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Abschied von einem Exzentriker: Wie Karl Lagerfeld zum Alleinherrscher der Modewelt wurde

Modeschöpfer Karl Lagerfeld war eine Legende. Nun ist er tot. Ein Arbeitstier ist zur Ruhe gekommen – etwas, das Lagerfeld zu Lebzeiten nicht kannte.
Rahel Koerfgen
Wenn ein Modezar vor den Schöpfer tritt... (Illustration: Silvan Wegmann)

Wenn ein Modezar vor den Schöpfer tritt... (Illustration: Silvan Wegmann)

Der Tod kam nicht auf leisen Sohlen. Vielmehr lautstark, auf hohen Hacken. Bereits im Januar musste sich die Modewelt eingestehen: Der Meister, er wird den Stift bald ablegen, für immer. Denn Karl Lagerfeld, Kreativdirektor von Chanel, blieb seiner Haute-Couture-Schau in Paris fern. Trat nicht zum Finale auf den Laufsteg, um den Applaus entgegenzunehmen.

Wer Karl Lagerfeld auch nur ein bisschen kannte, wusste: Das kann nur Schlimmes bedeuten. Keine einzige Schau hatte der Deutsche verpasst, seit er im Modehaus die Fäden zog. Seit 35 Jahren. Die Mode, sie war sein Leben. Er sah das, was er tat – er verantwortete alle Haute Couture-, Prêt-à-Porter- und Accessoires-Kollektionen des Unternehmens – nicht als Arbeit:

«Am Fliessband stehen, das ist Arbeit! Was ich mache, ist Freizeitgestaltung mit beruflichem Hintergrund.»

Am Dienstag kurz vor Mittag spekulierten die ersten französischen Medien noch darüber, am Nachmittag folgte dann die Bestätigung aus dem Hause Chanel: Karl Lagerfeld ist am frühen Morgen in einem Pariser Spital gestorben. Die Todesursache ist noch unklar. Er wurde 85 Jahre alt.

Es begann mit einem Wollmantel

Mit Lagerfeld hat der letzte «Grosse» aus der alten Garde der Stardesigner das Zeitliche gesegnet. Seit 2008 galt er als Alleinherrscher der Modewelt; in jenem Jahr starb Konkurrent Yves Saint Laurent. Der exzentrische Deutsche und der scheue Franzose mochten sich nie, respektierten sich aber. Wenn auch nur verhalten. Überhaupt konnte es Lagerfeld nur mit den wenigsten Berufskollegen. Zu Wolfgang Joop liess er sich einst zu folgender Bemerkung hinreissen:

«Er sieht aus wie eine alte Geisha. Er kann alles gut imitieren, aber er hat keinen eigenen Stil.»

Nicht nur für seine Entwürfe, auch für seine kontroversen Sprüche war der Deutsche bekannt. Einer der berühmtesten:

«Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.»

Entsprechend übertrumpften sich die Kommentatoren in den sozialen Medien am Dienstag mit einer Abwandlung dieser Aussage, etwa auf Twitter: «Wer tot ist, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.» Und der deutsche Satiriker Jan Böhmermann ätzte: «Ab heute ist jeder Tag Weltjoggingtag.»

Seine Karriere begann im Wollmantel

Mit Freizeitbekleidung hatte Lagerfeld tatsächlich nie etwas am Hut. Jahrzehntelang trat er im selben Tenue auf: Er inszenierte sich stets mit schwarzem Anzug, dunkler Sonnenbrille, weissem gepudertem Mozart-Zopf, Vatermörderkragen und riesigen Fingerringen.

Karl Lagerfelds Karriere begann jedoch mit einem Wollmantel: 1955 gewann der damals 20-Jährige den Preis des Internationalen Wollsekretariats. Pierre Balmain, der den Mantel produzierte, stellte Lagerfeld daraufhin ein. Es folgten Engagements für Valentino und Krizia und 20 Jahre als künstlerischer Leiter bei Chloé sowie viele Kreationen unter seinem eigenen Namen, ehe er endlich das Mutterschiff enterte: Chanel.

