Andreas Niedermann

Das war's. Abhaken. In einer Dokumentation über angehende Hotelfachleute wurde ein Schwein geschlachtet. Die Probanden konnten nicht kneifen. Sie sassen auf Stühlen in einem hellgekachelten Raum, und zwei, in reinweisse Schürzen gewandete Metzger mit gütigen Gesichtern führten es hinein.

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Das war's. Abhaken.

In einer Dokumentation über angehende Hotelfachleute wurde ein Schwein geschlachtet. Die Probanden konnten nicht kneifen. Sie sassen auf Stühlen in einem hellgekachelten Raum, und zwei, in reinweisse Schürzen gewandete Metzger mit gütigen Gesichtern führten es hinein. Das Schwein. Es war klein und rosig und ahnungslos. Es rüsselte grunzend herum, und die Anspannung in den Körpern der jungen Leute wuchs sichtlich.

Als dann, wie aus heiterem Himmel, der Betäubungsbolzen gesetzt wurde, wurden einige doch ziemlich schreckensstarr.

Dann sagte der Leiter der Aktion etwas Bemerkenswertes: «Achten Sie darauf, ab wann für Sie das Tier zum Produkt wird.» Damit wären wir bei Schweiz – Honduras. «Achten Sie darauf, ab wann für Sie das Spiel zu einem glanzlosen Ereignis wird, in dem 22 Männer in kurzen Hosen einen Ball mit den Füssen treten.»

Ab welchem Moment wird aus Empathie Gleichgültigkeit? Aus brennendem Anhängertum Verachtung? Es ist eine chemische Reaktion. Und sie braucht einen Katalysator.

Bei mir heisst der Katalysator: Fehlpässe. Drei, vier Fehlpässe in Folge, und ich bin draussen. Anstatt flammender Patriotismus nur noch Dribbelschinken, Flankenwürste und Abseitsspeck. Der Fehlpass ist der übelste Killer unter allen Spiellustmördern. Es ist, als würde in eine Mahler-Symphonie eine Vuvuzela hineinplärren. Das wär's dann. Abhaken und nach vorne schauen.

Es gibt ja noch anderes. Schwingen und Unspunnensteinstossen. Oder, mein absoluter Favorit: die schwermütige Poesie des Hornussen. Die etwas verloren wirkenden Männer in der abgemähten Wiese, das hat was, wie sie die schweren Tafeln in die Luft werfen, als wollten sie dem Herr im Himmel ihre handgeschnitzten Visitenkarten überreichen.

Ja, und: Jassen. Immer wenn ich kann, sehe ich mir den «Samschtig-Jass» an. Vielleicht auch als Reminiszenz an jene längst vergangenen Sonntagnachmittage in der St.

Galler «Weinhalle», als an allen Tischen jassende Männer und Frauen sassen. Ich finde, es gibt nichts, was den «guten Geist» der Schweiz so sehr widerspiegelt wie das Jassen. Im Jassen liegt die Essenz der alemannischen Lebensart. Denn jeder Jasser weiss: Das Leben teilt meist schlechte Karten aus, und mit einem miesen Blatt kann man nicht gewinnen. Aber, man muss nicht immer gewinnen. Es kommt drauf an, das Beste aus seinem Blatt zu machen. Und das können nur die Besten.

Durch Erfahrung, Klugheit, Antizipation, Schläue und, jawohl, auch Risikobereitschaft. Möge das beste Deutschland die WM gewinnen.

Andreas Niedermann, St. Galler Autor und Verleger in Wien, bloggt auch auf songdog.at/blog/. Zuletzt erschien sein Tagebuch «LOG» (Wien 2009).

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