Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Angst um todkranke Familienmitglieder verarbeiten – so versucht es Schriftstellerin Milena Moser

Das Buch von Milena Moser und ihrem sterbenskranken Partner über den Tod ist voller Witz und Trost.
Katja Fischer De Santi
Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr Partner Victor-Mario Zaballa leben in den USA. Bild: David Butow

Die Schweizer Autorin Milena Moser und ihr Partner Victor-Mario Zaballa leben in den USA. Bild: David Butow

Sie weiss, dass er sterbenskrank ist, und trotzdem hat sich Milena Moser in Victor-Mario Zaballa verliebt, die Schweizer Erfolgsautorin in den mexikanischen Künstler. Vor gut fünf Jahren war das. Die Autorin ist zum zweiten Mal in ihrem Leben in die USA ausgewandert, nach Santa Fe. Ist allein in ein winziges Häuschen gezogen. Ein Neuanfang, nach der zweiten Scheidung. Sie hatte die Liebe nicht aufgegeben, aber die Suche danach.

Es kam anders. Victor trat in ihr Leben, brachte ihr die Liebe, aber auch den Tod. Es sei ein Wunder, sagen die Ärzte, dass er noch lebe. Victor ist ein casus fascinans, ein Patient, den sie nicht verstehen. Die Kombination von Nierenversagen und Herzfehler hätte ihn schon längst umbringen müssen. Seine Patientenakte ist so dick wie das Telefonbuch einer kleinen Stadt. Trotzdem lebt er. Lebt gut. Dass ihr Geliebter jederzeit sterben könnte, dieser Gedanke begleitet Milena Moser seit fünf Jahren jeden Tag.

«Heute sterbe ich nicht»

, sagt hingegen Victor und hatte bisher immer recht. Er lebt mit seiner Krankheit und tut dies ohne Furcht und Schrecken, denn er weiss: In seiner mexikanischen Kultur haben die Toten die beste Zeit ihres Lebens.

Wenn die Toten zum Znacht eingeladen werden

Nun haben Milena Moser und Victor-Mario Zaballa zusammen ein Buch herausgebracht: «Das schöne Leben der Toten» über den Día de los Muertos, den Höhepunkt des Jahres in Mexico und in Victors Leben. Es ist sein Versuch, sie auf die Zeit ohne ihn vorzubereiten, und ihr Versuch, die Angst vor dem Tod zu verlieren.

Im Buch beschreibt Milena Moser, dass ihre eigene Kultur ihr keinen Trost bieten könne.

«Wir haben dem Tod nichts entgegenzusetzen. Keine Tradition, die uns auffängt, kein Ritual, das uns hält. Wir sind allein.»

Sie weiss nicht, wie Trauern geht, wie das sein wird, wenn der geliebte Mensch nicht mehr auf Erden ist. Trost findet sie hingegen in der mexikanischen Kultur. Wo kleine Kinder genüsslich an einem Zuckertotenkopf herumkauen, der ihren Namen trägt. Und man Schwerkranken kleine Deko-Skelette schenkt.

Der Tod ist in Mexiko schön und witzig, bunt und alltäglich. Er wird nicht versteckt und nicht tabuisiert. Erst recht nicht am Día de los Muertos. «Wir laden die Toten ein, wir stellen sie unseren Freunden vor, wir teilen eine Mahlzeit mit ihnen. Wir verbringen einen Abend mit ihnen, tun alles, um es ihnen wohl zu machen, damit sie wenigstens für ein paar Stunden aus ihrem Paradies zu uns kommen», beschreibt die Autorin das Ritual. Für sie eine schöne und beruhigende Vorstellung. Die Toten sind nicht einfach weg, man begegnet sich mindestens noch einmal im Jahr.

Gerade ist sie in San Francisco. Hier lebt und arbeitet ihr Partner Victor. 1600 Kilometer von Milena Mosers zu Hause in Santa Fe entfernt. Die Distanz gebe ihr Freiheiten, sei aber manchmal auch Qual. Nicht zu wissen, wie es Victor wirklich geht, nicht immer da sein zu können, sei manchmal kaum auszuhalten.

«Seine Krankheiten machen mich zur hysterischen Helikopterfreundin»

, schreibt sie

«Du darfst nicht meinetwegen dein Leben anhalten», sage ihr Victor immer wieder. Und sie dürfe seinen Gesundheitszustand auch nicht als Ausrede benutzen. «Dabei wäre es so viel einfacher, genau das zu tun», schreibt sie. Ihr Leben seinem unterzuordnen. Aber das lasse er nicht zu. Er jammere weniger als ein Gesunder mit einer Erkältung. Sage ihr auch nicht immer die ganze Wahrheit über seine Diagnosen und Notfälle.

Sie weigert sich, die Schlüssel mitzunehmen

Bevor sie wegfahre, frage er sie stets, ob sie ihre Schlüssel dabei habe. «Nein», sage sie dann trotzig. «Ich gehe davon aus, dass du mich abholst!» Dabei weiss sie, dass es anders sein kann. Victor fiel vor einigen Jahren zu Hause ins Koma, lag allein in seiner Wohnung. Eine Freundin fand ihn, gerade noch rechtzeitig – weil sie einen Schlüssel hatte. Milena Moser kennt die Geschichte, trotzdem weigert sie sich, die Schlüssel mitzunehmen.

«Ich will davon ausgehen können, dass er noch da ist, wenn ich zurückkomme. Sonst könnte ich gar nicht erst gehen.» Doch das Bewusstsein, es könnte jederzeit zu Ende sein, relativiert vieles in der Beziehung der beiden. Macht Wichtiges noch dringlicher. Die beiden geniessen die unspektakulären Momente des Alltags. «Ich lebe jetzt so, wie ich immer hätte leben sollen.»

Aber sie wird irgendwann ohne Victor auskommen müssen. Er könnte noch zehn Jahre leben oder zehn Tage. «Der Tod hat mich übersehen. Aber jetzt sitzt er neben mir auf dem Sofa, streckt seinen knochigen Arm nach mir aus und grinst. Was bleibt mir anderes übrig, als mich mit ihm anzufreunden?», schreibt Milena Moser zum Schluss ihres Buches. Es ist ein tröstliches Werk geworden. Keines über den Tod, sondern eines über das Leben.

Buchtipp

Milena Moser: Das schöne Leben der Toten
Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende.
Kein & Aber
176 Seiten
Fr. 24.-

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.