1988. Ein Teil der Atomgegnerschaft radikalisierte sich, führte gar vereinzelt Terroranschläge in der Schweiz aus. Eine grosse Mehrheit in der Schweiz stand den Atomkraftwerken in den 80ern dagegen gelassen gegenüber. Das änderte sich erstmals mit dem Gau in Tschernobyl 1986 und noch mehr mit der Katastrophe in Fukushima 2011, die zum schrittweisen Ausstieg der Schweiz aus der Kernenergie führte. Das Schlusskapitel zeigt die noch ungelöste Problematik der Lagerung der radioaktiven Abfälle. Nicht nur im letzten Kapitel wird klar, dass Fischers Sympathien vor allem jenen gehören, die sich gegen die Nutzung der Atomenergie gestellt haben.

Hinweis
Michael Fischer: Atomfieber, Hier und Jetzt, 400 S., Fr. 44.–

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