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Arrivederci Hans Graber: Der Pandabär ist sein ganz persönlicher Problembär

Wir alle haben unsere Feindbilder. Das kann auch jemand sein, der landläufig viele Sympathien geniesst. Aber was zu viel ist, ist einfach zu viel. Das muss jetzt doch noch gesagt sein. Stellvertretend für so einiges.
Hans Graber
Ein Panda-Bild kommt selten allein. Die Reihen liessen sich beliebig fortsetzen. (Bilder: Getty/Keystone)Ein Panda-Bild kommt selten allein. Die Reihen liessen sich beliebig fortsetzen. (Bilder: Getty/Keystone)
8 Bilder

Mein persönlicher Problembär

Zum Schluss eine Abrechnung. Kandidaten gäbe es einige, Kandidatinnen auch ein paar. Aber ausgerechnet einem bzw. einer von ihnen meinen letzten Text nach gut 40 Jahren Tätigkeit als Redaktor zu widmen, wäre viel zu viel der Ehre.

Zudem bin ich im Grunde ein versöhnlicher Mensch. Nachhaltige Fehden gab es selten, Raufhändel auch nicht, was ich fast ein wenig bedaure. Andererseits fand ich es immer befreiend, wenn man nach beleidigenden Mails und telefonischem Gezeter mit Austausch von Gift und Galle später einmal ein Bier ­zusammen trinken und zumeist über das Scharmützel lachen konnte.

Eine recht hartnäckige Feindschaft verbindet mich indes mit einem Tier. Dieses kann eigentlich nichts dafür und hat mir ganz direkt nichts zuleide getan. Das Leben schwer gemacht hat es mir trotzdem. Einmal habe ich mich in meiner Not sogar dazu hinreissen lassen, eine Litanei darüber zu schreiben, die vor kleinem Publikum vorgelesen wurde.

Weil das schon ein Weilchen her ist, habe ich den Text jetzt etwas aktualisiert und überarbeitet. An sich ist er aber ­zeitlos, variabel ausgestaltbar und eben nicht untypisch für mein Journalisten­dasein. Das kann man jetzt frei interpretieren. Irgendwie stimmt alles. Ebenso stimmt, dass ich Journalismus immer noch als die bestmögliche aller beruflichen Tätigkeiten ansehe. Die beste, nicht die lukrativste.

Item, es ist so: In dieser Zeitung hatte es lange Jahre eine Rubrik mit dem Titel «Mein Bild». Diese bestand aus einem Foto und einem dazu passenden Text von unterschiedlicher Länge.

Etwas aus den Fingern saugen

Erwünscht war, dass dabei nicht einfach trocken beschrieben wurde, was auf dem Bild zu sehen war, sondern dass man sich zu einer persönlich gefärbten Geschichte inspirieren liess. Im Klartext:

Dass man sich etwas aus den Fingern saugte und aus den Hirnwindungen presste.

Was man sonst nur bei anderen vermutet, wurde einem so schmerzlich bei sich selbst bewusst: Es ist gar nichts zwischen diesen Windungen.

Um dieser schmachvollen Erkenntnis zu entgehen, musste man auf der Redaktion darauf achten, dass man um 16.20 Uhr schwer beschäftigt war. Um 16.20 Uhr wurde nämlich an einer ­kurzen Sitzung bestimmt, welches Foto morgen als «Mein Bild» erscheint, und vor allem, wer etwas dazu schreiben soll. Oder muss. Bis auf eine Handvoll Leute gelang es allen problemlos, sich von der Sitzung fernzuhalten.

Ich gehörte häufig zur anderen Handvoll. Ich war sogar regelmässig zur Teilnahme verpflichtet, weil ich wohl im Ruf stand, viel unproduktive Zeit zu haben. Anwesend an der kleinen Sitzung waren der Chefredaktor (nicht der aktuelle), ein Fotoredaktor, eine Kollegin von den regionalen Ressorts und eben ich oder eine andere Person, die noch Luft nach oben hatte.

Die Prozedur hatte Ähnlichkeiten mit einem Schwarzpeterspiel, wobei der Kreis jener, die den Schwarzen Peter fassen konnten, sehr überschaubar war.

Zur Auswahl standen meist acht bis zehn Bilder, die der Fotoredaktor aus dem Tagesangebot herausgefischt hatte. Dieses Angebot umfasste bis 16.20 Uhr sicher über 2000 Bilder, die insbesondere via internationale Agentur unablässig eintrudelten. 2000. Eine Wahnsinnszahl. Noch wahnsinniger, dass darunter kaum je ein inspirierendes war.

Uns geht es doch saugut hier – wirklich?

