In die Schweiz vor den Nazis geflohen, in der DDR von der Staatssicherheit verhaftet: Anna – eine deutsch-schweizerische Familiengeschichte

In die Schweiz vor den Nazis geflohen, in der DDR von der Staatssicherheit verhaftet:
Anna – eine deutsch-schweizerische Familiengeschichte


Wie eine deutsche Kommunistin das Bergdorf Göschenen gegen sich aufbrachte und weshalb sie heute noch einen Elektronikhändler aus dem St. Galler Rheintal auf Trab hält. Eine Familiengeschichte über Verrat, politische Gewalt und ideologische Verbohrtheit, erzählt von einem fernen Verwandten.

Text: Pascal Hollenstein, Bilder&Videos: Raphael Rohner
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Prolog - Eine Sommernacht in Norwegen, gebratene Makrelen und drei Bücher

21. Juni 2004, in der Nähe von Bergen (Norwegen). Familienferien. Auf dem kleinen Landvorsprung am norwegischen Fjord brennt ein Feuer. Wir trinken aus Deutschland geschmuggeltes Bier und essen selbstgefangene Makrelen. Der deutsche Zweig meiner Verwandtschaft ist gross. Wilfriede Hess, die die Fische gebraten hat, ist die Mutter meines Schwagers. Einmal erzählt die Ostberlinerin, dass sie als Kind kurz nach dem Krieg in der Schweiz war. Von Flucht ist die Rede. Und von Verwandten, die von den Nazis ermordet wurden. Andeutungen waren das, mehr nicht. Man schien zu wissen, ich fragte nicht weiter.

Wilfriede Hess. Ihr Vater fiel im Krieg, ihre leibliche Mutter wurde im Konzentrationslager ermordet. Nach dem Krieg fand sie bei Anna und Friedrich Schlotterbeck, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet waren, eine neue Familie. Doch zurück in der Ostzone Deutschlands schlug die Staatssicherheit der DDR zu und inhaftierte ihre neuen Eltern. Wieder landete Wilfriede Hess im Waisenhaus. Zuerst die Nazis, dann die Kommunisten: Wie hält man das als Kind aus? Wilfriede Hess sagt, sie sei schon immer gut im Verdrängen gewesen.

Wilfriede Hess. Ihr Vater fiel im Krieg, ihre leibliche Mutter wurde im Konzentrationslager ermordet. Nach dem Krieg fand sie bei Anna und Friedrich Schlotterbeck, die vor den Nazis in die Schweiz geflüchtet waren, eine neue Familie. Doch zurück in der Ostzone Deutschlands schlug die Staatssicherheit der DDR zu und inhaftierte ihre neuen Eltern. Wieder landete Wilfriede Hess im Waisenhaus. Zuerst die Nazis, dann die Kommunisten: Wie hält man das als Kind aus? Wilfriede Hess sagt, sie sei schon immer gut im Verdrängen gewesen.

Bild: Raphael Rohner

Die Nacht an diesem 21. Juni ist taghell. Jetzt, fast 16 Jahre später, liegen drei Bücher vor mir: «Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne», heisst eines. Es sind die Erinnerungen des Vaters von Wilfriede an zwei Jahre Untersuchungshaft, acht Jahre Konzentrationslager und eine abenteuerliche Flucht in die Schweiz. «Die verbotene Hoffnung» heisst das zweite Buch. Es sind die beklemmenden Memoiren von Wilfriedes Mutter an drei Jahre Stasi-Haft. Und schliesslich liegt da «Hinter den sieben Bergen»: Eine Dorfchronik des Urner Dörfchens Göschenen in den 1930er-Jahren, geschrieben von Wilfriedes Mutter.

