Arbeiten am Klang

Otto Tausk probt mit dem St. Galler Orchester für das erste Sinfoniekonzert der Saison. Vor allem bei Strawinskys Ballett «Der Feuervogel» lernen die Musiker einen ebenso freundlichen wie genauen neuen Chefdirigenten kennen – und geben sich grosse Mühe, es gut zu machen. Rolf App

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St. Gallen - Probenbesuch beim St. Galler Orchester in der Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

St. Gallen - Probenbesuch beim St. Galler Orchester in der Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Dienstagmorgen, kurz vor zehn Uhr. Umringt von ein paar Bläsern steht Otto Tausk im Vorraum zur Bühne. Bereitwillig verabredet sich der neue Chefdirigent von Sinfonieorchester und Theater St. Gallen für den frühen Abend zum Gespräch. Der vierzigjährige Holländer erklärt sich gern, die Musiker haben es schon gemerkt. Tags zuvor haben sogenannte Registerproben stattgefunden mit den einzelnen Instrumentengruppen. «Das war für mich eine gute Gelegenheit, die Musikerinnen und Musiker etwas kennenzulernen, ihnen die Stücke des Konzerts näherzubringen», sagt er. Vor allem über Artikulation und Phrasierung bei Mozart habe er ausgiebig gesprochen.

Strawinskys Ballett «Der Feuervogel» steht im Zentrum dieses ersten Probeblocks vom Dienstag. 1910 erzielte der erst 28jährige Russe damit einen fulminanten Erfolg. Es sei, sagt Otto Tausk, «noch sehr russisch gedacht, aber schon mit deutlich spürbaren französischen Einflüssen». Mit unglaublich lyrischen, sanft fliessenden und in ihrer Klanggebung geradezu verführerischen Passagen, die noch an Strawinskys Lehrer Nikolai Rimski-Korsakow erinnern. Und im zweiten Teil mit jener Wildheit und heftigen Rhythmik, die vorausweist zum «Sacre du printemps» von 1913, den viele Zeitgenossen als geradezu barbarisch empfanden. «Erste Bedingung einer guten Kunst ist immer und vor allem eine gute Machart», hatte Strawinsky einmal gesagt. Und: «Verdächtig ist nur das Ungenaue.» Dem würde Otto Tausk sicherlich zustimmen: Genauigkeit ist sein allererstes Ziel.

Er dirigiert den «Feuervogel» nicht zum erstenmal. Er hat ihn bei Valery Gergiev kennengelernt, dessen Assistent er von 2004 bis 2006 war, und hat für St. Gallen nicht eine der Suiten ausgewählt, sondern das ganze Ballett. Denn, sagt er, «ich liebe diese Zwischenstücke, die in den Suiten wegfallen». Jetzt steht er vor einem Riesenorchester mit gegen achtzig Musikern, mit Streichern, vierfachem Holz, Trompeten, Posaunen, Tuba, drei Harfen, fünf Schlagzeugern. Das tönt prächtig, ist aber schwer in die Balance zu bringen. Und verlangt hochpräzises Zusammenspiel.

«Ziffer 87»: Tausk dirigiert ein langes Stück. Dann unterbricht er, wiederholt, lässt einzelne Instrumente allein spielen. Und sagt: «<Der Feuervogel> ist ein Werk der Kontraste.» Beim Dirigieren bewegt er sich rasch und behende, duckt und streckt sich und schaut aufmunternd in die Reihen. Immer wieder bringen auch die Musiker einzelne Stellen ins Gespräch. «Die Partitur ist frisch gedruckt», sagt Tausk am Abend. «Da stimmt vieles noch nicht.» Und in der Tat werden auch am folgenden Tag immer wieder Unstimmigkeiten besprochen. Ob die Harfenistin bei Takt 87 einsetzt (wie es in ihrer Stimme steht) oder einen Takt früher (wie bei ihm notiert ist), das macht einen Unterschied. Man spürt, wie wichtig Otto Tausk die Genauigkeit ist – und ein Orchesterklang, der auch in den gewaltigsten Steigerungen durchsichtig bleibt. «Es ist schön, wenn hier alles ein wenig nach Spielerei klingt», sagt er zu den Streichern. Und in Richtung der Bläser bringt er die Bitte an: «Wenn Sie die langen Noten ein wenig kürzer spielen, dann haben wir mehr Transparenz.»

