Als Betagter auf dem Höhepunkt? Joe Biden ist gar keine Ausnahmeerscheinung mehr

Joe Biden wird morgen 78 Jahre alt. Und im Januar Präsident der Vereinigten Staaten. Die Hälfte seiner Jahrgänger ist schon tot. Doch die Senioren dieser Generation sind nicht zu unterschätzen. Besonders eine ihrer Qualitäten könnte Biden zu einem guten Präsidenten machen.

Katja Fischer und Jörg Zittlau
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Joe Biden, der zukünftige Präsident der USA.

Joe Biden, der zukünftige Präsident der USA.

Keystone

Ein herzliches Happy Birthday dem bald ältesten Präsidenten, den die Vereinigten Staaten je hatten! «Creepy, sleepy Joe», nannte Trump seinen Konkurrenten Joe Biden. Ausgerechnet Trump, der nur gerade vier Jahre jünger ist und seit seiner Abwahl wie über Nacht ergraut ist.

In den USA haben Männer eine Lebenserwartung von 76,1 Jahren. Aber das muss nicht heissen, dass Biden bald stirbt: Sein Vater wurde 87 Jahre alt, seine Mutter starb mit 92 Jahren. In der Familie gibt es offenbar durchsetzungsstarke Langlebigkeitsgene.

Gleicher Jahrgang wie Muhammad Ali oder Jimi Hendrix

Tatsache bleibt: Joe Biden ist ein betagter Mann. Geboren 1942. Ein Kriegsjahrgang, grosse Namen sind darunter, die meisten schon tot: der Physiker Stephen Hawking, der Boxer Muhammad Ali oder Jimi Hendrix. Menschen aus einer anderen Epoche. Aber nicht nur. Biden ist nicht der einzige bald 78-Jährige, der noch was zu sagen hat. Unter seinen lebenden Jahrgängern finden sich auch potente Namen wie Alice Schwarzer, Barbara Streisand oder der dienstälteste deutsche Bundestagsabgeordnete, Wolfgang Schäuble.

So fit wie früher 50-jährige Leute

«70 sei das neue 50» titelte der «Spiegel» vor zwei Jahren. Und schrieb, dass die heutigen 70-Jährigen sowohl geistig wie körperlich so fit seien, wie vor zwei Generationen die 50-Jährigen. Das ergab auch eine Studie des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Zugleich fühle sich diese Altersgruppe laut Studienleiter Ulman Lindenberger generell wohler und sei zufriedener mit ihrem Leben.

Quickfidel und immer noch erfolgreich: Paul McCartney.
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Regisseur Martin Scorsese begeistert bis heute.
Ihre feministische Stimme zählt noch: Alice Schwarzer.
Seit 60 Jahren auf der Bühne: Sängerin Barbra Streisand.

Quickfidel und immer noch erfolgreich: Paul McCartney.

Keystone

Nichts mit creepy und sleppy also. Die Schriftstellerin Ingrid Noll hat mit 83 Jahren ihren 15. Bestseller auf den Markt gebracht. Ihr Kollege Peter Handke, auch demnächst 78 Jahre alt, bekam letztes Jahr den Literaturnobelpreis und verfasst aus seinem Exil in Frankreich weiter tapfer seine «Beobachtungsliteratur».

Ein gutes Beispiel für einen quickfidelen 78-Jährigen gibt Paul McCartney ab. Mit neuen Songs stürmt er immer noch die Albumcharts. Und wenn es ihm langweilig wird, weil er seine Stadiontournee mit dem bezeichnenden Titel «Freshen-up» aufgrund der Pandemie absagen musste, dann produziert er schnell ein neues Album. «McCartney III» erscheint im Dezember.

Ebenfalls ein Jahrgänger von Joe Biden ist Martin Scorsese. Der Ausnahme-Regisseur brachte letztes Jahr mit «The Irishman» ein Epos raus, welches die Kritiker begeisterte und dem nur ein Jährchen jüngerem Schauspieler Robert De Niro eine weitere Oscar-Nomination als bester Hauptdarsteller einbrachte. Dass die neuen Altern rocken, sieht man auch, wenn die Rolling Stones oder Udo Lindenberg auftreten.