Karl Lagerfeld 2005 bei der Präsentation von Chanel. (Bild: Olivier Hoslet / EPA)Karl Lagerfeld 2005 bei der Präsentation von Chanel.
(Bild: Olivier Hoslet / EPA)
Kar Lagerfeld, umringt von den Models Claudia Schiffer (links) und Naomi Campbell, anlässlich einer Kollektionsvorstellung 1996 in Paris. (Bild: Remy de la Mauvinière / AP)Kar Lagerfeld, umringt von den Models Claudia Schiffer (links) und Naomi Campbell, anlässlich einer Kollektionsvorstellung 1996 in Paris.
(Bild: Remy de la Mauvinière / AP)
Karl Lagerfeld tanzt 2010 zusammen mit Ricky Lauren (links), Gattin des Modedesigners Ralph Lauren (rechts), der sich mit der ehemaligen Vogue-Chefin Carine Roitfeld abgibt. (Bild: Keystone)Karl Lagerfeld tanzt 2010 zusammen mit Ricky Lauren (links), Gattin des Modedesigners Ralph Lauren (rechts), der sich mit der ehemaligen Vogue-Chefin Carine Roitfeld abgibt.
(Bild: Keystone)
Karl Lagerfeld 2018 mit Prinzessin Caroline von Monaco. (Bild: Valery Hache / EPA)Karl Lagerfeld 2018 mit Prinzessin Caroline von Monaco.
(Bild: Valery Hache / EPA)
Karl Lagerfeld, am 2. Oktober 2018 in Paris, anlässlich der Paris Fashion Week. (Bild: Christophe Petit Tesson / EPA)Karl Lagerfeld, am 2. Oktober 2018 in Paris, anlässlich der Paris Fashion Week.
(Bild: Christophe Petit Tesson / EPA)
Karl Lagerfeld 2011 bei der Vorpremiere zum Film «A Tribute To Pedro Almodovar». (Bild: Andrew Gombert / EPA)Karl Lagerfeld 2011 bei der Vorpremiere zum Film «A Tribute To Pedro Almodovar».
(Bild: Andrew Gombert / EPA)
Karl Lagerfeld 2008 an der Fashionweek in Berlin mit Model Claudia Schiffer. Bild: Soeren Stache / EPA)Karl Lagerfeld 2008 an der Fashionweek in Berlin mit Model Claudia Schiffer.
Bild: Soeren Stache / EPA)
Karl Lagerfeld zeigt sich 1973 bei einer Auszeichnung inmitten einiger Models. (Bild: Willi Bertram / DPA)Karl Lagerfeld zeigt sich 1973 bei einer Auszeichnung inmitten einiger Models.
(Bild: Willi Bertram / DPA)
Karl Lagerfeld 2015 mit Schauspielerin Tilda Swinton. (Bild: Ahn Young-Joon / AP)Karl Lagerfeld 2015 mit Schauspielerin Tilda Swinton.
(Bild: Ahn Young-Joon / AP)
Karl Lagerfeld steht 2015 bei der Vernissage «Corsa Karl und Choupette» für seinen Fotokalender an einer Zeichnung seiner Birma-Katze. (Bild: Jens Kalaene / Keystone)Karl Lagerfeld steht 2015 bei der Vernissage «Corsa Karl und Choupette» für seinen Fotokalender an einer Zeichnung seiner Birma-Katze.
(Bild: Jens Kalaene / Keystone)
Karl Lagerfeld, 2013 bei der Vorstellung der Frühlingskollektion in Paris. (Bild: Christophe Karaba / EPA)Karl Lagerfeld, 2013 bei der Vorstellung der Frühlingskollektion in Paris.
(Bild: Christophe Karaba / EPA)
Karl Lagerfeld 2017 auf dem Laufsteg mit Model Lily-Rose Depp. (Bild: Etienne Laurent / EPA) Karl Lagerfeld 2017 auf dem Laufsteg mit Model Lily-Rose Depp.
(Bild: Etienne Laurent / EPA)
Karl Lagerfeld 2017 mit Patensohn Hudson Kroenig in der Elbphilharmonie Hamburg. (Bild: Christian Charisius / DPA)Karl Lagerfeld 2017 mit Patensohn Hudson Kroenig in der Elbphilharmonie Hamburg.
(Bild: Christian Charisius / DPA)
Karl Lagerfeld mit Model Cara Delevingne bei der Modepräsentation für Chanel 2014 in Paris. (Bild: Ian Langsdon / EPA)Karl Lagerfeld mit Model Cara Delevingne bei der Modepräsentation für Chanel 2014 in Paris.
(Bild: Ian Langsdon / EPA)
Karl Lagerfeld bei der Eröffnung einer Ausstellung in einem Museum in Essen. (Bild: Martin Meissner / AP)Karl Lagerfeld bei der Eröffnung einer Ausstellung in einem Museum in Essen.
(Bild: Martin Meissner / AP)
Karl Lagerfeld 2014 mit Model Cara Delevingne in Paris. (Bild: Jacques Brinon / AP)Karl Lagerfeld 2014 mit Model Cara Delevingne in Paris.
(Bild: Jacques Brinon / AP)
Karl Lagerfeld anlässlich einer Modepräsentation 2016 in Havanna / Kuba. (Bild: Alejandro Ernesto / EPA)Karl Lagerfeld anlässlich einer Modepräsentation 2016 in Havanna / Kuba.
(Bild: Alejandro Ernesto / EPA)
Karl Lagerfeld 2002 bei der Präsentation der Frühlingskollektion in Paris. (Bild: Michel Euler / AP)Karl Lagerfeld 2002 bei der Präsentation der Frühlingskollektion in Paris.
(Bild: Michel Euler / AP)
Karl Lagerfeld, fotografiert hinter der Bühne bei der Präsentation der Frühlingskollektion von Chanel in Paris. (Bild: Jérôme Delay / AP)Karl Lagerfeld, fotografiert hinter der Bühne bei der Präsentation der Frühlingskollektion von Chanel in Paris.
(Bild: Jérôme Delay / AP)
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Das Leben und Schaffen des Modeschöpfers Karl Lagerfeld