«Lontano»: Abrupt wechselt Otto Tausk auf das erste Stück des Konzerts, geradezu gespenstische Stimmung breitet sich in der Tonhalle aus, deren Sitzreihen mit Tüchern abgedeckt sind. «Lontano»: György Ligetis Stück für grosses Orchester setzt mit dem vierfachen Pianissimo einer Flöte ein und entwickelt sich als ein leise schwebender Klangteppich, bis er dann geradezu schmerzhaft laut wird. Das muss, wie Tausk betont, «sehr präzis gespielt werden». Die Musikerinnen und Musiker gehen bereitwillig auf seine Anregungen ein. Sie sind gut vorbereitet, und sie denken mit. Genau dies ist Otto Tausks Ziel. «Wenn ein Dirigent es richtig macht», sagt er, «dann muss er am Ende sehr wenig tun. Die Orchestermusiker hören dann stärker aufeinander, als dass sie zu ihm hinschauen.»

Auch wenn er kein autoritärer Herrscher mehr ist: Den Dirigenten braucht es dennoch, aber mehr für die Atmosphäre und zur Inspiration – und als Bindeglied zum Publikum. Doch verantwortlich für das Gelingen des Ganzen fühlen müssen sich die Musiker. Um ein Uhr ist Schluss, am Abend wird es mit Mozart weitergehen – und mit nur halb so grossem Orchester.

Um 19.30 Uhr ist die Bühne der Tonhalle in geradezu intimes Licht getaucht. Dramatisch-aufgewühlt hebt Mozarts erste Sinfonie in Moll an, die 1773 in Salzburg entstanden ist – ein ungewöhnliches Werk durch und durch. «Wir haben Zeit», unterbricht Otto Tausk, «können wir das einmal ganz langsam spielen?» Zuerst mit den Streichern, dann mit den Bläsern. Es geht um das Artikulieren und um die Balance der Stimmen. Und dann sagt er: «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles mit Akzent spielen. Es ist immer noch Mozart.» Beim Andante streicht er sich sanft über die Wange, «so soll es klingen». Überhaupt: Auch Mozarts Instrumentalmusik sei von der Oper her gedacht.

«Wir haben Zeit», sagt Otto Tausk auch am Mittwochmorgen noch, obschon für den Abend bereits die Generalprobe angesetzt ist. Jetzt spielt das Orchester den «Feuervogel» schon beinahe durch. Es geht jetzt immer weniger um Technik und immer stärker um Ausdruck. «Können Sie das ein wenig drohend spielen?», fragt er nach hinten zu den Fagotten. Zart klingen die Streichertremoli, berückend die Oboe, Spannung baut sich auf, dann brechen stampfend das Blech und die Pauken los.

Das Orchester ist gefordert, es wird gefordert. Und es ist fürs erste ganz zufrieden mit dem neuen Chefdirigenten. «Ja, er macht es gut», sagt eine Musikerin in der Pause. «Er ist sehr angenehm im Umgang», meint ein anderer, «und ein Mann, der genaue Vorstellungen mitbringt.» Seine Vorstellungen hat Otto Tausk durchaus. Aber auch sie brauchen Zeit. Erst allmählich wird man merken, wie er das Orchester prägt, für dessen längerfristige Entwicklung er als Chefdirigent die Mitverantwortung trägt. Doch ein Anfang ist gemacht. Nun freut er sich auf die Zeit mit den Musikern. Die Tonhalle klingt schön, und er stellt fest, «dass man sich in der Schweiz gerne schön macht für einen Abend im Konzert oder im Theater. Das ist in Holland nicht so.»

Noch ein Pluspunkt für St. Gallen und die Ostschweiz.

St. Gallen - Probenbesuch beim St. Galler Orchester in der Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

St. Gallen - Probenbesuch beim St. Galler Orchester in der Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Otto Tausk und die Musiker des Sinfonieorchesters St. Gallen proben Igor Strawinskys schwierigen «Feuervogel». (Bilder: Ralph Ribi)

Otto Tausk und die Musiker des Sinfonieorchesters St. Gallen proben Igor Strawinskys schwierigen «Feuervogel». (Bilder: Ralph Ribi)