Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Ach, wie schön ist die Langeweile

Für ein paar Tage auf der Malediveninsel Soneva Fushi, ohne Schuhe und ohne Muss. Dafür mit viel Zeit und Schlummern zwischen Buchdeckeln.
Jochen Müssig
Das süsse Nichtstun in der Lagune: hinausschauen aufs Meer, schwimmen im türkisblauen Wasser, zurückschauen auf die Insel. (Bild: Jochen Müssig.)

Das süsse Nichtstun in der Lagune: hinausschauen aufs Meer, schwimmen im türkisblauen Wasser, zurückschauen auf die Insel. (Bild: Jochen Müssig.)

«Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah seinen gewölbten, braunen Bauch ...» Meinen gut genährten, leicht gewölbten und von der Sonne schon schön gebräunten Bauch sehe ich, als ich aufwache. Ich bin kein Käfer geworden. Aber ich muss wohl eingeschlafen sein. Das Buch mit den «Sämtlichen Erzählungen» liegt aufgeschlagen im Sand. Eine Seite bewegt sich sanft im lauen Wind. Eingeschlafen! Bei Kafka! Wie herrlich!

Faul sein, das Leben einfach kommen lassen

Soneva Fushi im Baa Atoll, der vierte Tag im Barfussparadies: Barfuss, weil man tatsächlich beim Schiffstransfer vom Flugzeug zur Insel seine Schuhe abgeben muss oder soll, jedenfalls kann. Die Schuhe abgeben heisst: Den Alltag abgeben und sich vollkommen ungehindert fühlen. Ich darf und will mich also langweilen! Am ersten Tag musste ich noch wie ein Getriebener die Insel erkunden und auch mit dem Kanu einmal rundherum fahren. Ich wollte surfen, schnorcheln, konnte gar nicht anders. Am zweiten Tag wartete ich noch auf was Neues. Irgendwas! Keine Ahnung was genau. Aber schon am dritten Tag kam die Wende: Ich wartete auf nichts mehr. Was soll auch schon gross passieren auf maximal 1412 mal 391 Metern? Die hatte ich ja bereits gründlich erkundet und per Schritt vermessen am ersten Tag. Auf einer der Nachbarinseln haben sie die Idee entwickelt, mal einen Insel-Marathon zu veranstalten, bei dem die Läufer auf 80 Inselumrundungen kommen. Oh mein Gott! Da ist mir meine ach so schöne Langeweile doch viel lieber: Einschlafen, wann immer es der Körper möchte, faul sein, das Leben einfach kommen lassen, die üblichen Anweisungen im Kopf stur ignorieren – das sind doch die wahren Ferien, zumindest wenn man sie auf den Malediven verbringt.

Aufstehen, 27 Schritte, ins blaue Wasser plumpsen

Soneva-Fushi-Zeit ist eine Stunde plus, um den Tag länger geniessen zu können. Um die Langeweile besser verstehen und ausleben zu können. Dem Einsiedlerkrebs da unten im Sand ist es sicher nicht langweilig. Der geht seinem Tagesgeschäft nach. Erst sieht man nur zwei dunkle Punkte aus dem Sandloch in Wassernähe lugen. Radarmässig scannen die Augen die Umgebung. Und ist die Luft rein, wird gebuddelt, was das Zeug hält.

Für mich hat jeder Tag seinen eigenen Rhythmus. Aufstehen, 27 Schritte gehen und sich – noch schlaftrunken – in dieses unwirklich blaue Wasser plumpsen lassen. Langsam wach werden, herumplantschen, der Wasserschildkröte «Guten Morgen» sagen, unterm freien Himmel duschen und wohlgemut zum Frühstück radeln. Ja! Radeln! Jede Villa hat zwei Velos, um die Insel entdecken zu können, zum Wassersportcenter zu fahren, zum Freiluftkino oder eben zum Frühstück am Strand. Tolle Idee, das mit den Velos! Ich ordne das mal unter aktive Langeweile ein, wie das Surfen, Schnorcheln oder auch das Observatorium im Zentrum der Insel. Nach dem wunderbaren Frühstück widme ich mich aber wieder Gregor Samsa, der feststellt, dass seine Beinchen leicht klebrig sind und der Kiefer kräftig, aber leider nicht dafür gemacht ist, den Schlüssel seiner Zimmertüre rumzudrehen...