1983 ernannte ihn das damals ziemlich angestaubte französische Modehaus zum Kreativdirektor, und hier blieb er bis Dienstag, bis zu seinem Tode. Verhalf der Marke zu neuem, modernem Glanz mit einem Twist. Chanel war Lagerfeld, und Lagerfeld war Chanel. Wie kann das ohne den Deutschen nur weiter gehen? An der Fashionweek in Paris, die in fünf Tagen beginnt, wird dies das Tuschelthema Nummer eins sein. Das Unternehmen seinerseits gab am Dienstag bekannt, dass künftig Virginie Viard die Kollektionen des Modehauses entwerfen soll. Sie arbeitete jahrzehntelang eng mit Lagerfeld zusammen.

Keine Jogginghosen im Himmel

Es wird etwas vom Schwierigsten sein, Karl Lagerfeld zu ersetzen. Geht es nach Claudia Schiffer – seiner wohl grössten Muse –, ist dies sogar unmöglich: «Was Warhol für die Kunst, war er für die Mode; man kann ihn nicht ersetzen», schrieb das ehemalige Supermodel am Dienstag auf Instagram, um seine Trauer zu bekunden. Unter ein Bild, das sie und ihren Entdecker, den Modezar, in den 1990er-Jahren zeigt. Arm in Arm, und sie im süssen Engelskleid.

Karl kann das alles egal sein jetzt. Er ist zur Ruhe gekommen; etwas, das er, das Arbeitstier, zu Lebzeiten nicht kannte. Bleibt zu hoffen, dass die Engel und deren Chef im Himmel adrett gekleidet sind. Jogginghosen sind da oben ab sofort tabu.

«Immer nach vorne schauen»: Eine Begegnung mit dem Modezar

Als ich ihn Mitte der 1990er-Jahre das erste Mal traf, war er noch Kaiser Karl. Ein übergewichtiger Herr, der ständig mit einem Fächer wedelte und die Journalisten nach der Chanel-Show einzeln in einem kleinen Hinterzimmer empfing. Lagerfeld hat mich sofort ernst genommen, mir sogar sein Ohr zugeneigt, um keine Silbe meiner Frage zu verpassen, die er blitzschnell, aber freundlich beantwortete.

Einige Jahre später, während eines weiteren Interviews im Café Marly unter den Bögen des Louvre, öffnete er das Reich seines Wesens einen Spalt breit. Jetzt war er ein neuer Mann, der Hedi Slimanes engen Anzügen zuliebe 40 Kilogramm abgespeckt hatte und eine vitalisierende Energie verströmte.

So tadellos wie seine blütenweissen Hemdkragen war Lagerfeld nicht. Während des Interviews fischte er die Eiswürfel mit den Fingern aus seiner Cola Light. Als wäre ich eine Gleichgesinnte, schloss er fast jeden Satz mit: «Nicht wahr?». Sich selbst als Marionette im Dienste einer Marke bezeichnend, schien er das Leben und den Modemarkt nicht ernst zu nehmen. «Das Leben ist das Leben. Die Suche nach dessen Sinn ist eine falsche Idee», meinte er lakonisch. Immer nach vorne schauen. Sich neue Ziele stecken. Nicht aber das Ziel an sich, sondern der Weg zum Ziel sei interessant. Er habe schon Hunderte von Leben hinter sich, nur wüssten das nicht alle, weil man nicht alles auf den Markt tragen könne.

Es gab den öffentlichen, weltbekannten Lagerfeld – und den diskreten Privatmann. Er, der Disziplinierte, fand seinesgleichen stinklangweilig und brauchte ausschweifende, junge Leute zum Ausgleich. Offene Leute, die im Leben etwas vorhätten. Der Mann mit dem wohl schnellsten Zungenschlag Europas, der zu Spitzenzeiten bis zu zehn Kollektionen pro Jahr entworfen hatte, bestellte eine weitere Cola und lehnte sich zurück, plauderte weiter über sich und die Welt.

Er hat sich immer solche Freiheiten genommen. Alle Freiheiten. Wie etwa, sich am Wochenende in seine eigenen vier Wände zurückzuziehen. Allein. Es tue ganz gut zu schweigen manchmal, hat er gemeint.

Esther Haldimann, Paris

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