Etwa ein Drittel aller Fotos zeigten Kriege, Katastrophen und andere Kalamitäten. Da «Mein Bild» zumindest halbwegs ein bisschen launig bis lustig sein sollte, kam ein solches Foto nicht in Frage, ausser es drängte jemanden zu ­einer Art Sonntagspredigt mit dem Fazit, dass wir es hier in der heilen Innerschweiz doch vergleichsweise wunderschön haben. Ich sah das etwas anders. Zumindest um 16.20 Uhr.

Das zweite Drittel der Fotos zeigte Entscheidungsträger, Hoffnungsträger, Bedenkenträger, Glaubensträger, Bartträger, Generäle, Generalsekretäre, Delegierte, Degenerierte, Chefökonomen, Chefunterhändler, Blaublüter, Gender- und weitere Beauftragte, Filmdarsteller und auch Selbstdarsteller wie etwa «Dschungelcamp»-Teilnehmer oder andere tragische Fälle, allesamt händeschüttelnd, ­winkend, in die Kameras zahnend und/oder einfach nur blöd grinsend. Mein Bild? Meine Güte!

Ein grosser Haufen des letzten Drittels zeigte Tennis. Obwohl bei uns viele Tennishallen mittlerweile an Logistikunternehmen oder Modelleisenbahnclubs vermietet sind, obwohl womöglich sogar der «Rotscher» bald einmal das Racket beiseitelegt: Es wird weltweit noch unfassbar viel Tennis gespielt, und auch noch das hinterletzte Game wird weiterhin in nicht enden wollenden Serien durchfotografiert.

Ich bin überzeugt: Wenn irgendwann mal mit dem Erdball Grand Slam gespielt wird, wenn dereinst die Welt in Schutt und Asche liegt, findet anderntags bereits wieder irgendwo ein ATP-Tennisturnier statt, und ein Fotograf wird mit dem grossen Objektiv anwesend sein.

Ein Mann sieht rot

Zog man von den 2000 Fotos jene mit Katastrophen, mit einem zur Last fallende Menschen sowie mit dem ganzen Tennis-Terror ab, wurde es schon langsam eng für «Mein Bild».

Wenig geeignet waren auch die erstaunlich oft vertretenen Fotos von Leuten mit rot angemalten Köpfen aus zumeist Indien oder Sri Lanka. Es handelt sich dabei um Impressionen eines für uns Westler schwer durchschaubaren Hindu-Brauches. Von diesen Bräuchen gibt es mehr, als das Jahr Tage hat. Es war also jederzeit mit roten Köpfen und Ähnlichem zu rechnen. Entsprechend häufig sah ich da jeweils – genau: rot.

Als möglicher Rettungsanker blieben Fotos, die freundlicherweise von Leserinnen und Lesern an die Redaktion geschickt wurden. Bilder, mitten aus dem Leben. Bilder, die Freude machen. Das waren insbesondere Sonnenuntergänge, eigenartige Wolkengebilde, blumengeschmückte Bauernhäuser, Sonnenuntergänge, Nebelfelder, Storchennester an unmöglichen Orten, mystische Waldlichtungen, Sonnenaufgänge, Spinnennetze mit Regentropfen dran oder lustige Gartenzwerge. Und Sonnenuntergänge. Was für eine Pracht!

Eine Zeit lang wurde in Betracht gezogen, die Rubrik «Mein Bild» in «Mein Sonnenuntergang» umzutaufen. Aber eine tägliche Dosis – verabreicht häufig aus Zug, das von alle n allerschönsten Sonnenuntergängen offenbar die allerallerschönsten hat – wollte man der Leserschaft dann doch nicht zumuten.

Aber was dann? Es blieb nur noch eines für «Mein Bild»: Tiere.

Das Tier und wir

Tiere seien immer gut in der Zeitung, über Tiere könne man immer etwas Schönes schreiben. Fand unser damaliger Chefredaktor. Der hatte Kraft seines Amtes das letzte Wort bei der Vergabe von «Mein Bild». Es gab wohl ein Mitspracherecht der Beteiligten. Aber wir wissen alle, dass die Demokratie ihre Grenzen hat.

Recht häufig ging ich deshalb um 16.27 Uhr zurück an mein Pult. In der Hand ein Tierfoto.

Schon, ich bin Tierfreund. Auch Tiere sind Geschöpfe des Allmächtigen, und ich ­anerkenne den ehernen Grundsatz, dass jedes Wesen auf dieser Erde ein gleichwertiges Recht auf ein artgerechtes Leben ohne Quälereien hat. Das würde ich freilich gerne auch für mich in Anspruch nehmen.