Biden kann es, weil er nichts Neues lernen muss

Für die Altersforschung ist das keine Überraschung: Was man vor 70 gut konnte, kann man mit Training noch sehr lange weiterhin gut. Nur das Aneignen neuer Fähigkeiten wird immer schwieriger.

Ein Aspekt, der für Joe Biden spricht: Hat er doch, seit er 33 ist, nichts anders als Politik gemacht. Eindrückliche Beweise für diese Theorie liefert die Amerikanerin Harriet Anderson. Die ehemalige Krankenschwester absolvierte 21 Ironman-Läufe in Hawaii. Bei ihrem letzten war sie 78 Jahre alt und drei Minuten schneller als ein Jahr zuvor.

Eine im «Journal of Applied Psychology» veröffentlichte Studie stützt die These, dass Menschen nach 70, die seit Jahrzehnten regelmässig trainieren, etwa so fit und ihre Herz- und Lungenkapazität so gross sind wie die von gesunden 40-Jährigen. Die Forscher verglichen dafür Menschen in den 70ern, die Kardiotraining an etwa fünf Tagen pro Woche durchführten, mit denen von Personen in den 40ern mit ähnlichen Fitnessgewohnheiten. Das Resultat: Einige Senioren übertrumpften ihre jüngeren Kollegen in kardiovaskulärer Hinsicht gar.

Und doch: Die Liste der Beschwerden ist lang

Über solche Ausreisser redet man gerne. Doch die Wahrheit ist auch, dass ältere Menschen dazu tendieren ihren Gesundheitszustand zu überschätzen. Die Schweizer Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2012 zeigte, dass 73 Prozent der 65- bis 74-Jährigen sich selbst sehr gesund einschätzen – dabei hat fast die Hälfte von ihnen ein dauerhaftes körperliches Problem. Bereits elf Prozent der 50- bis 54-Jährigen haben zwei oder mehr chronische Krankheiten.

Ab 75 Jahren sind es dann mindestens drei. Rund ein Viertel hat Diabetes, drei Viertel haben Bluthochdruck. Weil dieser die Hauptursache von Herzschwäche ist, verwundert nicht, dass zehn Prozent auch davon betroffen sind. Und die meisten in Bindens Alter haben Arthrose: 90 bis 100 Prozent. Laut der Schweizer Rheumaliga trifft es vor allem das Knie, das Hüftgelenk und die Fingergelenke.

Bei der Psyche sieht es ebenfalls nicht rosig aus. Rund sechs Prozent der 78-Jährigen sind depressiv, die Demenzrate liegt bei den Männern dieses Alters zwischen sieben und acht Prozent.

Man riecht und schmeckt und sieht weniger

Auch die Sinnesleistungen nehmen ab. Im Alter von 75 bis 80 haben ungefähr zwei von drei eine Riech- oder Schmeckstörung, die Quote der Schwerhörigen ist ähnlich hoch. 30 Prozent leiden unter Makuladegeneration, einer Einschränkung der Sinneszellen im Auge. Sehstörungen wie Kurz- und Weitsichtigkeit nehmen im Alter aber hingegen ab.

Mit einigen dieser Gebrechen lebt es sich heute dank moderner Medizin recht gut. Mit 78 Jahren hat man zudem – sofern es nicht durch Demenz oder andere degenerative Hirnerkrankungen verhindert wird – gute Chancen auf eine grosse Portion Weisheit und Abgeklärtheit. Psychologen der University of Michigan baten Testpersonen unterschiedlichen Alters, sich anhand von fiktiven Zeitungsartikeln mit Konfliktthemen auseinanderzusetzen.

Mehr Weisheit

Es zeigte sich, dass jüngere Probanden recht schnell mit einem generellen Urteil bei der Hand waren –und dabei oft meilenweit daneben lagen. Ältere betrachteten hingegen das Problem aus mehreren Perspektiven, und berücksichtigten in ihren Voraussagen die Unwägbarkeiten zukünftiger Entwicklungen sowie ihre eigenen Wissensdefizite dazu.

Auf den noch amtierenden Präsidenten trifft Letzteres wohl eher nicht zu. Hoffen wir, dass es eine Stärke von Joe Biden ist.