Jubiläum
500 Jahre Marignano: Als der gute Eidgenoss ein «Hirtenkrieger» war

Geht die «Historikerdebatte» nicht vor allem darum, welche Vorfahren wir uns wünschen?

Christoph Bopp
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Marignano 1515: Der propäpstliche Kardinal Schiner (auf dem Pferd) feuert die Eidgenossen zur Schlacht an, die allerdings im Hintergrund bereits tobt. Kupferstich von Melchior Füssli 1713. Keystone

Marignano 1515: Der propäpstliche Kardinal Schiner (auf dem Pferd) feuert die Eidgenossen zur Schlacht an, die allerdings im Hintergrund bereits tobt. Kupferstich von Melchior Füssli 1713. Keystone

KEYSTONE

Marignano 1515/1965: Ex clade salus – Aus der (einer) Niederlage das Heil. Zugegeben: Die erste Frage, die mich beschleicht, wenn ich an Marignano denke bei Tag oder Nacht, ist die, warum denn das überhaupt in Latein sein muss? Okay, heute würden wir das Rütli auch auf Englisch anschreiben, damit es die tough boys von den Waldstätten auch sicher finden. Lingua franca hin oder her, aber auf Latein werden die Eidgenossen wohl kaum geflucht haben, wenn ihnen eine Musketen- oder gar Kanonenkugel die Gliedmassen zerschmettert hat.

Ausgewählte Literatur: Markus Somm – Marignano

Der Blocher- und Guisan-Biograf holt zeitlich und inhaltlich weit aus. Der Stellenwert der Schlacht selbst verliert dann natürlich ein bisschen an Kontur. Die Eidgenossenschaft war vorher schon demokratisch (und darum militärisch erfolgreich), sie erlebte 1515 allerdings auch ihr politisches «Marignano»: mit einer solchen politischen Organisation der weitgehenden Souveränität kleinster politischer Entitäten sei keine ambitionierte Aussenpolitik möglich. Somm und Erik Ebneter (der vielleicht als Co-Autor genannt werden müsste) bieten eine anekdotenreiche, plastische Schilderung der Ereignisse, in der Wertung manchmal etwas psychologisierend (warum die Eidgenossen auf einmal so «papst-affin» wurden) und provozierend («die Ur-Demokraten waren gleichzeitig adrenalingeladene Berserker auf dem Schlachtfeld»).

Marignano. Geschichte einer Niederlage. Stämpfli-Verlag Bern 2015. 343 S., Fr. 39.90.

Roland Haudenschild (Hrsg.): Marignano 1515– 2015. Von der Schlacht zur Neutralität. Fondazione Pro Marignano, Verlag Merker im Effingerhof, Lenzburg 2014. 527 S., Fr. 78.–.

Latein ist feierlich, Latein ist überzeitlich, Latein kann nichts anderes als eine tiefe Wahrheit transportieren. Alea iacta est – alle juckt das.

Spass beiseite, denn lustig war es nicht auf dem Schlachtfeld vor Mailand. Wie Krieg überhaupt nie lustig ist. Aber Krieg gehört unabdingbar dazu, wenn es um Entstehungs-, Ursprungs- und andere Mythen geht. Grosse Nationen entstehen durch Zusammenschluss. Kleine Nationen – wie die Schweiz – entstehen durch Sezession. Wenn sich jemand von einem grösseren Gebilde absetzt, hat der Grössere etwas dagegen und will das verhindern. Und der Kleinere wehrt sich, bis der Grössere einsieht, dass es so sein muss.

Das leuchtet ein. Ob Rütlischwur und Morgarten wirklich so stattgefunden haben wie imaginiert, spielte keine grosse Rolle. Fiction ist hier wichtiger als facts. Dass die Geburt unserer Schweiz als Gründung vorgestellt wird, ist gut und richtig. Die Eidgenossenschaft als Bund, als Versprechen, einander beizustehen, wenn Freiheit und Unabhängigkeit gefährdet sind, das ist eine höchst sympathische Idee. Die notwendig daraus entspringenden Befreiungskriege und die entsprechenden Schlachten feiern wir getrost, denn sie waren nötig. Ohne diese Opfer wäre das, was heute ist, nicht.

