Trendsport
Abschlag auf dem Asphalt: Urban Golfer erobern die Stadt

Sie denken immer noch, Golf sei ein versnobter Elitesport? Dann haben Sie vermutlich noch nie was von Urban Golfing gehört. Am Sonntag fanden die Schweizer Meisterschaften in Bern statt. Wir waren dabei

Alexandra Fitz (Text) und Rowan Thornhill (Fotos)
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Die zwei Jungs wärmen sich vor dem Turnier auf. Bälle an die Fabrikwand knallen.
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Will der Cross Golfer Mirco Bösch aus Laax etwa die Scheiben treffen?
Kreativ sein – eine Spülmaschine, in der der Ball am Ende landen muss.
Jungs mit Style – beim Urban Golf kann sich jeder anziehen wie er mag.
Fabian Zbinden, Foodtruck-Besitzer aus Bern, spielt auch „normales“ Golf.
Beim Street Golf sind Sneakers erwünscht.
Beim Street Golf sind Sneakers erwünscht.
Mirco Bösch schlägt von einem Gully ab
Golfbag inmitten von Industrie-Charme.
Kurz mal telefonieren? Beim Urban-Golf-Turnier stört das keinen .
Urban Golf
Der 60-Jährige Bernard ist Golflehrer in Interlaken, er findet Cross Golf „super cool“.
Der 60-Jährige Bernard ist Golflehrer in Interlaken, er findet Cross Golf „super cool“.
Konzentration neben den stillgelegten Gleisen.
Das sind keine richtigen Golfbälle. Die Spezialbälle sind aus Plastik, und fliegen nicht ganz so weit.
Konzentration neben den stillgelegten Gleisen
Ein bunter Mini-Einkaufswagen als Loch.
Didi Keller ist quasi der Gründervater des Schweizer Urban Golf. Der Thurgauer ist richtig angefixt.
Vom Dach eines Autos abschlagen, beim Urban Golf ist das möglich.
Claudio Holenstein aus dem Thurgau, Schweizer Meister 2016.

Die zwei Jungs wärmen sich vor dem Turnier auf. Bälle an die Fabrikwand knallen.

Rowan Thornhill

Im St. Andrews schüttelt man wohl die Köpfe. Zumindest im «Royal and Ancient Golf Club of St Andrews». Denn im Süden Schottlands wird über Regeln und Etikette des Golfs gewacht. Angemessene Kleidung (alias geschniegeltes, eher teures Sport-Tenue), eine Zugangsberechtigung für den Golfplatz (alias Platzreife), aber auch Etikette (alias Psssst, Ruhe!).

Doch hier an diesem verlassenen Ort ausserhalb Berns machen sich Didi und seine Leute nicht allzu viele Gedanken über die Golfelite und ihre kurz gemähten Rasen und ausgedehnten Regeln. Sie sind in den Bernapark in Stettlen gekommen, um Urban Golf zu spielen. Der Name verrät das Programm: Der Sport wird in einer urbanen Gegend ausgeübt – im Park, in der Kiesgrube oder eben in und um die stillgelegte Kartonfabrik Deisswil. Am Sonntag trafen sich 70 Urban Golfer im Bernapark, um die Schweizer Meisterschaften auszugolfen. Ja, Urban Golf ist Golf. Die Technik ist dieselbe, nur das Setting ist etwas speziell. Keine Kleiderordnung, keine teure Ausrüstung, keine schön gepflegten Wiesen.

Mirco steht auf dem Asphalt. Langes, gelocktes Haar, bordeauxrote Mütze, Schnauz. Er trägt eine schwarze Jeans und blaue Vans Sneakers. Er holt mit dem Schläger aus – die Arme voller Tattoos – und knallt den Ball an die Wand. Nur wenige Zentimeter unter der Fensterscheibe prallt der Ball von der Wand zurück Richtung Mirco. Keine Sorge, der Ball kann weder Glas noch Spieler wirklich verletzen. Urban Golf spielt man mit Spezialbällen. Hartes Plastik, drinnen Luftbläschen, fliegen sie nur einen Drittel so weit wie klassische Golfbälle.

Mirco ist 29 Jahre alt und aus Laax. Weil sein Kumpel heiratet, haben sie sich als Junggesellengruppe am Turnier angemeldet. Die jungen Männer ziehen zum nächsten Loch. Mirco schnappt sich seinen Golfbag, daran festgebunden eine Bierdose und eine Musikbox. Zu den Beats des Rap-Duos Beatnuts schlendert er die Gleisschienen entlang, vorbei an Fabrikhallen und Bagger. Industrie-Charme eben.

Leicht abgefahrenes Golf

Beim Urban Golfing hört man Musik, macht Sprüche während die anderen den Ball spielen, telefoniert auch mal oder trinkt ein Bierchen. All das, was beim klassischen Golfen verpönt ist. Genau darum geht es den Strassen-Spielern. Sie wollen diesen Sport ausüben, aber keine strikten Regeln befolgen und vor allem nicht so viel Geld ausgeben für ihren Spass. Es geht nicht ums «Einlochen», sondern darum, denn Ball in ein Hindernis reinzubringen. Das kann ein Mini-Einkaufswagen, ein Koffer oder ein kleiner Holzkohlegrill sein. Oder auch mal aufgetürmte Bierdosen an einer Wand, wie wir sie vom Rummelplatz kennen.