10 Jahre KZ und eine Flucht in die Schweiz: Erinnerungen von Friedrich Schlotterbeck. Wilfriede Hess nannte ihn «Vati».

10 Jahre KZ und eine Flucht in die Schweiz: Erinnerungen von Friedrich Schlotterbeck. Wilfriede Hess nannte ihn «Vati».

Zusammen mit vielen weiteren Aufzeichnungen erschliessen die Bücher eine erschütternde Familiengeschichte. Sie handelt von mörderischer politischer Gewalt, von ideologischer Verblendung, von Nazis, Kommunisten, und von Berglern. Sie spielt in der Schweiz, in Italien, in West- und Ostdeutschland. Es ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts und jene von Wilfriede Hess und alle jener Kinder jener Generation, die unter die Räder der Geschichte geraten sind. Jetzt, da sich das Kriegsende bald zum 75. Mal jährt, sei diese Geschichte erzählt.

Ein Buch wirbelt das Bergdorf Göschenen durcheinander

Winter 1945, Zürich. Im Verlag «Büchergilde Gutenberg» erscheint «Hinter den sieben Bergen». Die Autorin des Werks, Anna Josephine Fischer, behauptet, alle darin beschriebenen Personen und Handlungen seien frei erfunden. Das ist – ironischerweise - aber das Einzige, das wirklich frei erfunden ist. Denn Personen, Orte und Handlungen werden sehr schnell erkannt.

Damals hiess Anna Fischer mit Nachnamen. Ihr Buch über Göschenen sorgte 1945 für einen Skandal. Zwar hat die Autorin alle Namen verfremdet, doch den Göschenern war sofort klar, wer und was gemeint war. Zum Beispiel die italienische Wirtefamilie im Restaurant, das im Buch «Felsenkeller» heisst, in Wahrheit aber «Schöllenen-Bahn». Im Buch erfährt die Familie von den Einheimischen Verachtung, Ausbeutung und Ausländerhass und wird letztlich zum Verlassen des Dorfes gezwungen.

Damals hiess Anna Fischer mit Nachnamen. Ihr Buch über Göschenen sorgte 1945 für einen Skandal. Zwar hat die Autorin alle Namen verfremdet, doch den Göschenern war sofort klar, wer und was gemeint war. Zum Beispiel die italienische Wirtefamilie im Restaurant, das im Buch «Felsenkeller» heisst, in Wahrheit aber «Schöllenen-Bahn». Im Buch erfährt die Familie von den Einheimischen Verachtung, Ausbeutung und Ausländerhass und wird letztlich zum Verlassen des Dorfes gezwungen.

Bild: Raphael Rohner.

Wie auch anders? Das Buch spielt in Göschenen, Kanton Uri. Von den damals rund 800 Dorfbewohnern tauchen rund 80 im Buch auf. Und das beileibe nicht im schönsten Licht. In der «Weltwoche» urteilt der mit Fischer befreundete Schriftsteller Rudolf Jakob Humm: «Es ist ein Dorfroman, an dem neu ist, dass die Zustände im Lichte sozialistischer Erkenntnis gesehen werden. Meines Wissens geschieht das zum ersten Mal in der Schweiz. Gestalten und Ereignisse erhalten dadurch ein eigenartiges Relief.» Das Buch, so Humm, rage «nicht durch sprachlichen Zauber hervor; aber es ist sehr ehrlich und mutig».

In Göschenen ist das Buch schlicht ein Skandal. Der Verlag warnt Fischer, sie solle sich auf einen «fetten Prozess» gefasst machen. Das «Luzerner Vaterland» schreibt, es handle sich bei dem Buch um ein «Pamphlet gegen eine angesehene Gemeinde und angesehene Bürger» und eine «strafrechtliche Ahndung dürfte gegeben sein».

Fischers Vergehen besteht darin, dass sie das Dorfleben in Göschenen erbarmungslos dekonstruiert. Von finanziellen Anhängigkeiten, Günstlingswirtschaft und Machtmissbrauch ist da die Rede, von sexueller Ausbeutung und Fremdenhass. Und das Schlimmste daran: Fischer ist über die intimsten Vorgänge im Dorfleben offenbar bestens informiert. Sie war mittendrin, in diesem Dorf, als sie den Stoff für ihr Buch zusammentrug. «Hinter den sieben Bergen» hallt noch heute in Göschenen nach. Viel Gutes sagt man über die Autorin nicht.