Bewohnte, unbewohnte Inseln – und die Touristeninseln

Es gibt Gäste auf Soneva Fushi, die bleiben genau 29 Tage. Am 30. Tag müssen sie nämlich ausreisen, oder sie haben vorgesorgt und sich vor der Reise einer langwierigen Visum-Prozedur unterzogen. Die Malediven sind ja recht abgeschottet und das einzige Land der Welt mit einer hundertprozentig muslimischen Bevölkerung. Der Islam ist Staatsreligion, Religionsfreiheit gibt es nicht, Kirchen sind verboten. Und jedem, der nicht Moslem ist, wird die Staatsbürgerschaft entzogen. Vor kurzem hatten sie sogar einen zweiwöchigen Ausnahmezustand. Die Touristen bekommen davon nichts mit, denn es gibt bewohnte Inseln, auf denen Touristen allenfalls als Tagesgäste geduldet werden, unbewohnte Inseln sowie Ferieninseln, wo Touristen aus aller Welt der Langeweile frönen und von genauso netten wie fleissigen Angestellten hofiert und bedient werden. «Am Gast», wie es in der Hotellerie so schön heisst, arbeiten auf Soneva Fushi immerhin schon 13 Prozent Malediverinnen. Da ist Soneva Fushi ein echter Vorreiter. Besitzer Sonu Shivdasani sagt auch: «Wir haben keine Angestellten. Wir haben 400 Gastgeber.»

Täglich müde und bleiche Neuankömmlinge

Eine Gastgeberin ist Jasmin, 24 Jahre alt, seit gut sechs Monaten auf der Insel. Ihr ist nie langweilig, aber sie versteht, dass «die Gäste bei uns ausspannen. Deshalb nehmen wir ihnen ja auch die Schuhe ab», kichert sie. Jasmin lebt auf einer Insel in einem der südlichen Atolle, etwa vier Flugstunden entfernt, inklusive Umsteigen. Bald darf sie das erste Mal nach Hause, denn sie sammelt ihre freien Tage an, um dann Ferien daheim und am Stück zu machen. Hundert Dollar kostet eine Strecke mit dem Wasserflugzeug (Touristen bezahlen etwa das Dreifache). Da muss sich die Investition schon lohnen.

Ohne Trump und Erdogan

Am Strand reiht sich gerade wieder das Begrüssungskomitee auf: Für neue Gäste, die mit dem Wasserflugzeug einschweben. Dann stellen sich sechs bis acht Leute, die gerade abkömmlich sind im Tagesgeschäft, in Spalier auf und empfangen die Neuankömmlinge. Wie gut, dass die 15-sitzigen Twin Otter zwei oder dreimal am Tag so richtig Lärm machen. Sonst wüsste man ja gar nicht mehr, was das ist: Lärm... Dabei steigen allerdings immer die gleichen bleichen und müden Gesichter aus, die von Tür zu Tür gerechnet, oft in die 18. Stunde ihrer Reise gehen und jetzt nur noch eines machen wollen: Ferien, ohne Büro und Kollegen, ohne den täglichen Trump und Erdogan, ohne Muss, Muss, Muss, aber mit viel viel viel Lust zum Nichtstun. Wie gerne hätte ich Gregor Samsa nur ein bisschen Langeweile gegönnt. Aber, als unhygienisches Insekt von seiner Familie verstossen, stirbt er völlig ausgemergelt, noch vor dem nächsten Sonnenaufgang.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.