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Auf der Alp tickt die Uhr weniger hektisch – zu Besuch bei Geschwistern im Lötschental

Rita Bellwald führt im Lötschental mithilfe ihrer Schwester ein Alpleben fast so, als hätten es die Annehmlichkeiten der Moderne nicht bis dorthin geschafft. Die Sennerin ist eine der letzten, die so lebt.
René Fuchs
Der lange Weg auf die Restialp wird Jahr für Jahr für die beiden Schwestern Maria Kleopha und Rita anstrengender. (Bild: Sergio Rattaggi)Der lange Weg auf die Restialp wird Jahr für Jahr für die beiden Schwestern Maria Kleopha und Rita anstrengender. (Bild: Sergio Rattaggi)
Rita Bellwald beim Verlassen des Alpstalls. (Bild: Sergio Rattaggi)Rita Bellwald beim Verlassen des Alpstalls. (Bild: Sergio Rattaggi)
Maria Kleopha und Rita Bellwald in der einfach eingerichteten Alphüttenstube. (Bild: Sergio Rattaggi)Maria Kleopha und Rita Bellwald in der einfach eingerichteten Alphüttenstube. (Bild: Sergio Rattaggi)
Für das Melken der beiden Kühe Wanda und Lea braucht Rita Bellwald am Morgen und Abend je eine Stunde. (Bild: Sergio Rattaggi)Für das Melken der beiden Kühe Wanda und Lea braucht Rita Bellwald am Morgen und Abend je eine Stunde. (Bild: Sergio Rattaggi)
In den Schoss legen will die Sennerin ihre Hände noch lange nicht - aber sie faltet sie oft zum Gebet. (Bild: Sergio Rattaggi)In den Schoss legen will die Sennerin ihre Hände noch lange nicht - aber sie faltet sie oft zum Gebet. (Bild: Sergio Rattaggi)
Rita Bellwald betet: "Barmherziger Jesus, ich vertraue auf Dich!" (Bild: Sergio Rattaggi)Rita Bellwald betet: "Barmherziger Jesus, ich vertraue auf Dich!" (Bild: Sergio Rattaggi)
Die Kühe Wanda und Lea sind das Ein und Alles der Schwestern Bellwald. (Bild: Sergio Rattaggi)Die Kühe Wanda und Lea sind das Ein und Alles der Schwestern Bellwald. (Bild: Sergio Rattaggi)
An der Fronleichnams-Prozession in Kippel nehmen die beiden Schwestern Maria Kleopha und Rita immer teil. (Bild: Sergio Rattaggi)An der Fronleichnams-Prozession in Kippel nehmen die beiden Schwestern Maria Kleopha und Rita immer teil. (Bild: Sergio Rattaggi)
8 Bilder

Zärtlich krault die 69-jährige Sennerin ihre beiden Simmentaler Kühe Lea und Wanda auf der Weide. Es ist Rita Bellwalds 55. Sommer auf der Restialp auf 2098 Metern über Meer. Weiter oben die letzten Schneeflecken beim Passübergang nach Leukerbad. Tief unten der Stausee von Ferden, gefolgt von den Dörfern Kippel und Wiler, im Hintergrund Ried und Blatten und der immer grauer werdende Langgletscher. Dominiert wird die Szenerie vom markanten 3934 m hohen Bietschhorn, dem «König des Wallis», wie die Lötscher zu sagen pflegen.

Die Kühe drehen ihren Kopf, wenn sie ihren Namen hören und kommen auf die Sennerin zu. «Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen», sagt Rita Bellwald. Sie war schon als Kind während den langen Sommerferien mit den Eltern und Tanten auf der Alp. Damals gab es noch keine Strassen und die Arbeit war weitaus anstrengender, denke man nur ans Heuen von Hand und das Einbringen des Futters in die verschiedenen Maiensässe. Als zweitältestes von fünf Kindern musste sie das ganze Jahr im elterlichen Betrieb anpacken. Der Vater war Maurer und hatte als Rucksackbauer nur abends für den Hof Zeit.