Ein Rheintaler Elektronikhändler mit Forschungsdrang

Erforscht das Leben Annas und träumt von einer Neuauflage von «Hinter den sieben Bergen»: Matthias Wahl, Elektronikhändler aus dem St. Galler Rheintal mit Göschener Wurzeln.

Erforscht das Leben Annas und träumt von einer Neuauflage von «Hinter den sieben Bergen»: Matthias Wahl, Elektronikhändler aus dem St. Galler Rheintal mit Göschener Wurzeln.

Bild: Raphael Rohner

Im März 2020, Grabs (SG). Kaum einer hat sich so intensiv mit dem Buch beschäftigt wie Matthias Wahl. Die Mutter Wahls stammt aus Göschenen. So wurde «Hinter den sieben Bergen» zum Thema. Wahl, der im St. Galler Rheintal einen Elektronikhandel betreibt, verbeisst sich in den Stoff.

Er forscht in Archiven, erhält Zugang zu Stasi-Unterlagen, durchforstet alte Telefonbüchern, sucht auf Friedhöfen und in Bibliotheken nach Namen und Fakten. Wahl sagt, dass Fischer in ihrer Beschreibung der Zustände in Göschenen nichts hinzugefügt oder gefälscht habe. Sie habe alles so aufgeschrieben, wie sie es empfunden habe.

Die Autorin von «Hinter den sieben Bergen» ist für Wahl gewissermassen zu einer Lebensaufgabe geworden. Deshalb reist er nicht nur nach Göschenen, sondern auch nach Stuttgart und nach Berlin – immer auf den Spuren von Anna Josephine Fischer. Wahl nennt sie, fast schon vertraut, Anna. Doch wer war sie?

Eine deutsche Kommunistin, die im Urnerland illegal lebte und Schweizerin wurde

September 1933, Grenzach (Deutsches Reich). Eine junge Frau betritt die damals noch existierende Rheinfähre bei Basel auf der deutschen Seite des Rheins. Begleitet wird sie von einem Schweizer. Die beiden tun so, als wäre sie ein Paar. Fast fliegen sie auf. Nicht der gefälschte Pass wäre der Frau um ein Haar zum Verhängnis geworden, sondern die alten Schuhe, von denen sie sich nicht zu trennen vermochte und die sie deshalb mit sich führt. Doch dann ist sie in der sicheren Schweiz.

Erinnerungen an Flucht und Exil in der Schweiz: Wilfriede Hess mit Schweizer Ersatzpass.

Erinnerungen an Flucht und Exil in der Schweiz: Wilfriede Hess mit Schweizer Ersatzpass.

Bild: Raphael Rohner

Anna – auch wir nennen sie der Einfachheit halber so - wird 1902 in München geboren, lernt technische Zeichnerin und Stenographin, und wird von Clara Zetkin in die «Sozialistische Jugend» aufgenommen. Sie nimmt als junge Frau am Stuttgarter Spartakisten-Aufstand teil, wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), arbeitet beim Komintern in Moskau, bereist mit Geologen den asiatischen Teil der UdSSR, heiratet den KPD-Funktionär Robert Leibbrand.

Um Haaresbreite entgeht Anna nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten der Verhaftung in Stuttgart; dank ihrer Kontakte in den kommunistischen Untergrund gelingt ihr die Flucht. Ihr Mann hat weniger Glück. Er wird verhaftet und in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof gebracht, später ins KZ Buchenwald inhaftiert. Er überlebt.

Wo Anna mit dem Arzt Hans von Fischer lebte: Die Villa «Berg-Ruh» in Göschenen.

Wo Anna mit dem Arzt Hans von Fischer lebte: Die Villa «Berg-Ruh» in Göschenen.

Bild: Matthias Wahl

Anna selber findet in Zürich Anschluss bei Fluchthelfern, arbeitet als Haushälterin. Sie wohnt unter anderem beim Schriftsteller Rudolf Jakob Humm. In seinem Haushalt lernt sie auch Hans von Fischer kennen, einen Offizier, Arzt und Charakterkopf. 1934 zieht sie zu von Fischer nach Göschenen, arbeitet zunächst als Haushälterin, dann als Arztgehilfin. Ihre Papiere sind gefälscht, die Polizei ist aber nicht sonderlich insistent.

