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Arbeiten wo es am Schönsten ist: Drei digitale Nomaden erzählen von ihrem Leben aus dem Koffer

Digitale Nomaden reisen um die Welt, arbeiten, wo es ihnen gerade gefällt. Hauptsache es gibt schnelles Internet und guten Kaffee. Auch für Schweizer ist ortsunabhängiges Arbeiten ein Thema. Drei Pioniere berichten von ihren Erfahrungen.
Katja Fischer De Santi
Digitale Nomaden tauschen die Sicherheit eines festen Arbeitsverhältnisses und einer Wohnung gegen die Freiheit, überall leben und arbeiten zu können. (Bild: Getty)

Digitale Nomaden tauschen die Sicherheit eines festen Arbeitsverhältnisses und einer Wohnung gegen die Freiheit, überall leben und arbeiten zu können. (Bild: Getty)

Auf mehreren Stockwerken verteilt arbeiten sie konzentriert an ihren Laptops. Einer steht in einer alten Telefonzelle und diskutiert schallgedämpft am Smartphone. Zwei lümmeln auf einem Sofa und trinken Kaffee. An den Wänden hängen farbige Post-it, Flipcharts mit Grafiken. Solche Co-Working-Spaces wie der «Impact Hub» mitten in der Berner Altstadt, in denen das Personal englisch spricht, das WLAN schnell ist und der Freelancer von heute die perfekten Arbeitsbedingungen vorfindet, gibt es heute in alle grösseren Städten der Welt.

Hier treffen sich Menschen, die nichts mehr fürchten als feste Arbeitszeiten und die stickige Luft der Grossraumbüros. Sie arbeiten lieber dort, wo die Sonne länger scheint, das Leben weniger kostet. Digitale Nomaden nennen sie sich. Und sie werden immer mehr. Auch unter gut ausgebildeten Schweizerinnen und Schweizern mehren sich jene, die die Sicherheit eines festen Arbeits­verhältnisses gegen die Freiheit des ortsunabhängigen Arbeitens eintauschen.

Mit 40 Jahren hat sie alles hinter sich gelassen

Birgit Pestalozzi gab ihre Karriere bei einer internationalen Beratungsfirma auf, für ein Leben ohne festen Wohnsitz und maximaler Freiheit.

Birgit Pestalozzi gab ihre Karriere bei einer internationalen Beratungsfirma auf, für ein Leben ohne festen Wohnsitz und maximaler Freiheit.

«Ich unterteile mein Leben nicht mehr in Arbeitszeit und Freizeit, es gibt für mich nur noch Lebenszeit», sagt Birgit Pestalozzi. Die 43-Jährige hat vor drei Jahren alles hinter sich gelassen: eine steile Karriere bei einem internationalen Beratungsunternehmen, ein schönes Leben in Zürich, eine tolle Wohnung – um als digitale Nomadin zu leben. Leicht sei es nicht gewesen, erzählt sie in Bern. Sie habe sich von einem grossen Teil ihrer damaligen Identität verabschiedet.

«Wer bin ich denn noch, ohne meine Karriere, meine Besitztümer?»

Aber nach einem schlimmen Sturz von ihrem Pferd sei ihr klar geworden, dass sie zu viele ihrer Lebenspläne mit 40 Jahren immer noch nicht gelebt habe.

Viel Potenzial für ortsunabhängiges Arbeiten

Birgit Pestalozzi und die anderen gut 90 Teilnehmer der ersten Schweizer Digitalen Nomaden Konferenz, die kürzlich in Bern stattfand, sind sich einig: Die Arbeitswelt wird in den nächsten Jahren umgewälzt. Gerade in Ländern wie der Schweiz, wo 75 Prozent der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor angestellt sind und viele Menschen Arbeiten am Computer verrichten, für die man nicht zwingend an einen Ort gebunden wäre.

Die Schweiz sei in Sachen ortsunabhängiges Arbeiten aber noch ein Entwicklungsland, sagt Lorenz Ramseyer. Er beschäftigt sich seit 2006 intensiv mit dem ortsunabhängigen Arbeiten. 2014 hat er eine Masterarbeit an der FH Ostschweiz zum Thema digitale Nomaden verfasst. Vor zwei Jahren hat der 44-Jährige den Verein Digitale Nomaden Schweiz gegründet. Zuvor hat der IT-Consultant lange selbst von den entlegensten Orten aus gearbeitet. Er sagt:

«Das Interesse am ortsunabhängigen Arbeiten ist zur Zeit riesig. Digitale Nomaden sind Pioniere für eine neue Arbeitswelt»

Bereits über 600 Mitglieder zählt die Facebook-Gruppe der Digitalen Nomaden Schweiz. Wie viele Schweizer tatsächlich ohne festen Wohnsitz irgendwo auf der Welt arbeiten, kann Ramseyer nicht beziffern. Zumal die Grenzen zum klassischen Freelancer oder Home-Office-Arbeitenden fliessend seien. Auch gäbe es nicht wenige Schweizer, die innerhalb des Landes mal hier und mal da, ohne festes Büro, arbeiten würden.

Lorenz Ramseyer

Lorenz Ramseyer

Er selbst ist Teilzeit-Nomade mit ­Familie. Ein paar Monate im Jahr ist er unterwegs, sonst mietet er sich einen ­Bürotisch in der Nähe seiner Wohnung. Ramseyer ist überzeugt, dass bis in zehn Jahren die Hälfte der Büromenschen ausserhalb ihrer festen Arbeitsplätze arbeiten werden.