Beim Cross Golf geht es mehr um Geschicklichkeit als ums Draufhauen und möglichst weit zu kommen. Mini-Golf würde dem ganzen aber nicht gerecht. Fragt man die Spieler in Bern nach dem Kick, sagen sie: das Gelände, die Atmosphäre, die Leute, die Gaudi – «es ist leicht abgefahren».

An den Schweizer Meisterschaften sind Anfänger, die von Kollegen mitgeschleppt wurden, leidenschaftliche Cross-
Golfer und «normale» Golfspieler, die Strassengolf reizt. Ein Zug rollt am Bahnhof Deisswil vorbei, Bernard steht auf der Rampe und ist bereit auf Loch – äh – Einkaufswägeli 8 zu spielen. Der Mann mit dem Strohhut ist 60 und die Hälfte seines Lebens Golflehrer in Interlaken. Bernard spielt mit seiner Tochter. «Street Golf ist super cool», sagt er mit dem Golfbag auf den Schultern. Golf ändere sich gerade. Mit dieser neuen Art von Golfen könne man junge Menschen für den Sport gewinnen. Er sieht es nicht als Gegensatz. Im Gegenteil, der Mix sei gut.

Bernard bringt es auf den Punkt. Die Sportart Golf hat zwei Probleme: A) das Image. Der Sport wird oft als elitär und versnobt angesehen. Auch wenn sich dies bereits seit den letzten Jahren auflockert. B) der Preisfaktor. Junge Leute können sich den Sport oft nicht leisten, in der Schweiz sind die Greenfees (Platzgebühr) vielen zu teuer.

Sie spielen mal da, mal dort

Anstatt auf Golf zu verzichten, machen die Jungs – der Grossteil sind Männer – ihr eigenes Spiel. Die kleine Crossgolf-Fangemeinde wird immer grösser. Mittlerweile gibt es in der Schweiz sechs Klubs. Die besten 12 des Turniers vom Sonntag dürfen an die Europameisterschaften in Prag. Nächstes Jahr finden das erste Mal Weltmeisterschaften im Urban Golfing statt. Und ab dem 14. Mai kann man im Bernapark jeden Sonntag auf zwei Stockwerken Strassengolf spielen, das Areal wird so zur ersten Urban-Golf-Anlage.

In der Schweiz hat Didi Keller aus dem Thurgau diese Art des Golfens grossgemacht. Mit seinen Kollegen vom «Royal Urban Golf Club» aus Frauenfeld trifft er sich jeden Dienstag zum Spielen. Jedes Mitglied muss abwechslungsweise geeignete Spielorte finden. Illegal? «Nein», sagt Didi. «Wir fragen offiziell an, aber natürlich bekommen wir auch Absagen.»

Was er für ein Handicap hat, will eine ältere Zuschauerin vom Organisator des Turniers wissen. «Keines, Bier ist mein Handicap», sagt der 36-Jährige. Didi spielt gutes Golf, und das, obwohl er noch nie auf einem Golfplatz stand. «Ich darf gar nicht», sagt Didi und grinst. Er hat keine Platzreife. Ein Golfer, der nicht auf dem Rasen steht und Turniere spielt? Didi sieht auch nicht aus wie der klassische Golfer. Bart, Dutt – einzig Golf-typisch sind die bunten Karosocken und das Käppi.

Wie kommt man dann zum Golfen? Um das Jahr 2000 sahen Didi und ein Kumpel ein Golf-Turnier im Fernsehen. Sie waren begeistert, wollten es ausprobieren. Gemeinsam fuhren sie zu einem Golfplatz in der Nähe. Er mit Rastas, die fast bis zum Hintern hingen, sein Kumpel quasi ein einziges Tattoo. «Man hat uns sehr schräg angeschaut und vermittelt, dass wir da nichts zu suchen haben», erzählt Didi. Die damals 18-Jährigen zogen ab und kauften sich erst mal ein Golf-Spiel für den Computer. Doch bald wollte Didi mehr. Sein Vater konnte ihm aber keine Schläger kaufen.

Didi fuhr ins Brocki, kaufte für 100 Stutz Schläger. Urban Golf spielt man sowieso nicht mit neuen Schlägern, sie werden vom Kies und Beton so verschlissen, dass jedem Golfer beim Anblick das Sportler-Herz blutet. Die Freunde spielten auf der Ackerwiese. Dann in einer Kiesgrube. Heute organisiert er für Firmen Urban-Golf-Events und brennt für die Golferei.

«Mittagessen», ruft Didi über die Strassen und in die Fabrikhallen hinauf. Nach und nach spazieren die Spieler ins benachbarte Gasthaus. Im Startgeld von 55 Franken ist ein Mittagessen dabei (inklusive Bier oder Softgetränk). Dass man unterbricht, um gemeinsam zu essen, das gibt es an einem klassischen Golfturnier auch nicht. Der Sieger, verrät Didi, bekommt einen selbst gebastelten Pokal und neue Schläger. Die kann man beim Golfen auf dem Asphalt wahrlich brauchen.