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Als die deutsche Demokratie unterging

Schulden und Populismus trieben die Regierung in die Enge – Wirtschaftshistoriker Straumann beschreibt das Jahr 1931.
Christoph Bopp
Am 13. Juli 1931 kam es in Berlin zum Bankrun. Die Sparer wollten ihr Geld retten. (Bild: Getty Images)

Am 13. Juli 1931 kam es in Berlin zum Bankrun. Die Sparer wollten ihr Geld retten. (Bild: Getty Images)

Die Regierung im Dilemma. Ausländische Gläubiger fordern eine rigide Austeritätspolitik. Sparen, Renten runter, Steuern rauf. Das Volk ächzt. Oppositionelle Politiker versprechen das Blaue vom Himmel herunter, wenn man nur das fremde Joch abschütteln würde. Gibt man ihnen nach, fürchten die Gläubiger um ihr Geld, und das Kapital flieht aus dem Land. Die Wirtschaft würde einbrechen. Gibt man nicht nach, läuft man Gefahr, bei den nächsten Wahlen abgestraft zu werden.

Klingt nicht unvertraut. Könnte Griechenland sein. Oder ein anderes der EU-Südländer. Dass die Demokratie bedroht ist und die Populisten sich zusammenrotten, dieses Lied haben wir schon mehrmals gehört. Trifft aber noch mehr auf Deutschland zu Beginn der 1930er-Jahre zu. Die junge Demokratie hatte einen schweren Stand. Gemässigte Parteien wurden von den extremen Kräften, links von den Kommunisten und rechts von den Nationalsozialisten, bedrängt, dazu gab es auch die Populisten der DNVP (Deutschen Nationalen Volkspartei) des Pressemagnaten Alfred Hugenberg.

Welche Lehren bietet die Geschichte?

«Die Geschichte wiederholt sich nicht.» Das ist wohl wahr. «Wer nichts aus der Geschichte lernt, ist verurteilt, sie zu wiederholen.» Wohl auch wahr. Man kann die Sache aber auch weniger dramatisch angehen. Und einfach fragen: «Warum haben die es nicht hingekriegt, das Desaster zu vermeiden?»

Eine ähnliche Frage stellte Königin Elisabeth an die ökonomischen Experten ihrer Hochschulen:

«Warum hat niemand die globale Finanzkrise von 2007/2008 vorausgesehen?»

Nun sind Ökonomen keine Historiker. Das kann heissen, dass sie sich hüten sollten, Ratschläge zu erteilen. Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben ihrem Buch von 2011 über die Finanzkrise denn auch den Titel gegeben: «This Time Is Different. Eight Centuries of Financial Crises» (Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhundert Finanzkrisen). Offenbar in der Meinung, die Ökonomen hätten das Phänomen schon korrekt beschrieben, aber der Rest halte sich nicht daran.

«1931» – das Buch des Wirtschaftshistorikers Tobias Straumann beschreibt 1931 als ein Schlüsseljahr. Er ortet in jenem Jahr den eigentlichen Beginn und die Ursache der Grossen Depression der 1930er-Jahre. Es war nicht der Börsencrash von 1929, so verheerend er für viele auch war, der die Welt für Jahre ins Elend stürzte, sondern erst das verfehlte Handling der deutschen Krise von 1931. Sie erst brachte die Banken ins Wanken und die Finanzwelt in Panik. Und die Weltwirtschaft ins Trudeln. Was sich wiederum auf die deutsche Wirtschaft auswirkte.

Reparationen, um die US-Schulden zu bezahlen

Der Erste Weltkrieg hatte eine Schuldenkaskade hinterlassen. Die europäischen Siegermächte waren bei den USA tief verschuldet. Und hofften, sich bei den Deutschen schadlos halten zu können. Der Vertrag von Versailles schrieb ja die Kriegsschuld den Deutschen zu. Nach der Inflation 1923 hatte man mit dem Dawes-Plan von 1924 versucht, Deutschland finanziell etwas Luft zu verschaffen. Aber im Effekt war es nicht viel mehr, als die Geldpumpe einigermassen in Gang zu halten. Die deutsche Demokratie hatte, um ein paar Programme finanzieren zu können, sich bei ausländischen Banken verschulden müssen. Und ein unglücklicher Passus im Dawes-Vertrag machte das einigermassen einfach.

Der 1930 vereinbarte Young-Plan brachte nochmals ein paar Erleichterungen. Die Truppen aus dem besetzten Rheinland sollten bereits 1930 abgezogen werden statt wie in Versailles vereinbart 1935. Und die jährlichen Zahlungen wurden etwas reduziert. Aber der Zahlungsmodus wurde wieder umgekehrt. Deutschland musste jährlich eine fixe Summe bezahlen. Das hiess, dass der Budgetspielraum in der Rezession extrem klein war. Ein Sparprogramm folgte dem andern. Die Austeritätspolitik führte die Wirtschaft in die Abwärtsspirale. Und die privaten Gläubiger fürchteten um ihr Geld. Kapital floss ab.

1933 an die Macht gekommen: Adolf Hitler. (Bild: Keystone)

1933 an die Macht gekommen: Adolf Hitler. (Bild: Keystone)

Eine gemeinsame Aktion war nicht möglich

Die Regierung Brüning war im erwähnten Dilemma. Für die eigenen Leute zu schauen und sich dem ausländischen Druck zu widersetzen, hätte die finanzielle Krise verschärft. Also blieb nur Austeritätspolitik. Und ein Oppositionspolitiker wie Hitler konnte daraus leicht Kapital schlagen. Er versprach: Raus aus der Zwangsjacke.

Brüning versuchte das auch. Appelle an die Siegermächte waren erfolglos. Einem Nachgeben gegenüber Deutschland widersetzten sich vor allem die Franzosen. Eine Regierung, welche Hand geboten hätte, die Lage der Deutschen zu verbessern, hätte das innenpolitisch nicht überlebt. Deutschland sollte möglichst schwach bleiben.

Der Brüning-Regierung warf man später vor, den Weg für Hitler geebnet zu haben. Natürlich machte sie Fehler, aber ihr Spielraum war klein. Er wurde beschnitten durch strikte internationale Verpflichtungen, welche innenpolitisch nicht mitgetragen wurden.

Tobias Straumann, «1931 – Debt, Crisis, and the Rise of Hitler», Oxford University Press, 232 S.

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