Die Autorität des Dorfarztes mit seiner Praxis in der Villa «Berg-Ruh» schützt Anna. Gemeinsam wagen sie es sogar, in das faschistische Italien zu fahren – gefälschte Pässe und verbotene kommunistische Schriften gut im Auto versteckt. Als die falschen Papiere Annas dann aber auch noch abzulaufen drohen, muss eine sichere Lösung her: Die beiden heiraten, nachdem sich Anna von ihrem Mann im KZ scheiden gelassen hat. Die beiden hatten das so vereinbart.

Wilfriede Hess zeigt den Schweizer Pass von Anna. Schweizerin wurde sie durch Heirat mit Hans von Fischer. Die Heirat hatte auch praktische Gründe: Nach Jahren mit gefälschten Papieren brauchte Anna einen legalen Aufenthaltsstatus. Nach ihrer Übersiedlung in die DDR verlor sie die Schweizer Staatsbürgerschaft. Obwohl vom Bund mehrere Male ermahnt, gab sie ihren Pass nie zurück. Genützt hat er ihr in Stasi-Haft aber auch nichts.

Wilfriede Hess zeigt den Schweizer Pass von Anna. Schweizerin wurde sie durch Heirat mit Hans von Fischer. Die Heirat hatte auch praktische Gründe: Nach Jahren mit gefälschten Papieren brauchte Anna einen legalen Aufenthaltsstatus. Nach ihrer Übersiedlung in die DDR verlor sie die Schweizer Staatsbürgerschaft. Obwohl vom Bund mehrere Male ermahnt, gab sie ihren Pass nie zurück. Genützt hat er ihr in Stasi-Haft aber auch nichts.

Bild: Raphael Rohner.

Von 1934 bis 1936 lebt Anna mit von Fischer in Göschenen. Sie ist keine Schriftstellerin und zu Beginn ist es auch nur ein Zeitvertreib, dass sie sich die Vorgänge im Dorf notiert. Ab 1937, da leben die beiden in Zürich, beginnt sie an den Notizen zu «Hinter den sieben Bergen» zu arbeiten. Friedrich Glauser, der Schriftsteller, hilft ihr. Doch noch bevor der Krieg vorbei ist, da überstürzen sich die Ereignisse.

Ein deutscher Kommunist, der nach Zürich flieht, zwei Scheidungen und ein Kind

6. Juni 1944, nahe der Grenze zu Schaffhausen (Deutsches Reich). Der Tag wird wolkenlos und heiss werden. Noch bevor er anbricht, pirscht in der Nähe von Schaffhausen ein Deutscher in Anzug und Halbschuhen durch ein Bachtobel. Friedrich Schlotterbeck hat zwei Jahre in Untersuchungshaft und acht Jahre im Konzentrationslager verbracht. Schlotterbeck, gelernter Tischler, ist Kommunist. Viele aus seiner Familie sind oder waren in der Nazizeit im Untergrund, viele wurden von den Nazis ermordet. Seine Eltern, sein Bruder Hermann und seine Schwester Getrud werden im November 1944 zusammen mit anderen im Konzentrationslager Dachau wegen «Vorbereitung zum Hochverrat» getötet.

Gertrud, deren Mann an der Ostfront von einer Granate zerfetzt wurde, hinterlässt ein zwei Jahre altes Mädchen, das nun ins Heim kommt, dort fast verhungert und schliesslich von einer befreundeten Bauernfamilie gerettet wird. Wir kennen sie aus Norwegen: Wilfriede.

Wilfriede Hess gräbt in ihrer Berliner Wohnung in Erinnerungen an eine komplizierte Familiengeschichte mit Flucht und Verfolgung. Und immer wieder findet sich das Wort «Haft».

Wilfriede Hess gräbt in ihrer Berliner Wohnung in Erinnerungen an eine komplizierte Familiengeschichte mit Flucht und Verfolgung. Und immer wieder findet sich das Wort «Haft».

