In der Erde wühlen und «waldbaden» 
gegen Depressionen

Der deutsche Psychotherapeut Hilarion Petzold glaubt, dass Umweltzerstörung und Internetsucht zusammenhängen. Sein neues Buch handelt von ­Naturtherapien, die Erkrankungen wie Sucht, Stress und Depressionen lindern sollen.

Melissa Müller
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Jeder Ausflug in die Natur ist eine Wohltat für Körper und Seele. (Bild: Taras Polatayko)

Jeder Ausflug in die Natur ist eine Wohltat für Körper und Seele. (Bild: Taras Polatayko)

Der deutsche Psychologe Hilarion Petzold schaut in seiner gemütlichen ­Appenzeller Stube hinaus in die Schneelandschaft und sinniert über die gra­vierenden Veränderungen unseres Planeten. «Wenn das so weitergeht, leben wir auf einem vorzeitig sterbenden Planeten. Seine Lebenszeit ist ja ohnehin durch das Altern unserer Sonne begrenzt», sagt der 74-jährige Wissenschafter. Klimaziele würden krass verfehlt. «Das schafft eine subtile kollektive Beunruhigung.» Wie soll man damit umgehen? «Es wäre völlig falsch, eine Beruhigungspille zu schlucken und zu entwarnen, denn das Desaster ist real, es muss noch viel deutlicher ins Bewusstsein treten.» Dennoch mag der Psychotherapeut nicht den Teufel an die Wand malen. Vielmehr will er zum Umdenken ermutigen, dazu, Naturtherapien und Naturmeditation zu nutzen.

Experte wohnt mit Kater im «Dschungel»

Kürzlich hat Petzold ein 1000 Seiten starkes Handbuch über die «Neuen ­Naturtherapien» herausgegeben – über Waldbaden, Gartentherapie, tiergestützte Therapie, «Grüne Meditation». «Diese Methoden haben in den letzten Jahren eine immer grössere Bedeutung gewonnen.» Der Experte selbst holt sich die Natur ins Haus. Die Wohnstube in einem alten Appenzeller Haus ähnelt einem Dschungel. Kakteen blühen lila, Zimmerpflanzen schlängeln sich über dem Türrahmen der Wand entlang. Und auf dem flauschig-bunten Teppich räkelt sich Kater Silvester.

«Der Mensch hat sich von der Natur entfremdet», sagt Hilarion Petzold. Wer nur Asphalt und Beton um sich hat, in Plattenbauten, Grossraumbüros, in Slums, aber auch in Megagrossstädten lebe, verkümmere innerlich. Übergewicht, Game- und Internetsucht, mangelnde Kondition und seelische Unausgeglichenheit seien die Folgen.

58 Millionen glücklose Schweine

«Wenn wir nur noch mit dem Handy kommunizieren und im Netz surfen, wird das zwischenmenschliche Miteinander und unser Verhältnis zur belebten Natur beschädigt», doziert Petzold weiter. Das lasse sich an der Massentierhaltung ablesen: «In Deutschland werden jährlich 58 Millionen Mitbewohner ­namens Schwein geschlachtet, von den über 93 Millionen Masthühnern nicht zu reden. Diese ‹Nutztiere› werden überwiegend nicht artgerecht gehalten und oft qualvoll transportiert.»

Da könne man unmöglich von Tierliebe reden. «Die Tiere sollten gesund und tiergerecht gehalten werden, und wir müssten unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren.»

Denn gerade in einer unbeschädigten Natur lägen Schlüssel zur Heilung, «wie schon die Schamanen der Urzeit, die Ärztin Hildegard von Bingen und zahlreiche Kräuterweiblein wussten».

Was kann man tun gegen die ­Naturentfremdung? «In die Natur gehen, sie wieder geniessen lernen», sagt Petzold. Und gegen die Zerstörung? «Kinder für die Natur sensibilisieren.» Damit sie sehen, dass Äpfel an Bäumen wachsen und nicht im Supermarktregal. Und Wildtiere nicht nur im Zoo hinter Gittern leben. Nur, was man liebt, will man später auch beschützen.

Kinder für die Natur sensibilisieren: Nur was man liebt und kennt, will man später auch schützen. (Bild: Donald Lain Smith/Getty)

Kinder für die Natur sensibilisieren: Nur was man liebt und kennt, will man später auch schützen. (Bild: Donald Lain Smith/Getty)

«Heute verbringen Kinder aber einen grossen Teil ihrer Zeit in Innenräumen und kommen mit Natur kaum noch in Berührung.»

Statt Bäche zu stauen im Wald, Beeren zu sammeln und Räuber zu spielen, verschanzen sie sich hinter dem Computer. Viele kennen kaum mehr einheimische Vögel wie die Meise oder Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge.

Den Fliegen die Beine auszupfen

Auch kleine Kinder quälen immer wieder Tiere, zupfen Fliegen die Beine aus oder reissen Katzen am Schwanz, aus Neugier, einige auch aus destruktiven Impulsen. «Sie müssen den achtsamen Umgang mit Tieren erst erlernen», sagt Petzold. Er nennt das «Ökologisation». Waldkindergärten und Waldschulen seien eine gute Idee. Petzold plädiert für Kitas, in denen es Hunde, Katzen, ein Terrarium mit Schnecken und mindestens einen tiertherapeutisch weitergebildeten Mitarbeiter gibt. Auch einen Garten sollte es geben, samt einem Haufen mit Altholz, unter dem sich Igel und Insekten verkriechen können.

Begründer der integrativen Psychotherapie mit Tanz und Malerei

Hilarion G. Petzold, geboren 1944, studierte nach einer Landwirtschaftslehre Philosophie und Psychologie. Er gilt als Begründer der integrativen Psychotherapie, die Tanz, Malerei, Poesie und Musik in die Behandlung einbezieht – eine Pionierleistung in den 60er-Jahren, die europaweit Beachtung fand. Petzold war Professor für Psychologie und Psychomotorik an der Freien Universität Amsterdam. Zudem hatte er Lehraufträge an den Universitäten Graz, Frankfurt und Bern und leitete das Fritz-Perls-Institut, eine der Ausbildungsstätten für Therapeuten in Deutschland. Er ist mit der Schweizer Musiktherapeutin Lotti Müller liiert und pendelt zwischen Speicher in Appenzell Ausserrhoden und Deutschland hin und her. Sein Naturbezug rührt von seiner Kindheit im Rheinland. Sein Vater war Saatgutexperte. «Er ging mit uns Kindern in die Natur und erklärte uns Pflanzen und Tiere – mit neun Jahren hatten wir das drauf.» (mem)

Handbuch «Die Neuen Naturtherapien», Aisthesis-Verlag, ­Fr. 54.–