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Von wegen verstaubt und altbacken – In diesem Winter ist modische Bürgerlichkeit angesagt

Für die nächsten Monate gilt: Man kann Faltenjupe und Schluppenbluse tragen, ohne reaktionär ­daherzukommen.
Helen Lagger
Victoria Beckham nimmt den Bougie-Trend nicht ganz ernst: Zu weite Kragen und Pink brechen mit konventionellen Mustern. Bild: Getty Images
Victoria Beckham nimmt den Bougie-Trend nicht ganz ernst: Zu weite Kragen und Pink brechen mit konventionellen Mustern. Bild: Getty Images
Trumpf ist der Jupe von Céline. Designer Hedi Slimane liess sich von der Pariser Mittelklasse der 1970er inspirieren. Bild: Getty ImagesTrumpf ist der Jupe von Céline. Designer Hedi Slimane liess sich von der Pariser Mittelklasse der 1970er inspirieren. Bild: Getty Images
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Galerie Lifestyle 9.11.19

«Bon chic, bon genre» sagen die Franzosen und meinen damit sowohl einen Look wie eine Verhaltensweise. Die deutsche Übersetzung für den Ausdruck reicht von «Schickimicki» über «geschniegelt» bis hin zu «etepetete». Genau so sollen wir laut den grossen Designern diesen Winter aussehen. Allerdings kommt die neue Bürgerlichkeit mit einer Prise Nostalgie und Ironie daher.

Die modische Kollektion für den Herbst und den Winter von Hedi Slimane für Céline, mit Capes, Culottes und nostalgischen Handtaschen, scheint von der Kleidung der gehobenen Pariser Mittelklasse der Siebzigerjahre inspiriert zu sein. Dabei kam die oft snobistische soziale Gruppe gerade in jenem Jahrzehnt, das eher den Rebellen als den Emporkömmlingen gehörte, unter Beschuss.

Legendär ist etwa Luis Buñuels Film «Le charme discret de la bourgeoisie» aus dem Jahr 1972, in dem der spanische Regisseur sinnlose Rituale und Dekadenz der besseren Gesellschaft auf die Schippe nahm. Auch der französische Meister Claude Chabrol wittert in fast all seinen Filmen jener Zeit hinter der anständigen Fassade das Abgründige.

Heutzutage kann man von den affigen bis mordlustigen Bourgeois jener Zeit zumindest modetechnisch etwas lernen: Faltenjupes, Schluppenbluse, Foulards, strenge Mäntel und auf Hochglanz polierte Stiefel sind diesen Winter Trumpf. Das wird liebevoll «bougie dressing» genannt.

Grace Kelly statt Kim Kardashian

Es gibt Marken wie Burberry, die seit jeher den bürgerlichen Look zelebrieren. Das englische Label war schon immer «preppy», was auf Deutsch so viel wie «adrett» bedeutet. Chefdesigner Ricardo Tisci treibt in seiner aktuellen Herbst-Winter-Kollektion die bürgerliche Eleganz auf die Spitze und torpediert sie gleichzeitig mit unkonventionellen Ideen. Zum typischen Burberry-Beige gesellen sich Gelb- und Brauntöne, die für einen Vintage-Effekt sorgen. Die zum Look passende Frisur besteht aus einem Pferdeschwanz, umwunden von einem Foulard.

Was man lange Zeit mit Biederkeit assoziierte, ist nun also mit voller Wucht auf die Laufstege – nicht nur bei Burberry und Céline – zurückgekehrt. Die während vieler Jahre zelebrierte «Streetwear» weicht Kostümen, Röcken in A-Linie und natürlich dem ewig gültigen Trenchcoat. «Bourgeois» – lange stand der Begriff für sozialen und kulturellen Konservatismus.

Ein solcher Look galt lange als verstaubt, wobei die lässig-nachlässige Streetwear das Gegenprogramm markierte. Doch der ursprünglich von Hip Hop oder der Skaterszene geprägte Look wurde rasch von der Industrie vereinnahmt und ist heute längst Mainstream.

So ist «bougie» vielleicht gerade deshalb das neue Cool, mit dem sich die längst kommerzialisierten zerrissenen Jeans und Hoodies mit einer Extraportion Eleganz exorzieren lassen. Grace Kelly statt Kim Kardashian sollte Frau diesen Winter als Ikone vor Augen haben. «Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren» – das bekannte Zitat des im Februar dieses Jahres verstorbenen Karl Lagerfeld mag kurzfristig passé gewirkt haben – nun kann man es sich wieder getrost hinter die Ohren schreiben. Tweed, ­Leder und Cord verdrängen Polyester und Nylon.

Mehr schick als Schock

Das neue «bourgeois» ist aber zum Glück mehr Posse als politisches Statement. Wer sich heute mehr schick als Schock kleidet, ist meist kein Reaktionär. Für den Philosophen Karl Marx (1818–1883) stand der Begriff für die «herrschende soziale Klasse», die dem Proletariat gegenüberstand.

Der Begriff «Bourgeois» wird in Frankreich vom «Citoyen» abgetrennt und bezeichnet im Gegensatz zum neutralen «Staatsbürger» einen reichen Angehörigen der Oberschicht. In Paris zeigte die Wohnadresse lange Zeit, in welches Lager man gehörte. Wohnte man auf der Rive Gauche – also am linken Ufer – war man «Bohémien», ergo Student oder Künstler, während am rechten Ufer, wo viele Geschäftsviertel liegen, die «Bourgeois» wohnten.

Längst hat sich alles vermischt. Der Bobo – eine Mischung aus «Bourgeois» und «Bohémien» bedient sich punkto Lifestyle und Look aus beiden Lagern. So wird auch das «bourgeois» in den aktuellen Kollektionen oft mit Ironie gebrochen, der Kontrast geradezu zelebriert. Bei Victoria Beckham wird der diskrete Charme mit kühnen Prints, gewagten voluminösen Schnitten sowie schrillem Pink und Grün kombiniert. Die Kragen sind zu gross, um wirklich bieder zu sein, die am Hals angebrachten Stoffblumen lassen eher an die Hippies als an Kaffee trinkende Damen denken.

Dass sich bourgeois kleiden nicht im Geld schwimmen bedeutet, versteht sich von selbst. Faltenjupes gibt es auch bei H&M oder Zara, das Foulard besorgt man sich im Secondhandladen, und den Rollkragenpullover hatte man doch sowieso schon im Schrank. Fertig ist der Look.

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