Alle Wunden dieser Welt

Ein klares politisches Zeichen: Mit «Tropa de elite», «Standard Operating Procedure» und «There Will Be Blood» hat die Jury drei düstere Zeitbilder ausgezeichnet. Zum Ausgleich geht der Darstellerinnen-Preis an ein sonniges Gemüt: Sally Hawkins.

Thomas Allenbach
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Der brasilianische Regisseur José Padilha hat für seinen Dok-Thriller über eine Eliteeinheit den Goldenen Bären erhalten. (Bild: rtr/Johannes Eisele)

Der brasilianische Regisseur José Padilha hat für seinen Dok-Thriller über eine Eliteeinheit den Goldenen Bären erhalten. (Bild: rtr/Johannes Eisele)

Das tut weh: Nicht Paul Thomas Andersons herausragendes Epos «There Will Be Blood» ist am Samstagabend im Berlinale- Palast mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden und auch nicht Errol Morris phänomenale Abu-Ghraib-Recherche «Standard Operating Procedure». Der Hauptpreis der 58. Filmfestspiele Berlin geht vielmehr an den Brasilianer José Padilha für seinen zwiespältigen Doku-Thriller «Tropa de elite». Ein Entscheid, mit dem die Jury unter der Leitung von Regisseur Costa-Gavras für Überraschung und Diskussionen gesorgt hat.

Distanzlose Sicht

Basierend auf den Erfahrungen eines früheren Kommandanten der Elite-Einheit Bope, schildert Padilha in seinem Regiedébut, wie diese Truppe 1997 im Vorfeld des Papstbesuchs in den Favelas von Rio de Janeiro mit zügelloser Gewalt wütete. Der mit Handkamera inszenierte Reisser stürzt das Publikum mitten ins brutale Geschehen und bietet eine schonungslose Innenansicht des Männerbundes. Man kann den von Harvey Weinstein koproduzierten «Tropa de elite» als zornigen Protest gegen Gewalt und Korruption sehen. Er wolle mit diesem Film die Verhältnisse ändern, man müsse endlich die Polizei anständig bezahlen, um so die Korruption zu bekämpfen, sagt Padilha. Allerdings schildert er das Geschehen derart distanzlos aus der Sicht seines Helden, dass er dessen Haltung übernimmt. Der Kommandant stilisiert in seinem Monolog, der laufend die Handlung kommentiert, die Totenkopf-Einheit zur letzten Hüterin der Gerechtigkeit in einer Welt von Verbrechern, korrupten Polizisten und schwächlichen Gutmenschen und redet der Selbstjustiz und Säuberungen das Wort.

Kontroverses Potenzial

In «Tropa de elite», der in Brasilien zum Publikumsrenner wurde, gibt es Bilder von systematischer Folter und Erniedrigung, die sich mit denen aus Errol Morris' Abu-Ghraib-Film «Standard Operating Procedure» überschneiden. Die beiden Filme verbindet auch die Kombination von dokumentarischer Recherche mit inszenierten Szenen, und beide wurden dafür zum Teil heftig kritisiert. Während Padilha in seinem Actionfilm aber einseitig auf ästhetische Überwältigung setzt, geht der amerikanische Dokumentarfilmer analytisch vor. Im Zentrum seines Films steht die Auseinandersetzung mit den Folterbildern aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib und mit den Zeugnissen der Täter. Morris geht es um Spurensicherung und Wahrheitsfindung, seine nachgestellten Szenen haben Signalcharakter und sollen eine Ahnung vermitteln vom Grauen.

Damit hat die Jury mit ihren Entscheiden ein klares politisches Zeichen gesetzt, das ganz in der Tradition der Berlinale steht und zugleich die Handschrift von Costa-Gavras trägt. Sie hat düstere Filme mit kontroversem Potenzial ausgezeichnet, die kraftvoll und mit ausgeprägtem Willen zur filmischen Gestaltung in die Wunden dieser Welt leuchten. Das tut auch Paul Thomas Andersons «There Will Be Blood», ein Film, der mit alttestamentarischer Wucht von der selbstzerstörerischen Gier eines kapitalistischen Pioniers erzählt. Er wirft nicht nur einen kritischen Blick auf den Kern des amerikanischen Traums, sondern legt auch Parallelen nahe zum aktuellen Kampf ums Öl.

Als Gegengift gegen diese filmischen Höllenfahrten kann man die Darstellerpreise interpretieren. Sie gehen an zwei Figuren, die sich mit unerschütterlicher Energie gegen die Unbill der Welt behaupten. Im Falle der Grundschullehrerin Polly in Mike Leighs «Happy-Go-Lucky» nimmt die optimistische Haltung fast schon pathologische Dimensionen an, was dem Film auch eine Tiefe gibt. Sally Hawkins verkörpert diese Frau mit viel Energie und wurde flugs zum Publikumsliebling. Bei den Darstellern ragt Daniel Day-Lewis («There Will Be Blood») heraus. Offenbar wollte die Jury den bereits Hochdekorierten und erneuten Oscar-Favoriten aber nicht ein weiteres Mal auszeichnen. Anstelle von Reza Najie – er spielt im iranischen Film «The Song Of Sparrows» einen Familienvater, der sich trotz vieler Widrigkeiten nicht unterkriegen lässt – hätte man sich auch Elmar Wepper als Preisträger vorstellen können, den Hauptdarsteller in Doris Dörries «Kirschblüten – Hanami». Nun geht das deutsche Kino leer aus, eine Ausnahme in der Ära von Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Starker Wettbewerb

Kosslik darf mit der diesjährigen Ausgabe trotzdem mehr als zufrieden sein. Mit den Gastspielen der Rolling Stones und von Madonna hievte er das Festival zum Pop-Ereignis und heizte das Medieninteresse zusätzlich an. Noch wichtiger aber: Der Wettbewerb war dieses Jahr überdurchschnittlich gut. Selten war in Berlin die filmische Formenvielfalt derart gross, selten sah man zudem so viele brillante Schauspielerleistungen. Unter den 21 Filmen fanden sich mit «Lake Tahoe» des Mexikaners Fernando Eim- becke und «Ballast» von Lance Hammer auch zwei Entdeckungen junger Regisseure.

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