Nach der Schule eine Lehre zu absolvieren, stand für Rita Bellwald und ihre Eltern nicht zur Diskussion. Eine Familie habe sie von ihrem Naturell her nicht gründen sondern lieber jeden Sommer auf der Alp verbringen wollen, sagt Rita Bellwald auf die Frage, warum sie Single geblieben sei. Mit der Tante Cecilia Rieder zog sie nun Sommer für Sommer mit bis zu acht Kühen auf ihre Restialp. 1996 verstarb die fast erblindete Tante 82-jährig und Rita verkaufte in Absprache mit ihren Verwandten den Grossteil des Viehs. Seither sind es immer nur zwei Simmentaler Kühe.

Die Gotteszeichen sind in der Hütte überall präsent

«Streut Blumen der Liebe zur Lebenszeit und bewahret einander vor Herzeleid», steht in roter Schrift auf einem weissen mit Blumen verzierten Wandbehang in der niedrigen Alphüttenstube neben Kruzifix mit Heiligenbildern. Durch die drei kleinen Fenster fällt das Sonnenlicht auf eines der zwei Betten, die seitlich an den Wänden stehen. Eine kleine Bank mit Milchgeschirr, eine Kommode mit einer Marienstatue, zwei Melkstühle als Sitzgelegenheiten und ein Specksteinofen vervollständigen das Mobiliar der Stube. In der Küche zwei Holzgestelle mit Geschirr und alten Butterfässern. Auf einer Bank zwei Milchkessel mit Trinkwasser vom nahen Brunnen und in einer gemauerten Ecke steht der Herd samt Gasflasche.

Die Hütte aus sonnengeschwärztem Lärchenholz besteht seit 1868. «Gebaut durch Johann Rieder und seine Kinder» steht mit schwungvoller Schrift im Zierbalken, der mitten durch die Decke verläuft. Rita Bellwald lächelt und sagt:

«Ich bin es gewohnt, allein und ganz ruhig zu wohnen.»

Sie hält bei der Eingangstür Ausschau nach ihren beiden Kühen, die jetzt in der saftigen Alpweide grasend unterwegs sind. Für Abwechslung sorgen hie und da Wanderer.

Obwohl es in der Umgebung noch reichlich Schneereste hatte, fand der Alpaufzug am 26. Juni statt. Normalerweise dauert er vom Dorf Kippel aus zu Fuss mehr als fünf Stunden. Dieses Jahr war alles anders: Die Temperaturen hoch und Rita nicht gut zu Fuss, sodass ihr Nachbar spontan den Kuhtransport im Viehwagen anbot. Oben angelangt war die Welt wie eh und je. Ihre beiden ebenfalls ledigen Geschwister Jakob und Maria Kleopha halfen beim Einrichten und einen Tag darauf segnete der Prior von Kippel, Thomas Pfammatter, Vieh, Menschen, Brot, Salz und Weihwasser.

Gott vertraut Rita Bellwald ihr Leben und ihre Kühe an. Ein Leben mit der Natur, der man auf dieser Höhe vermehrt ausgesetzt ist. So etwa 1974, als bereits im September ein Meter Schnee fiel oder der Sturm, der 1992 das halbe Schindeldach abdeckte, geschweige denn das Unwetter von 2011 mit vielen Flurschäden. «Barmherziger Jesus, ich vertraue auf Dich», steht auf einem kleinen Zettel bei der Eingangstüre.

Mitten im Dunkeln steht Rita Bellwald jeden Tag um 3.30 Uhr auf. Sie braucht keinen Wecker. Im Schein der Petrollampe frühstückt sie, siedet Wasser um das Milchgeschirr zu reinigen, hackt altes Brot für die Kühe, bittet den Herrgott um einen guten Tag und begibt sich nach draussen, um in den darunterliegenden Stall zu wechseln. Nicht einmal Solarstrom gibt es. Rita Bellwald ist mit ihrer Alptradition so verwurzelt, dass sie Neuerungen störend empfindet.

