Achterbahn der Gefühle

Sie soll Paula heissen, er Arthur: Die Namen waren das einzige, worüber ich und meine Frau uns im voraus im klaren waren.

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Georg Amstutz ist 45jährig und hat zwei Kinder: Paula (9) und Luzia (6).

Georg Amstutz ist 45jährig und hat zwei Kinder: Paula (9) und Luzia (6).

Sie soll Paula heissen, er Arthur: Die Namen waren das einzige, worüber ich und meine Frau uns im voraus im klaren waren.

Wir besuchten den Geburtsvorbereitungskurs, studierten anatomische Lehrbücher und haben eine Freundin, die Gynäkologin ist. Das half. Und doch war das, was kam, eine nicht kalkulierbare Erfahrung. Je näher die Geburt rückte, umso weniger zählte das Wissen. Vielleicht half Humor.

Atmen, durchatmen, atmen

Morgens um 3 Uhr ist es so weit: Das sind die Wehen. Stark und regelmässig. Wir sind hellwach und auf den Körper meiner Frau konzentriert. Die Gefühle fahren Achterbahn. Der Taxifahrer, der uns ins Spital bringt, wünscht: «Alles Gute!» Ich fühle mich hilflos. Begleiten und unterstützen ist das einzige, das ich tun kann. Mir scheint das viel zu wenig.

Die Stunden werden lang: warten, vor dem Spital spazieren, homöopathische Kügeli, ein Bad in der Gebärwanne, atmen, durchatmen, atmen, endlose Schmerzen. Nichts ist mehr normal, alles wird existenziell. Nach fast 24 Stunden ist Paula da. Sie hat sich in die Welt gekämpft. Mutter und Kind haben schmerzhafte, harte Stunden hinter sich. Ich durchschneide die Nabelschnur. Stilles Glück. Sie schreit, schaut uns hellwach und mit weit aufgerissenen Augen an. Willkommen, Paula!

Zweieinhalb Jahre danach kommt Luzia zur Welt. Auch ihre Geburt ist einmalig. Existenzielle Erlebnisse werden nicht zu Erfahrungen. Die Wehen setzen morgens ein. Die Geburt verläuft trotz heftiger Wehen ruhig. Wieder versuche ich beizustehen - und fühle mich auch diesmal eher hilflos. Einmal schickt mich die Hebamme in die Cafeteria: «Das dauert noch.» Als ich zurückkomme, geht's schnell. Die Ärztin kommt, als Luzias Kopf schon rausguckt. Sie scheint im Schlaf zur Welt zu kommen, dafür mit Tempo.

Sie pfüselet. Meine Frau und ich weinen still ob des zweiten Glücks. Von der Zeugung bis zur Geburt ist Luzia einfach passiert. Willkommen, Luzia!

Glückliche Hilflosigkeit

Kinder sind das Beste, die eigenen sowieso. Die Erinnerung an die Geburten ist selektiv. Heute schauen wir gelassen, mit Schmunzeln gar auf diese Grenzerfahrungen zurück. Solch existenzielle Gefühle hatte ich auch, als ich meinen Vater beim Sterben begleitete. Ich muss weiter. Von unten ruft es: «Papa, chunsch emol?»

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