Bild: Raphael Rohner

1943 lassen die Nazis Schlotterbeck laufen. Er soll sie zu Genossen führen und diese damit verraten, so der Plan der Gestapo. Doch Schlotterbeck macht nicht mit und setzt sich von Stuttgart aus ab.

Ungehindert schleicht Schlotterbeck an diesem 6. Juni über die grüne Grenze. Eine Pistole, die er für den Fall der Fälle mitführte, wirft er auf Schweizer Seite weg. Über Winterthur kommt er nach Zürich und wendet sich an die Redaktion des «Volksrechts». Er sucht nach Bekannten, die er aus Deutschland oder Moskau kennt. Und findet in Zürich: Anna.

Offizier, Haudegen, Charakterkopf: Hans von Fischer 1934 am Fenster seiner Arztpraxis in Göschenen, aufgenommen von Anna.

Offizier, Haudegen, Charakterkopf: Hans von Fischer 1934 am Fenster seiner Arztpraxis in Göschenen, aufgenommen von Anna.

Schlotterbeck zieht in den Haushalt von Anna und von Fischer ein. Die beiden werden ein Paar, von Fischer willigt in die Scheidung ein, es wird geheiratet. Und dann, der Krieg ist eben vorbei, darf Wilfriede zu ihrem Onkel und zu ihrer Tante nach Zürich kommen. Sie nennt die beiden fortan «Mutti» und «Vati».

Eine Schweizerin, die von den Nazis und dann auch noch von den Kommunisten verfolgt wird

1945, Zürich, Manessestrasse. Von Zürich aus betreiben die Schlotterbecks nach dem Krieg ein Hilfswerk in Süddeutschland. Friedrich ist schon ab Juni 1945 wieder in Deutschland tätig, Anna wartet darauf, dass die Parteileitung auch sie in die alte Heimat entsendet. Die glühenden Kommunisten können es nicht erwarten, sich an vorderster Front für ein sozialistisches Deutschland einzusetzen. Sie übersiedelten sie nach Stuttgart, engagierten sich in der Entnazifizierung und beim Roten Kreuz. 1948, der kalte Krieg hat begonnen, übersiedelt das Ehepaar mit Wilfriede in die sowjetisch besetzte Zone.

Drei Jahre sassen Anna und ihr Mann Friedrich Schlotterbeck in Stasi-Haft. Die Anschuldigungen waren im Grunde ein Witz. Doch die junge DDR hatte keinen Platz mehr für alte kommunistische Idealisten. Es schlug die Stunde der Funktionäre. Verhörraum im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen.

Drei Jahre sassen Anna und ihr Mann Friedrich Schlotterbeck in Stasi-Haft. Die Anschuldigungen waren im Grunde ein Witz. Doch die junge DDR hatte keinen Platz mehr für alte kommunistische Idealisten. Es schlug die Stunde der Funktionäre. Verhörraum im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen.

Bild: Raphael Rohner

Hätten sie die Monstrositäten, die Genosse Stalin in der Sowjetunion verübt hatte und verübte nicht warnen müssen? Hätten sie nicht spüren müssen, dass sie nach der Flucht aus einem verbrecherischen Regime in die sichere Schweiz sie Gefahr liefen, sich einem anderen, aber ebenfalls verbrecherischen Regime auszuliefern? Der Glaube an die Sache muss sie blind gemacht haben.

Die junge DDR distanziert sich mehr und mehr von den alten Kämpfern. Der Staat braucht Funktionäre, keine Idealisten. Anna und Friedrich hingegen hören nicht auf, sich bei den Bürokraten über allerhand Missstände zu beschweren. Die alten Genossen werden für die Funktionärskaste des jungen Arbeiter- und Bauernstaat zur Belastung. Es folgte das Verbot, für die Partei oder in einem Volkseigenen Betrieb arbeiten zu dürfen. Die Schlotterbecks verdingten sich im Bergbau.

