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Fördert der Hitzesommer 2018 ein Umdenken? Historiker und Klimaforscher wagen eine Prognose

Ein Historiker blickt zurück ins Jahr 1540, Klimaforscher schauen voraus. Was sie sehen, ist wenig erfreulich. Und der Bund wappnet sich für die – vielleicht katastrophale – Zukunft.
Rolf App
Wir in der Schweiz leiden zwar unter der Hitze, hier in Huelva in Andalusien aber wüten genauso Waldbrände wie im benachbarten Portugal. (Bild: David Arjona/EPA)

Wir in der Schweiz leiden zwar unter der Hitze, hier in Huelva in Andalusien aber wüten genauso Waldbrände wie im benachbarten Portugal. (Bild: David Arjona/EPA)

Historiker kennen die Menschen gut. Sie kennen sie von ihren heldenhaften Seiten her, aber auch in ihrer Mittelmässigkeit und Inkonsequenz. Jahrzehntelang hat Christian Pfister an der Universität Bern die Klimageschichte der Schweiz erforscht, hat erkundet, wie ihre Bewohner mit Nässe und Kälte, aber auch mit Hitze und Dürre umgegangen sind. Und sagt heute:

«Was die Geschichte lehrt, das ist vor allem eines: Dass die Menschen erst durch Katastrophen aus ihr lernen.»

Dass wir uns mit einer menschengemachten Aufheizung des Klimas einer solchen Katastrophe nähern, ist für Christian Pfister seit langem klar. Vielleicht, so hofft er, kann der Hitzesommer 2018 ein Umdenken fördern. Denn, sagt er, «entscheidend für Mensch und Wirtschaft ist nicht ein Durchschnittswert, sondern es ist das, was man den grössten anzunehmenden Unfall nennen könnte».

Der Rhein schrumpft zu einem Rinnsal

Klimahistoriker Christian Pfister

Klimahistoriker Christian Pfister

Wie könnte dieser grösste anzunehmende Unfall aussehen? Sind es die Sommerdürren des vergangenen Jahrhunderts, besonders ausgeprägt 1947? Ist es der besonders schadensreiche Frühling 1843? Nein, Christian Pfister geht weiter zurück – ins Jahr 1540, dessen durchschnittliche Sommerhitze nach einer Studie der ETH dem Rekordjahr 2003 nahe kam. Erstaunlich viele Quellen aus jener Zeit zeichnen ein Bild der Lage: Der Rhein verkommt zu einem Rinnsal, Fische treiben bauchoben im lauwarmem Wasser, während die Vegetation verdorrt und das Vieh verhungert. «Überall, von den ­Vogesen bis Polen, brannten die Wälder, grosse Teile Europas lagen unter einem dichten Rauchschleier.»

«Die Energiegewinnung ist die Achillesferse»

Meteorologisch hat dieser katastrophale Sommer 1540 durchaus Ähnlichkeiten mit dem Sommer 2018. Von Südwesten bis Nordosten zieht sich ein Hochdruckgebiet, das eine Schönwetter- und Trockenzone schafft und sich kaum von der Stelle bewegt. Es handelt sich um jenes Einrasten einer hartnäckigen Wetterlage, die Meteorologen auch in unseren Zeiten vermehrt beobachten.

Ausserhalb dieser Zone sieht 1540 die Lage anders aus. Die Chronik aus dem russischen Nowgorod etwa berichtet von Überschwemmungen und vom Roggen, der nicht wachsen will – während Fridolin Ryff aus Basel nur gerade drei schwache Regenfälle zwischen dem Beginn des Sommers und dem 21. November überliefert. Es ist so heiss, dass die Bewohner des französischen Besançon tagsüber in ihren Kellern Zuflucht suchen. An einem dieser heissen Tage macht der Lehrer Hans Salat sich auf den Weg nach Solothurn, wo, wie er berichtet, jedermann über Wassermangel klagt.

«Rundherum brannten die Wälder, beim Auf- und Untergang sahen Sonne und Mond rötlich aus – und tagsüber blass, weil der Himmel erfüllt war von Dunst und Rauch.»

