Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Agnes und die Agenten

Literaturagenten betreuen Autoren bei der Suche nach einem Verlag, sie verkaufen die Übersetzungsrechte ausländischer Werke in den deutschsprachigen Raum und verwalten den weltweiten Rechteverkauf für Autoren. Und manchmal sorgen sie für Märchen. Valeria Heintges
Die Agenten und ihr Autor: Bewacht von «Agnes»-Autor Peter Stamm (Foto an der Wand) sichten Ronit Zafran, Eva Koralnik und Marc Koralnik (von links) die Neuerscheinungen. (Bild: Urs Jaudas)

Die Agenten und ihr Autor: Bewacht von «Agnes»-Autor Peter Stamm (Foto an der Wand) sichten Ronit Zafran, Eva Koralnik und Marc Koralnik (von links) die Neuerscheinungen. (Bild: Urs Jaudas)

Es war einmal ein Schweizer Schriftsteller, der hiess Peter Stamm. Er hatte ein Buch geschrieben, das er veröffentlichen wollte. Er schickte es an viele Verlage, aber er bekam nur Absagen oder gar keine Antwort. Da besann er sich auf eine Freundin, die bei einer Literaturagentur in Zürich arbeitete. Der Schriftsteller wusste, dass Literaturagenten zwischen Autoren und Verlagen vermitteln.

Bessere Verträge für Autoren

Den Menschen bei der Liepman AG gefiel das Buch. Sie versuchten, es an einen Verlag zu vermitteln, aber auch sie bekamen zwei Jahre lang nur Absagen. Dann aber interessierte sich einer der Verlage, von denen Peter Stamm zuvor nur eine Empfangsbestätigung bekommen hatte, für «Agnes». «Die Agenten holen für uns Autoren viele bessere Verträge heraus», sagt Peter Stamm. Deswegen haben auch nicht alle Verlage die Agenten gern.

Aber die Agenten von Liepman gaben noch keine Ruhe. Denn es ist ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auch Menschen in anderen Ländern die Bücher in anderen Sprachen lesen können. Und so suchten die Agenten weiter und fanden einen Verlag in Grossbritannien, der «Agnes» ins Englische übersetzen liess. Der Schriftsteller war froh, dass sein Buch in England erschienen war. Er war aber auch traurig, weil es die englischen Leser nicht kauften, und die Menschen von der Liepman Agency waren daher auch traurig.

Da gründete eine Frau in den USA einen neuen Verlag. Auf der Suche nach interessanten Werken kam sie zu den Liepman-Agenten, die ihr «Ungefähre Landschaft» gaben, ein neues Buch von Peter Stamm. Der Verlegerin gefiel das Buch sehr. Sie fand einen Übersetzer, der es so ins Amerikanische übertrug, dass die Amerikaner gar nicht merken, dass sie eine Übersetzung lesen. Und plötzlich wurde eine Erzählung von Peter Stamm im Magazin «New Yorker» abgedruckt, und es gab eine gute Rezension im selben Blatt. Jetzt finden plötzlich wichtige Amerikaner Peter Stamm ganz grosse Klasse, und seine neue Erzählungen «We're flying» (Wir fliegen) kaufen die Amerikaner sehr gerne. Peter Stamm und die Agenten sind gerade sehr glücklich.

«Stamm wurde in 32 Sprachen übersetzt», sagt Eva Koralnik, mit Ruth Weibel Inhaberin der Liepman Agentur. «Jetzt wollen andere Autoren, dass wir für sie dasselbe schaffen.» Sie lacht und sagt: «Wir wissen, was realistisch und möglich ist.» Denn in ihrem Alltag geht es nicht um Märchen, sondern um Bücher, Autoren, Rechte, Verträge und Steuern. Um Geld. Und um das Überleben in einem immer härter werdenden Markt, dessen Zukunft ungewiss ist.

Neue Ära mit E-Books

«E-Books läuten eine neue Ära ein», sagt Marc Koralnik, HSG-Absolvent, Sohn der Inhaberin, und mit Ronit Zafran designierter Nachfolger. «Wir wissen noch nicht, wie das die Verlagslandschaft verändern wird.» Koralnik jr. sieht beim Blick in die Zukunft nicht nur wegen seiner grauen Haare recht besorgt aus. Doch trotz aller Unsicherheiten geht das normale Geschäft weiter: «Wir machen eine Mischkalkulation», sagt Koralnik jr. Das bedeutet: Die Agenten müssen die Rechte der Bücher vertreten. Sie hoffen, dass Bestseller dabei sind oder zumindest Bücher, die ihre Investition wert sind. Je besser sich die von ihnen vertretenen Werke verkaufen, umso mehr können sie es sich leisten, Autoren wie den Serben David Albahari zu vertreten, «in der Hoffnung, dass er irgendwann die Anerkennung bekommt, die er verdient», sagt Koralnik jr.

Wunderbuch für alle

Es gibt da auch die sogenannten üblichen Verdächtigen. «Ich vertrete gerade ein Buch», erzählt Ronit Zafran, «einen Thriller, eine Frau ermittelt, es gibt zwei Morde, ein bisschen Blut…» Das Werk hat sie 15 Verlagen angeboten, auch, damit sich nicht hinterher einer beschwert, er hätte von dem Wunderbuch nichts mitbekommen. Weil in dem Beruf Networking und die Kenntnis der Branche über Gewinn und Verlust entscheiden, weiss Ronit Zafran, welche Vorlieben welche Verlage und welche Lektoren haben. Und sie hat mit dem Namen ihrer Agentur und deren Renommée auch die Möglichkeit, die richtigen Leute an die Strippe zu bekommen. Zwei Verlage haben ernsthaftes Interesse gezeigt. Wenn es noch mehr sind, finden regelrechte Auktionen statt – spätestens hier drängt sich der Vergleich mit dem harten Geschäft der Börsen auf. «Am Ende entscheidet der Autor, wir vermitteln nur», sagt Ronit Zafran. Und die Agentur bekommt auch nur 10 bis 15 Prozent Provision, wenn ein Auftrag zustande kommt. «Wir arbeiten im Hintergrund, für die Öffentlichkeit sind wir nicht wichtig.»

Die Vermittlung geht in verschiedene Richtungen. Zum einen ist die Liepman AG exklusiver Repräsentant für ausländische Verlage und Agenturen in deutschsprachige Länder. Eine lange Liste verzeichnet fast 90 Verlage und Agenten vor allem aus dem anglophonen Raum, aber auch aus Indien, Israel, Ägypten oder China. Deren Titel sollen die Agenten auf dem deutschsprachigen Markt unterbringen.

Rechte in der ganzen Welt

Dazu kommt eine andere, nicht minder beeindruckende Liste von fast 90 Autoren, deren Rechte die beiden Inhaberinnen von Liepman und ihre fünf Agenten in der ganzen Welt vertreten. Darauf stehen Schweizer Autoren wie Christoph Keller oder Catalin Dorian Florescu, grosse internationale Autoren wie die Ungarn Peter Nádás und György Konrád, aber auch die Nachlässe von Anne Frank, Elias Canetti oder Erich Fromm. Mit diesen Autoren beziehungsweise im Falle der Nachlässe mit den Rechteerben haben die Liepman-Agenten direkt zu tun. Sie vermitteln Kontakte zu Verlagen und Übersetzern in der ganzen Welt. Und manchmal sorgen sie eben auch für Märchen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.