Der Kommunismus frisst zwei seiner gläubigsten Kinder

16. Februar 1953, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), DDR. Die Staatssicherheit schlägt zu. Unter dem Vorwand, mit dem angeblichen sowjetisch-amerikanischen Doppelagent Noël Field in der Schweiz Kontakt gehabt zu haben, werden Anna und Friedrich Schlotterbeck verhaftet. Sie kommen zunächst in Untersuchungshaft, unter anderem im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin. Dann folgt Haft in der Strafvollzugsanstalt Bützow-Dreibergen. Wieder wird Anna – wie schon in Göschenen – wird sich Anna alles merken, was sie erlebt. Ihr Bericht, auch hier Punkt für Punkt nachprüfbar.

Die 11-jährige Wilfriede wird von ihren Eltern getrennt und kommt in ein Kinderheim. Das Mädchen, dem die Nazis schon die Mutter für immer genommen haben, verliert jetzt «Mutti» und «Vati» – diesmal an die Kommunisten. 1956, nach drei Jahren Haft, kommen die Schlotterbecks frei, später werden sie rehabilitiert.

In ihrem Buch «Die verbotene Hoffnung. Aus dem Leben einer Kommunistin» beschreibt Anna den absurden Terror, dem sie in Stasi-Haft ausgesetzt war. Der Bericht ist ein beklemmendes Dokument der Zeitgeschichte.

Anna beschreibt in ihrem Buch «Die verbotene Hoffnung», wie ihr Glaube an den Kommunismus in Stasi-Haft zu schwinden beginnt. Beklemmend dabei ist freilich, wie lange sie sich an der Ideologie festklammert und sie sogar in Haft verteidigt. Als Stalin stirbt, weint sie bitterlich.

Anna beschreibt in ihrem Buch «Die verbotene Hoffnung», wie ihr Glaube an den Kommunismus in Stasi-Haft zu schwinden beginnt. Beklemmend dabei ist freilich, wie lange sie sich an der Ideologie festklammert und sie sogar in Haft verteidigt. Als Stalin stirbt, weint sie bitterlich.

Bild: Raphael Rohner

Anna, die gläubige Kommunistin, ist zu Beginn ihrer Haft den Stasi-Verhörern dankbar, bei der Aufklärung eines Verbrechens helfen zu dürfen. Sie weint, als sie in ihrer Zelle vom Tod Stalins erfährt. Als der Juni-Aufstand die junge DDR erschüttert, bittet sie die Gefängnisleitung, ihre Zelle gegen die bourgeoisen Konterrevelutionäre verteidigen zu dürfen. An Flucht denkt sie nur, weil sie es dann endlich mit sowjetischen Befragern zu tun bekäme. Dann, so hofft sie, würde sich alles aufklären.

Erst als sich zeigt, dass die Anklage gegen sie keine faktische Grundlage hatte, beginnt sie zu zweifeln. Und die Zweifel wurden gegen Ende der Haft immer grösser. War die «Sache», wie Anna den Kommunismus nannte, am Ende gar nicht so menschenfreundlich? «Ich war jetzt 53 Jahre alt», schreibt sie über ihre Entlassung aus der Stasi-Haft: «In neuer Anfang, der allmähliche Abbau des Glaubens, stand bevor. Wohl kann der Glaube Berge versetzen. Aber wurden und werden im Schatten der Gläubigkeit nicht auch die grossen Verbrechen begangen?»

Das Buch von Anna über ihre Stasi-Haft landet auf verschlungenen Wegen im Westen. Publiziert wird es aber erst kurz nach dem Fall der Mauer: Zellentrakt im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen, in dem Anna einsass. Das Gefängnis ist heute ein Museum.

Das Buch von Anna über ihre Stasi-Haft landet auf verschlungenen Wegen im Westen. Publiziert wird es aber erst kurz nach dem Fall der Mauer: Zellentrakt im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen, in dem Anna einsass. Das Gefängnis ist heute ein Museum.

Bild: Raphael Rohner

In den 60er-Jahren schreibt Anna diese Sätze. Auf verschlungenen Wegen findet eine Version des Manuskripts ihres Buches den Weg in den Westen. Als es publiziert wird, ist die Mauer gefallen, der Kommunismus, an den Anna so sehr geglaubt hatte, endgültig diskreditiert. Anna selber ist schon 1972 gestorben.

