Abtauchen!

Ferienbücher Reisen führen nicht immer direkt ans Ziel – und können das Leben verändern. Geschichten von Strand, Bauernhof und aus der weiten Welt: fürs Reisegepäck oder den Büchertisch im Garten. Bettina Kugler

Merken
Drucken
Teilen

Südwärts: Das ist für beinahe alle in unseren Breitengraden in diesen Tagen das Losungswort zum Glück, die Himmelsrichtung der Sehnsucht. Nicht so, wenn Du ein Vöglein wärst, zum Beispiel ein Sanderling – ein kleiner Watvogel, Gattung Strandläufer.

Dann wäre es Ende Mai höchste Zeit für Dich gewesen, vom Wattenmeer (also der Gegend, die Du unten im Bild siehst, der schönen Nordseeküste mit ihren weissen Dünen und fröhlich geringelten Leuchttürmen) aus in Richtung Arktis, also nach Norden zu fliegen.

Und zwar mit etwa 60 km/h, fast 5000 Kilometer in nur drei Tagen. Ein rechter Flitzer, dieser Sanderling, weshalb die Friesen ihm den Spitznamen «Keentied» verpasst haben. Dumm nur, wenn er für einmal unpünktlich ist und der Vogelzug schon ausgeschwärmt: So passiert's im Bilderbuch von Miriam Koch (Gerstenberg, Fr. 24.90), das wir für Kinder jeden Alters (auch 99jährige!) zur Einstimmung auf die Ferien sonnig und wärmstens empfehlen. Warum?

Weil Du darin das Paradies aus Vogelperspektive siehst. Weil es mit tiefem Blau und zartgelber Sandfarbe sanft an der sonst so hektisch tickenden Uhr dreht. Weil es im Detail, mit etwas Musse viel zu entdecken gibt – eine super Übung für die Ferien! Vor allem aber, weil es von einer überraschenden Wendung erzählt.

Sommerpläne schmieden ist gut. Doch manchmal kommt das Happy-End eben auf Umwegen.

Zum Beispiel beim Campingurlaub am Ekelsee, der natürlich nicht so heisst, aber Anton im Vergleich zu hellblau leuchtenden Pools, an denen er viel lieber wäre, eben so vorkommt. Wer da vom Badesteg vergnügt ins Wasser <gumpt>, muss doch bekloppt sein! Am Ende steht auf Milena Baischs locker-grossmäuligem Roman der Titel «Anton taucht ab» (ab 8, Beltz & Gelberg, Fr. 17.90). Wohin? Ihr werdet es nicht glauben, in genau den gefürchteten Ekelsee. Wie es dazu kommt, erzählt Anton mit Sinn für Komik und wirkungsvolle Übertreibung. Volltreffer!

Auch Ferien auf dem Bauernhof sind nicht gerade das, was Zehnjährige von der Playstation reisst. Es sei denn, es ginge dabei so turbulent zu wie in Silke Lambecks Buch «Die wilde Farm» (ab 8, Bloomsbury, Fr. 22.90) – wild wie die Schweine, die Bauer Sterzings schönen Hof bedrohen, als er von jetzt auf gleich ins Spital muss. Ein Fall für die patente Marie und Grossstadt-Pflanze David. Das liest man auch am Strand von Rimini gern. Oder am Pool.

Soll das Gepäck nicht allzu schwer sein, empfiehlt Pauline drei Romane aus Amerika, die im Taschenbuchformat (und dementsprechend günstig!) erhältlich sind. Alle drei sind Literatur bester Qualität – was nicht heisst, dass Euch beim Lesen Schweissperlen von der Stirn tropfen –, alle drei eigentlich viel zu kurz. Und doch so prall mit Leben gefüllt, dass man es anschliessend umso mehr liebt. Also nicht gleich wieder in einem Buch abtauchen muss . . .

Die Rede ist von Meg Rosoffs «So lebe ich jetzt» (ab 12, Carlsen, Fr. 13.50), von Patricia MacLachlans «Schere, Stein, Papier» (ab 8, dtv, Fr. 13.90) und Patricia Reilly Giffs «Mit einem Koffer voller Träume» (ab 12, dtv, Fr. 12.40). Sie haben mit Reisen zu tun, die das Leben verändern. Meg Rosoff erzählt von Daisys Monaten in England bei Verwandten, während im Hintergrund ein Krieg ohne klare Fronten tobt: in London explodieren Bomben, Gerüchte von Epidemien werden gestreut, Soldaten übernehmen die Macht.

Daisy leidet, Daisy verliebt sich, Daisy flüchtet sich in einen eigenwillig saloppen Tonfall, der das Buch zum Erlebnis macht. Nicht gut für die Sommerlaune? Schon möglich. Aber völlig blenden lassen wollen wir uns ja auch nicht von Meer und Sonne.

Im Herbst erscheint der neue Roman von Patricia MacLachlan; Hector hat ihn bereits gelesen und ist begeistert, darf aber noch nichts sagen: Sperrfrist! Also empfehlen wir ihren Klassiker «Schere, Stein, Papier», eine herzenswarme Geschichte von Geborgenheit auf Zeit.

Im Mittelpunkt: Baby Sophie, von ihrer Mutter als Findelkind genau dort zurückgelassen, wo eine Familie um ein gestorbenes Geschwisterchen trauert. Taschentücher einpacken nicht vergessen!

Eine grosse Reise macht Dina aus Breisach am Rhein im Jahr 1870: als Vierzehnjährige wird sie Hals über Kopf und mutterseelenallein nach Amerika geschickt – weil Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg sie fälschlicherweise für eine Spionin halten.

Ein Traum erfüllt sich für die junge Schneiderin: hinaus ins Leben und nie mehr an der Nähmaschine sitzen! Was aber wissen wir aus «Keentied»? Eben, es kommt anders. Spannend, fantasievoll und so überraschend wie das Leben.

Von Dessau nach Berlin führt die erste Reise des Vierzehnjährigen Mausche: zu Fuss, wie das 1743 noch üblich ist.

Ein Abenteuer für den scheuen Sohn des Gemeindedieners Mendel! Bei Rabbi Fränkel will er studieren, doch vorher ist er auf den Strassen seines Lebens nicht sicher. Bewegend erzählt Katja Behrens in «Der kleine Mausche aus Dessau» (ab 13, Hanser, Fr. 26.90) von einem Burschen, der später ein berühmter Gelehrter werden wird: Moses Mendelssohn, Vorbild für die Figur des Juden Nathan in Lessings Theaterstück «Nathan der Weise».