Allein, Nachts, und rundherum nur Ozean – Ein Marketing-Fachmann schwimmt durch die sieben herausfordernsten Meerengen der Welt

Ein 47-jähriger Marketing-Fachmann aus Paderborn durchschwimmt als 16. Mensch die sieben herausfordernsten Meerengen der Welt: André Wiersig erzählt, wie er die «Ocean's Seven» meisterte.

Christoph Bopp
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André Wiersig unterwegs in der Cook Strait (Neuseeland).

André Wiersig unterwegs in der Cook Strait (Neuseeland). 

42 Kilometer rennen – kann man machen, wenn es von Marathon nach Athen geht und man einen Sieg über die Perser melden kann. Es ist mach- und vorstellbar, und wenn das klassische Altertum den Namen für das Unternehmen liefert, findet es auch viele Nachahmer.

Aber 42 Kilometer schwimmen? Schwimmen? Die monotonste Art der Bewegung, die es gibt? Dann muss man noch wissen, dass diese 42 Kilometer nicht in einem Schwimmbassin abgespult wurden, sondern im offenen Ozean. Und das auch nicht an den friedlichsten Stellen, sondern dort, wo das Meer wirklich Meer ist. Wild und unberechenbar und ganz klar nicht gewillt, es einem Menschen, der sich durch die Wellen pflügt, leicht zu machen.

Beeinflussen kann man nur die eigene Einstellung

19,1 Kilometer Luftlinie sind die japanischen Inseln Honshu und Hokkaido voneinander entfernt. Die Tsugaru Strait, so heisst die Meerenge, zu durchschwimmen, ergab eine Strecke von 42,1 Kilometern. Weil dort das Japanische Meer und der Pazifik zusammentreffen, ist das Wasser ziemlich unruhig. Das Phänomen nennt sich «Kreuzsee». Man wird – würde der Dichter formulieren – «zum Spielball der Wellen».

Aber unser Schwimmer ist kein Dichter. Und für das, was man im Ozean erlebt, sind Dichterworte nicht angemessen. «Das einzige, was man in einer solchen Lage wirklich beeinflussen kann, ist die eigene Einstellung. Und die fand ich dort. Ich gefiel mir einfach in diesen Wellen. Ich habe mich da rumwerfen lassen und runterdrücken lassen und habe es einfach genossen, in diesem Ozean so hin und her geschmissen zu werden.»

Schwimmen im Ozean ist etwas anderes als im geheizten Bassin. (Bild: Paola Roldan)

Schwimmen im Ozean ist etwas anderes als im geheizten Bassin. (Bild: Paola Roldan)

So weit, so gut. André Wiersig, unser Erzähler und Schwimmer, kommt immerhin vorwärts. Hokkaido ist in Sicht. Und was kommt jetzt? Eine ganz miese, hinterlistige Strömung. Vier Kilometer schafft Wiersig sonst locker in der Stunde. Jetzt sind es noch knapp 200 Meter. Und das während Stunden. Die Küste will nicht näher kommen. 45,6 Kilometer ist er insgesamt geschwommen. Das hinterlässt Spuren in der Seele. Da ist nicht mehr viel Meditatives. Das Meer wird zum Feind. «Die Tsugaru Strait hat mir kaum noch etwas gelassen an diesem Tag.»

Warum tun sich «normale» Menschen so etwas «Verrücktes» an?

André Wiersig.

André Wiersig.

Wiersig arbeitet als «Head of Sales and Marketing» in der IT-Branche. Er ist kein Profisportler, sondern stolz darauf, das Training so gut gestalten und organisieren zu können, dass es neben dem Beruf geht. Natürlich ist er das, was man heute «fokussiert» nennt. Was man anpackt, macht man fertig. Hart, das spürt man beim Lesen seines Buches, ist nicht das Quälen im Kraftraum, im Wasser, auf dem Velo, sondern das Erklären, warum er das Studium abgebrochen hat. Er tat es, weil sich eine berufliche Chance aufgetan hatte. Heute tun das viele und müssen nichts erklären.

Was man aber jetzt doch erklären muss, ist, warum André Wiersig von Honshu nach Hokkaido schwimmt. Die Erklärung ist einfach, aber überraschend: Weil er das insgesamt siebenmal machen will. Steven Munatones, auch ein Freiwasser- und Marathon-Schwimmer, kam auf die Idee, nach dem Muster der Seven Summits, der sieben höchsten Gipfel auf den Kontinenten, die man ersteigen muss, die sieben Meeresstrassen auf der Welt («Ocean’s Seven») zu definieren, die man durchschwimmen muss.

Ocean's Seven

Länge Erfolgreiche Versuche
Ärmelkanal Frankreich/England 33.8 km 2607
Catalina Channel Kalifornien 32.3 km 611
Srtrasse von Gibraltar Spanien/Marokko 14.4 km 693
North Channelq Nordirland/Schottland 34.5 km 73
Kaiw'i Channel Hawai 42.0 km 69
Cook Strait Neuseeland 22.5 km 123
Tsugaru Strait Japan 19.5 km 41

Hüten Sie sich vor dem Ärmelkanal

André Wiersig begann mit einem Schwumm zu einer Boje auf Ibiza. Im Winter war ihm das Wasser zu kalt und er schaffte es nicht. Er malträtierte seinen Körper in einer Eistonne, bis er die Boje erreichte. Und dann kam ihm die Idee mit dem Ärmelkanal. Als er den geschafft hatte, waren es nur noch sechs.

Die schrecklichste Sache ist offenbar der North Channel in der Irischen See zwischen Nordirland und Schottland. Die 34,5 Kilometer sind zwar auch die längste Strecke, aber das Gefährlichste ist die Kälte. Man lässt dort nur Schwimmer starten, die sechs Stunden am Stück bei 13 Grad überstanden haben. Die Probe liefert Wiersig im Loch Lomond in Schottland. Bei 9 Grad. Die Schotten hätten ihn angeguckt wie einen Geist, als er aus dem Wasser kam. Und ihm war es auch nicht mehr so wohl dabei. Also: Wenn Sie gern schwimmen, hüten Sie sich vor dem Ärmelkanal!

Hinweis

André Wiersig mit Erik Eggers: Nachts allein im Ozean. Mein Weg durch die Ocean’s Seven. Verlag Eriks Buchregal Kellinghusen 2019. 160 S., 19.90 Euro.