Hinter Schloss und Riegel: Zellentür im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen.

Hinter Schloss und Riegel: Zellentür im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen.

Bild: Raphael Rohner

Wie zwei Ideologien eine Kindheit zerstört haben

Im März 2020, Berlin Weissensee. Wilfriede Hess hat gekocht. Ihr Wohnzimmer verströmt Geschichte und ist voller Erinnerungen. Sie erzählt von Anna und Friedrich. Von ihrer Familie, die ihr zwei Mal genommen wurde. Von einer Kindheit, wie man sie keinem wünscht. Bisweilen ringt sie um Fassung. Wilfriede zeigt Dokumente ihrer Mutter. Aus der Nazizeit, aus dem Exil in der Schweiz, aus der Stasi-Haft. Darunter ein alter Schweizer Pass ihrer Mutter. Sie hätte ihn zurückgeben müssen, als sie einen Deutschen geheiratet und die Schweiz verlassen hatte.

Anna und Friedrich Schlotterbeck führen nach ihrer Haft in Ostberlin bis zu ihrem Tod ein wenig spektakuläres Leben. Anna schrieb einige Hörspiele, Friedrich das Buch über seine KZ-Haft. In den Büchern der Schriftstellerin Christa Wolf, mit der die Schlotterbecks befreundet waren, taucht die Familie regelmässig auf.

In Stuttgart wird der Widerstandsgruppe Schlotterbeck jährlich gedacht. Die Familie durfte auch zu DDR-Zeiten stets in den Westen an die Feierlichkeiten reisen. Der DDR den Rücken zu kehren, kam den Schlotterbecks aber nicht in den Sinn – allen Enttäuschungen zum Trotz.

Wilfriede hat einen jüdischen Professor geheiratet, der den Holocaust in Asien überlebt hat. Er ist der Vater meines mittlerweile verstorbenen Schwagers.

Epilog: Eine Familiengeschichte. Und warum diese alle angeht.

Im Winter 2020, Stuttgart. Das Schicksal von Anna, Friedrich und Wilfriede beschäftigt die Medien immer wieder. Im Winter hat Wilfriede an Aufnahmen für einen Dokumentarfilm teilgenommen. Vor der Kamera hat sie ein Gespräch mit der Tochter jenes Gestapo-Offiziers geführt, der ihre Mutter ins KZ geschickt hatte. Man kann das als Zeichen Deutscher Versöhnung sehen. Wobei Wilfriede nicht unter eines, sondern unter zwei Deutsche Systeme einen Schlussstrich ziehen müsste. Ob sie das kann? Sie sagt, sie habe die Fähigkeit, Dinge zu verdrängen. Das sei gut. Denn die Erinnerungen an das Leben zwischen Nazidiktatur und DDR, das sei schon sehr belastend.

Was sagt uns die Geschichte Annas? Matthias Wahl hat noch viele offene Fragen. Seine Suche geht weiter.

Was sagt uns die Geschichte Annas? Matthias Wahl hat noch viele offene Fragen. Seine Suche geht weiter.

Bild: Raphael Rohner

Matthias Wahl forscht im St. Galler Rheintal derweil weiter zum Leben der Autorin von «Hinter den sieben Bergen». Es sei wichtig, dass diese Frau nicht vergessen gehe. Er hofft, Annas «Hinter den sieben Bergen» neu herausgeben zu können. Wilfriedes Zustimmung hat er.

Eine Sommernacht in Norwegen, ein Buch über Göschenen, ein Urner Arzt, Fluchten in die Schweiz, KZ- und Stasihaft, ein Mädchen, das zwei Mal ihre Eltern und ein Ehepaar, das seinen Glauben an die «Sache» verliert: Vor 75 Jahren endet der Zweite Weltkrieg, kurz darauf beginnt der Kalte Krieg. Die Erinnerung an diese Familiensache lohnt sich. Denn sie zeigt: Geschichte ist kein abstrakter Begriff. Sie ist geronnenes Leben. Das Leben der Anderen – und das eigene. Nie vergessen!