Auch an den Golden Globes: Die verspielte Mode der Roaring Twenties ist wieder hip

Noch nach 100 Jahren beeinflussen die Goldenen Zwanziger die Mode. Vom unbekümmerten Stil von damals geht ein besonderer Reiz aus.

Rahel Koerfgen
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Tanzen bis zum Sonnenaufgang: Die weit geschnittenen Kleider der 20er-Jahre waren eine Befreiung für die Frauen und erlaubten ausgelassenes Tanzen zu jazzigem Charleston.

Tanzen bis zum Sonnenaufgang: Die weit geschnittenen Kleider der 20er-Jahre waren eine Befreiung für die Frauen und erlaubten ausgelassenes Tanzen zu jazzigem Charleston.

Bild: Getty

Sie gehören zu einer ausschweifenden Party wie der Champagner, der Smoking, die gute Musik und der Brummschädel am nächsten Morgen: glitzernde Kleider und Röcke, bestickt mit Pailletten in allen Farben. Sie geben jedem Outfit einen Touch Glamour. Seit vielen, vielen Jahren, aus der Mode kommen die Pailletten nicht. Ihren Ursprung haben sie in einer Zeit, als es die gesamte westliche Gesellschaft – gebeutelt von einem gerade überstandenen Weltkrieg – nach Emanzipation, Hedonismus und Unbeschwertheit dürstete und die Leute all dies in einem langen Rausch umsetzten: in den Goldenen Zwanzigern. 100 Jahre ist es nun her, als das legendäre Jahrzehnt zu brummen begann.

Doch nicht nur die Pailletten sind ein modisches Attribut aus dieser Zeit, das uns noch heute anzieht. Im ver­gangenen Jahr feierten Federn und Fransen ein Comeback, in den 1920er- Jahren charakteristisch für den grossen Auftritt in Kleidern mit weitem Saum und abgeflachter Brustpartie. Mit ihnen konnten die Ladys ungebändigt zu ­jazzigem Charleston tanzen. Das Korsett landete im Strassengraben, die Frauen fuhren plötzlich Velo und rauchten Kette. Die Mode, die damals aufblühte, kann als Befreiungsschlag verstan­den werden. So begannen die Frauen damals auch, Hosen zu tragen. Allen voran die Pariser Modeschöpferin Coco ­Chanel. Sie verkörperte eine Frauenrolle, die noch heute gelebt wird. Eine hart arbeitende Frau, die sich nicht ­länger in den einengenden Kleidern der Belle Époque sah:

«Ich möchte ­aktive Frauen einkleiden, und eine ­aktive Frau muss sich wohl fühlen in ihren Klamotten»

, konstatierte Chanel.

Zum maskulinen Look von Chanel und ihren Nachahmerinnen passte ein kurz geschnittener Bubikopf oder ein Pagenschnitt; die Stummfilmschauspielerin Louise Brooks gehörte zu den ersten Frauen, die es wagten, zur Schere zu greifen. Weil das Ganze sehr männlich wirkte, kam die Wasserwelle auf, die die Gesichtszüge weicher wirken liess. Dazu trugen die Frauen ein Stirnband – na, was wohl – Paillettenstickerei. Dazu Perlen, unglaublich viele Perlen.

Wasserwelle an den Golden Globes 2020: Schauspielerin Michelle Williams.

Wasserwelle an den Golden Globes 2020: Schauspielerin Michelle Williams.

Bild: Imago

Schiebermütze ist so populär wie schon lange nicht mehr

Die Wasserwelle dürfte in den aktuellen 20er-Jahren wieder öfter gesehen werden. Schauspielerin Michelle Williams frisierte sich in exakt diesem Stil zur Verleihung der Golden Globes vor wenigen Tagen. Und sah damit aus wie ein echte Hollywood-Diva. Die zierliche Blondine gilt als Frisuren-Trendsetterin; mit ihrem Pixie Cut im vergangenen Jahr sorgte sie dafür, dass Tausende Frauen ihre Haare raspelkurz schnitten.

Auch bei den Männern taucht die Mode der Twenties immer wieder auf. Dazu gehört die Schiebermütze. Fussball- und Modeikone David Beckham sorgte im vergangenen Jahrzehnt dafür, dass die flachen Mützen wieder öfter zu sehen waren – sogar in der Damenmode tauchten sie auf, und zwar in der Saison 2017/2018. Aber auch weit geschnittene Hosen, Hosenträger und Brogues, Halbschuhe mit Lochverzierungen, die in den 1920er-Jahren den Durchbruch schafften, werden nicht nur von Hipstern getragen.

Schiebermützen gehören zu den liebsten Accessoires von Modeikone David Beckham.

Schiebermützen gehören zu den liebsten Accessoires von Modeikone David Beckham.

Bild: Getty

Warum schaffen es die Goldenen Zwanziger noch heute, die Mode zu prägen? Warum finden zahlreiche ­Partys im Stil der Twenties statt? Zu einem kleinen Teil dürfte das an dem denkwürdigen Erfolg des Films «The Great Gatsby» mit Leonardo DiCaprio liegen, der 2013 in den Kinos lief. Zu einem viel grösseren aber daran, dass wir uns nach diesem Gefühl der Unbeschwertheit sehnen, das vor 100 Jahren vorherrschte. Und dass wir uns von den Sorgen befreien wollen, die uns gegenwärtig umtreiben in einer Welt, deren Zukunft alles andere als golden ist. Da sollen wenigstens die Pailletten glitzern.

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