Leider zeigten die Tierbilder, zu denen ich mir etwas einfallen lassen musste, kaum je meine Lieblinge, also weder Kuh noch Katze, weder Flamingo noch Bernhardiner mit Holzfässchen am Hals. Die Fotos, zu denen ich etwas schreiben sollte, zeigten vielmehr völlig beknackte Makaken, paranoide Erdmännchen, schräge Vögel oder auch schleimige Insekten in speziellen Verrenkungen zwecks Vollzug des Geschlechtsverkehrs.

All diese Kreaturen, mit denen der liebe Gott meines Erachtens kein so glückliches Händchen hatte, waren mir aber allemal lieber als mein eigentliches Feindbild: der Grosse Pandabär.

Der Charme eines Zebrastreifens

Sicher, ich übertreibe in diesem Text da und dort leicht. Eines aber ist mitnichten geflunkert: In der engeren ­Auswahl für «Mein Bild» war fast immer dieses seltsame Geschöpf. Gib uns heute unseren täglichen Panda. Angeblich wegen des «Jöh-Effekts», so die Fotoredaktorin. Jöh-Effekt? Ohjöhmineh.

Zwar hört man immer wieder, dieses Tier sei vom Aussterben bedroht, aber ich glaube, damit will man uns nur einen Bären aufbinden. Einen Pandabären.

Unbegreiflich war und ist für mich, weshalb ausgerechnet dieses Tier derart viele Sympathien geniesst und es unter anderem ins Logo des WWF geschafft hat. In einem Buch habe ich gelesen, dass die Panda-Fellfarbe in konsequentem Schwarz-Weiss einen gewissen Retro-Charme versprühe. Wahrscheinlich würden sich Menschen in ihrer Gegenwart so geborgen fühlen, weil Pandas ein wenig wie ein Zebrastreifen aussehen würden.

Dummes Zeug! Ich fühlte mich nicht geborgen, sondern bedrängt. Belästigt.

Jetzt mal ehrlich: Dieser Grosse Panda ist doch einfach ein fauler Hund.

Während normale Bären zumindest ab und zu die Sau rauslassen und herumwüten und sich bei uns mit Namen wie M13 ­einen Ruf als Problem- oder Risikobär eingehandelt haben, hockt der Grosse Panda einfach immer nur da und stopft 10 bis 15 Stunden pro Tag vorzugsweise Bambus in sich hinein. Bambus! Und das von einer Kreatur, die das Zeug zum Raubtier hätte.

Weil sein degenerierter Magen Bambus kaum verwerten kann, frisst der Panda Unmengen davon. 20 Kilo und mehr am Tag. Entsprechend viel kommt hinten wieder raus. In Abwandlung eines Zweizeilers des grossen Schriftstellers Robert Gernhardt kann man da nur sagen: «Der Grosse Panda, der lässt munter einen nach dem andern runter.»

Sonst aber ist wenig bis nichts los mit ihm. Ehrenwort.

Es versteht sich, dass ich notfalls auch noch dem 33. Sonnenuntergang-Foto den Vorzug gegeben habe vor dem Zebrastreifentier. Umstimmen lassen hätte ich mich höchstens dann, wenn es mal einen Panda mit rot angemaltem Kopf gegeben hätte. Oder einen, der Tennis spielt.

Ein bisschen Frieden

Die Rubrik «Mein Bild» gibt es ­mittlerweile nicht mehr. Haufenweise Panda-Fotos hingegen schon. Sie verfolgen mich. Denn seit sich intern herumgesprochen hat, dass dieses Tier und ich es nicht gut können miteinander oder jedenfalls ich mit ihm nicht, mailt mir das perfide Fototeam immer mal ein Exemplar zu. Schampar lustig, danke.

Und doch: Womöglich wäre es an der Zeit, über meinen Schatten zu springen und mich auch noch mit dem Grossen Panda auszusöhnen. Wir beide am runden Tisch. Er Bambus, ich Hopfen. Ich bin ohne Zweifel schon in dubioserer Gesellschaft gesichtet worden. Möglicherweise würden wir uns sogar recht gut verstehen, der Bär und ich, ohne Worte zwar, aber gerade deswegen. Doch das wäre jetzt wieder ein anderes Kapitel. Mehr dazu dann vielleicht ein ander Mal. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Arrivederci Hans Graber

Mit diesem Text verabschiedet sich Redaktionskollege Hans Graber von der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalausgaben. 1981 hatte er als Redaktor bei der LNN angefangen, ist also fast 40 Jahre den hiesigen Zeitungen treu geblieben. Trotz wohlverdienter Pensionierung, den absoluten Schnitt wollen wir weder ihm noch der geneigten Leserschaft zumuten. «hag» wird darum weiterhin kolumnistisch tätig bleiben. (jem)

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