Digitale Nomaden sind Suchende, Rastlose. Sie stellen den Wert der Arbeit in Frage. Vor allem aber wollen sie mehr. Mehr erleben, mehr sehen. Sich ständig neuen Herausforderungen stellen, nur ja nicht in der Routine gefangen bleiben. Es ist der perfekte Lebensstil zum Lebensgefühl der Generation Y.

Kaum Gepäck, keine Besitztümer und ein Arbeitstag pro Woche

Adrian Sameli

Adrian Sameli

«Wir sind Pioniere», sagt Adrian Sameli. Der Basler IT-Spezialist ist seit drei Jahre in der ganzen Welt unterwegs. Bei sich hat er nicht mehr als zwei schwarze Rucksäcke. «Einer ist mein Kleiderschrank, der andere mein Büro.» Ein minimalistischer Lebensstil ist unabdingbar, wenn man alle paar Wochen seinen Lebensmittelpunkt verschiebt wie andere eine Zimmerpflanze. Er arbeite durchschnittlich noch einen Tag in der Woche, sagt Sameli. Von unterwegs nimmt er IT-Aufträge aus Amerika, Indien oder Europa an. Seine Hauptbeschäftigung aber ist das Reisen selbst. 101 Länder hat er seit 2015 bereist. Mit anderen digitalen Nomaden umgibt er sich selten. Lieber lebt er mit Ureinwohnern im Zelt, übermittelt seine Daten aus der afrikanischen Savanne. Immer wieder arbeitet er auch unentgeltlich bei Projekten vor Ort mit.

«Wenn ich mit meinem Fachwissen den Leuten in diesen Ländern etwas ­zurückgeben kann, profitieren beide Seite.» Normalerweise profitieren vor allem die digitalen Nomaden vom Einkommensunterschied und den tiefen Lebenshaltungskosten in ihren Reisedestinationen. Ihr westlicher Lohn erlaubt es ­ihnen, mit wenig Arbeit viel Lebenszeit zu finanzieren. Adrian Sameli sagt:

«Mit 2000 Franken Lohn pro Monat stehen mir alle Wege offen.»

Auch Birgit Pestalozzi kommt mit viel weniger Geld als früher aus. Sie hat eine Ausbildung zum zertifizierten Beziehungscoach absolviert. Zwei bis drei Stunden pro Tag berät sie heute ihre Kunden in Beziehungsfragen via Videokonferenzdienst. Dazu kommt ihre Arbeit als Mitgründerin und Vorstandsmitglied der Swiss Initiative, einer Kultur­initiative für Konfliktländer, wie zum Beispiel Sudan. «Ich arbeite eher noch mehr als früher, es fühlt sich aber überhaupt nicht so an.» Wie auch, wenn man dabei in Bali, Santa Cruz oder Chiang Mai sitzt.

Wobei, am Strand oder in hippen Cafés trifft man Birgit Pestalozzi und auch die meisten anderen digitalen Nomaden selten an. «Da herrscht Ferienstimmung, das lenkt zu sehr ab.» Meist mietet sie sich in sogenannten Co-­Living- und Co-Working-Räumen ein. Selten bleibt sie irgendwo länger als drei Monate. Ausnahmen gibt es, wie gerade jetzt. Seit mehreren Monaten arbeitet und lebt sie wieder in der Schweiz. Pestalozzi ist Gesamtprojektleiterin des nationalen Digitaltags, der Ende Oktober als Initiative von Digital Switzerland stattfand.

Birgit Pestalozzi im Sudan.

Birgit Pestalozzi im Sudan.

Trotzdem: Digitale Nomadin zu sein, das sei für sie keine Phase, sagt Pestalozzi. Kein Zuhause zu haben, sich jederzeit für neue Orte, neue Projekte entscheiden zu können, das sei für sie die ideale Lebensform. «Für Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis ist es vermutlich reinster Horror, nicht zu wissen, wo auf der Welt sie als Nächstes sein ­werden. Für mich bedeutet es absolute Freiheit.»

Sie reisen umher wie die Bürger eines Weltstaates

Dieser freiheitliche Lebensstil bringt aber auch Schwierigkeiten mit sich. «Ämter und Versicherungen sind nicht auf Menschen wie uns vorbereitet», sagt Adrian Sameli. Ohne festen Wohnsitz zu sein, das ist in der Schweiz rechtlich gar nicht möglich. Sameli ist deshalb bei seinem Vater in der Gemeinde gemeldet. Auch die meisten anderen Schweizer Nomaden haben eine Schweizer Adresse behalten.

Doch ihre neue Form des Arbeitens wird die Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen. Wie weit das gehen kann, hat der Autor Patrick Dixon in seinem Buch «The Future of Almost Everything» zusammengefasst. Er schreibt von hypermobilen, globalisierten Individuen «ohne nationale Loyalität oder Identität und ohne Bindung zu einem geografischen Gebiet, wohl aber mit Freunden in jeder Stadt.» Sie betrachten sich selbst als globale Bürger in einer grenzenlosen Welt. Das Problem: Sie werden schwer zu besteuern und zu zählen sein und ebenso schwer zu regieren sein.

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