Die Kühe werden geputzt, gekrault und gesegnet

Lea und Wanda erwarten ihre gute Seele um 5 Uhr. Zuerst wird gemistet, die Tiere werden mit Striegel und Bürste geputzt, gekrault und die Euter gereinigt. Zwei unterschiedlich hohe mit Schnitzereien versehene Melkstühle stehen in einer Ecke. Lea, die zutraulichere und feinfühligere Kuh wird zuerst gemolken. Gekonnt ergreift Rita die Zitzen und schon bald schiesst abwechselnd ein Milchstrahl in den Melkeimer. Derweil draussen der Tag erwacht.

Nach gut einer halben Stunde ist Wanda an der Reihe. Auch ihr wird oft ins Ohr geflüstert und nach einer Stunde sind zwanzig Liter fettreiche Milch bereit zum Transport ins Tal. Dann werden die Kühe mit Weihwasser auf der Stirn und einem Segensspruch auf die Alpweide gelassen. Wie jeden Morgen ist um 6.20 Uhr Jakob, der jüngere Bruder, mit seinem Auto die acht Kilometer vom Tal in vielen Kehren hochgefahren, um die Milch in die Käserei zu bringen.

Oft begibt sich Rita dann mit ihm ins Tal, um tagsüber zu heuen oder andere Besorgungen mit ihrer Schwester Maria Kleopha im gemeinsamen Haus zu erledigen. Früher musste sie den Weg zu Fuss gehen mit der Hutte am Rücken.

Um 17 Uhr geht’s jeweils wieder auf vier Rädern bergwärts. Lea und Wanda weiden bis die Sonne hinter den Bergspitzen untergeht. Zwei, drei Rufe und schon sind sie nahe beim Stall und warten darauf, geputzt und gemolken zu werden. Die Zuber werden gereinigt, die Milch in einem kühlen Raum gelagert und nach einem Kaffee und Rosenkranzgebet werden die Kühe im Stall mit Weihwasser besprengt. Lea trägt nun das Nachtglöcklein und Wanda ihre Treichel. «Um 21 Uhr schlafe ich im Bett sofort ein. Vom Stall darunter höre ich nur noch kurz die Geräusche des Viehs und die feinen Glockenklänge», sagt Rita Bellwald.

Zu ihrem Glück braucht die Sennerin Gesundheit und Arbeit

Was braucht es denn im Leben, um glücklich zu sein?, fragt der Besucher aus dem Flachland. «Gesund zu sein und arbeiten zu können», sinniert die letzte Sennerin auf der Restialp. Was, wenn sie körperlich nicht mehr mag? «Was will man…?», lautet die wehmütige Antwort, die aber gleich mit heiteren Alpepisoden übertüncht wird. Von der Jugendzeit, als am Sonntagabend junge Burschen hier oben allerlei Schabernack vor den verschlossenen Türen und Fenstern der Sennerinnen getrieben haben oder dass ein Kaffee Schnaps schon oft Krämpfe bei Kühen vertrieben hat.

«Je nach Wetter und Kraut bleibe ich bis Ende September auf der Restialp. Bald sind die Heubeeren reif.» Sie macht daraus Konfitüre und verschenkt die Beeren auch. «Wenn der Alpsommer zu Ende geht, schliesse ich die Fensterläden, decke alles in der Stube und Küche mit Plastikfolie ab und ziehe mit geschwisterlicher Hilfe mit den Kühen zu Fuss nach Kippel», erzählt Rita Bellwald. Mitten im alten Dorfteil steht der Stall ohne Stromanschluss. Das Heu ist eingebracht und hoffentlich wird das Emd nach der ersten trockenen Sommerhälfte ertragreicher. Der Schnee kann warten, denn der Winter ist im Lötschental lang. Nächstes Jahr gilt für Rita Bellwald erneut: «So Gott will, ziehe ich auf die Alp.»

Der Fotograf

Sergio Rattaggi hat die Fotos auf der Restialp während der letzten zwei Jahre gemacht. Das Lötschental war für ihn früher eine Feriendestination, heute wohnt der Pensionierte da. «Als ich die beiden Senninen kennenlernte, dachte ich sofort, dass man das der Nachwelt erhalten muss», erklärt er.

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