Abstand bitte!
Das Coronavirus weckt den Polizisten in uns

Was soll man tun, wenn andere den Abstand nicht einhalten? Und sorgen wir uns wirklich um die anderen, wenn wir sie massregeln, fragt sich die Autorin? Eine Psychologin und Fachfrau für Zivilcourage sagt, was man tun kann, statt online Frust abzulassen.

Sabine Kuster
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Halten sich die anderen auch an die Regeln? In Rorschach spazierten die Leute am Wochenende und genossen das schöne Wetter trotz Coronavirus. Die Polizei kontrollierte die Seepromenanden.

Halten sich die anderen auch an die Regeln? In Rorschach spazierten die Leute am Wochenende und genossen das schöne Wetter trotz Coronavirus. Die Polizei kontrollierte die Seepromenanden.

Ralph Ribi

Eine junge Frau sitzt im Bus und hustet in ihre Hand. An der nächsten Station steigt eine Seniorin zu und setzt sich direkt neben sie. Eine Mitfahrerin erstarrt: Sollte sie die alte Frau warnen? Hätte sie die junge massregeln sollen? Überfordert beschliesst sie, ab sofort den Bus nicht mehr zu benutzen.

Ein Chef tritt auf die firmeneigene Terrasse und findet einen Abteilungsleiter Schulter an Schulter sitzend mit zwei Mitarbeiterinnen vor. Er erzählt:

«Es war mir peinlich, aber ich habe die drei angesprochen und gebeten, die Abstandsregel einzuhalten.»

So ist es momentan: Der Typ, der beim Anstehen an der Kasse zu nah aufrückt, das Kind, das just dann hustet, als es an einem vorbeigeht, die Familie, die sich auf dem ganzen Waldweg breit gemacht hat, sodass man nicht mit Abstand vorbeikommt... Es gibt gerade viele Gelegenheiten, bei denen der Polizist in uns geweckt wird.

Ich hatte ihm einen Maulkorb verpasst. Ich schwieg bisher, wenn Leute neben mir die Füsse auf dem Sitz platzierten, wenn andere laut Musik hörten, wenn im Restaurant einer den Rotz hochzog, dass mir der Appetit verging. Denn eine «Chifli», also eine herummäkelnde Schweizerin wollte ich nie sein. Ich wollte nicht dieses helvetische Klischee leben, gemäss dem sich jede und jeder in die Angelegenheiten des anderen einmischt.

Wenn ich muss, sollen die anderen auch

Aber jetzt steht die Gesundheit auf dem Spiel ­– ich hole Luft. Und sage immer noch nichts. Aber ich denke es manchmal und schaue streng: «Gohts no!? Kennt ihr die Abstandsregel nicht? Social Distancing, hallo?» Sollte ich mehr Zivilcourage zeigen? Soll ich weiter den Latz halten? Denn wie sehr sorge ich mich tatsächlich um die Gesundheit der anderen? Finde ich nicht einfach, dass die sich gefälligst auch einschränken sollen, wenn ich es machen muss?

Einen Tipp hat Veronika Brandstätter. Sie ist Psychologin und verantwortlich für das Zivilcourage-Portal der Universität Zürich. Bei Zivilcourage geht es normalerweise darum, anderen Menschen zu helfen, die beleidigt und bedroht werden. Jetzt ist die Sache komplizierter. «Wenn man jemanden wegen seines Verhaltens in der Coronakrise zurechtweist, handelt man im Sinne einer übergeordneten Instanz. Der Grat ist schmal zwischen aktiv Verantwortung für sich und andere übernehmen auf der einen Seite und der Verletzung der Privatsphäre anderer auf der anderen Seite», sagt Brandstätter.

Lieber macht man dem Ärger online Luft

Nun – die wenigsten weisen jemanden öffentlich zurecht. Umso lieber werden die Abstand-Sünder online an den Pranger gestellt: Leute filmen vom Balkon aus die Jungs, die zusammen auf dem Sportplatz rumhängen und stellen die Missetat ins Internet. Dazu unzitiertbare Kommentare.

Besser als online den Frust abzulassen sei, auf die Leute zuzugehen und den richtigen Ton zu treffen, sagt Veronika Brandstätter: ohne Vorwurf in der Stimme, sondern mit Respekt. Mehr könne man nicht tun, das zeige die Kommunikationsforschung. Wer nämlich angeschnauzt wird, bei dem regt sich meist Widerstand. «Das ist ein menschlicher Impuls», sagt die Psychologin. Eine mögliche friedliche Formulierung könne so lauten: «Ich mache mir Sorgen, weil Sie so nahe beieinander stehen. Wir sollten doch Abstand halten. Sehen Sie das nicht auch so?»