Natürlich stellt sich die Frage, ob heutige Gesellschaften nicht besser vorbereitet wären auf eine derart massive Hitze- und Trockenphase. In gewissem Sinn durchaus, die Menschen des Jahres 1540 waren der Natur mehr oder weniger ausgeliefert. Auf der andern Seite sind heutige Gesellschaften auch sehr verletzbar. Denn, sagt Christian Pfister, «die Energiegewinnung ist die Achillesferse moderner Gesellschaften.» In Deutschland zum Beispiel verbrauchen thermische Kraftwerke 65 Prozent des Oberflächenwassers. Was geschieht, wenn dieses Kühlwasser nicht mehr zur Verfügung steht – und zur selben Zeit Wasserkraftwerke immer weniger Energie produzieren?

Mit den Gewässern der Schweiz befasst sich im Bundesamt für Umwelt die Abteilung Hydrologie. «Der Wasserstand liegt an fast allen Orten unter dem Durchschnitt», fasst deren Sprecherin Edith Oosenbrug die Resultate der insgesamt 300 Messstellen zusammen. Eine Ausnahme bilden nur jene Wasserläufe, die – etwa im Wallis – von Gletschern gespiesen werden.

2015 starben 800 Menschen mehr als normal

Das zeigt sich auch in den Seen. Der Wasserspiegel des Vierwaldstättersee etwa liegt momentan bei 433,4 Metern über Meer. Das langjährige Mittel für den Monat August beträgt 433,71 und fürs ganze Jahr 433,58 Meter über Meer. Ähnlich präsentiert sich die Lage am Bodensee mit einem aktuellen Wasserstand von 395,42 Metern über Meer, der unter dem langjährigen Mittel sowohl für den Monat August (396,14) wie fürs ganze Jahr (395,59) liegt. Umgekehrt, sagt Edith Oosenbrug, «übertreffen die Wassertemperaturen bereits die Werte von 2003».

Mag sein, dass Letztere sich mit der angekündigten Abkühlung normalisieren. Für die Zukunft aber ist der Umgang mit Wasser «sicher ein Thema, denn wir rechnen mit häufigeren Trockenperioden», sagt Edith Oosenbrug. Das Bundesamt für Umwelt hat deshalb die Erfahrungen der Hitzesommer von 2003 und 2015 in Berichten aufgearbeitet. Der Sommer 2015 ist dabei nach 2003 der zweitwärmste Sommer gewesen, der je gemessen wurde. Mit niedrigen Pegelständen, starker Gletscherschmelze, Hitze und Trockenheit – und rund 800 Todesfällen mehr als normal.

«Bis Mitte des 21. Jahrhunderts dürften Verhältnisse wie im Sommer 2015 zum Normalfall werden», prognostiziert der Bericht.

Vielleicht kommt es sogar noch schlimmer

Das ist allerdings ein vorsichtig-optimistisches Szenario der Klimaerwärmung. Eine düster-pessimistische Variante haben gerade Klimaforscher um Will Steffen vom Stockholm Resilience Centre und Hans Joachim Schelln­huber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung skizziert: Dass es im Klimasystem zu Rückkopplungen kommt, bei denen Effekte sich verstärken. Böden und Ozeane beispielsweise nehmen mit der Erwärmung immer weniger CO2 auf und kurbeln damit den Klimawandel noch stärker an. Auch das Abtauen des Grönlandeises oder der Methanhydratvorkommen im Meeresboden gelten als so genannte Kippelemente.

Was die Forscher befürchten, sind Dominoeffekte. «Gewisse Kaskaden solcher Ereignisse könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise kippen», sagt Schellnhuber. Und zwar selbst dann, wenn die Menschheit es schaffen würde, ihre Treibhausemissionen fast auf null herunterzubringen. Das heisst: Eine neue Heisszeit begänne, mit vier bis fünf Grad höheren Temperaturen und einem Anstieg des Meeresspiegels von zwischen 10 und 60 Metern.

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