Diese Mythen lassen wir uns zwar getrost zertrümmern, aber nicht nehmen.

Strafe muss auf Gewalt folgen?

Aber Marignano liegt anders, irgendwo quer in der Erinnerungslandschaft. Befreiungskriege einmal ausgenommen, aber wer kann, der nicht gerade offener Gewaltverherrlicher sein will, in einer militärischen Niederlage etwas anderes sehen als eine gute Erfahrung? Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen, sagt Jesus; also greif nicht zum Schwert. Oder wie war das genau?

Eine Art Besinnungsstunde sei daraus geworden, heisst es, aus diesem Gemetzel von Marignano. Die Eidgenossenschaft habe eingesehen, dass Aussenpolitik als Machtpolitik nichts Gutes sei und deshalb darauf verzichtet. Ein weiser Entscheid sei das gewesen. Die Geburtsstunde – eine weitere – unserer neutralen Schweiz, die erst mal für sich schaut und dann vielleicht noch ein bisschen humanitär ist.

Die Lehren wären dann: Gewalt ist schlecht und als Kleiner ist man am besten neutral? Oder ist das zu trivial? (Ganz abgesehen davon, dass es ein Privileg ist, wenn die anderen Nationen überhaupt zulassen, dass sich jemand als neutral erklärt.) Muss man wirklich lernen, dass man sich besser heraushält, wenn sich die Grossen streiten? Irgendetwas Ähnliches wie einen «Pausenplatz», wo der Adoleszent einschlägige Erfahrungen gewinnen kann, gab es doch immer?

Offenbar ist die Irritation ob dieses Meinungsstreites vor allem deshalb so gross, weil diejenigen, welche offenbar irgendwelche Mythen verherrlichen, ja gar nicht viel anderes tun als Plattitüden herunterzubeten, denen man getrost zustimmen könnte. Wenn denn nicht andere Animositäten wären.

Deutungshoheit, aber von was?

Natürlich geht es um Interpretationen. Interpretationen eines historischen Befundes, wobei wieder nicht sicher ist, wie zuverlässig der rekonstruiert werden kann. Und es gibt nachweislich falsche und besser passende Interpretationen. Aber auch wenn man das alles zugesteht, bleibt es doch verwirrend. Wer abstreitet, dass Marignano zur Neutralität führt, will doch einfach nur in die EU. Man sieht aber, wohin das führt. Das kann es ja auch nicht sein. Nur: Worum geht es überhaupt?

Wenn ich die historischen Befunde richtig lese, geht es um rund 50 Jahre, vielleicht auch etwas weniger oder mehr, in denen in der Tat die Eidgenossenschaft auf Augenhöhe mit den Grossen Europas auf der historischen Bühne steht. Kaiser, Papst, der französische König und andere mehr sind Gesprächspartner der Eidgenossen, sie treffen mit ihnen zusammen, besuchen die Tagsatzungssitzungen und schliessen Verträge ab, die ganz offensichtlich beiden Parteien nützen. Vielleicht kann man die Periode auch begrenzen von 1474 (Burgunderkriege) bis 1515 (Marignano). Da sind die Eidgenossen eine europäische Grossmacht, die andere Grossmächte auch militärisch herausfordert. Andere Definitionen als die militärische von «Grossmacht» sind allerdings in jenen Zeiten schwer zu finden.

Die Eidgenossen waren kriegstüchtig. Und zwar lag das, da ist man sich weitgehend einig, nicht an ökonomischen oder anderen Vorteilen, sondern an den individuellen kriegerischen Fertigkeiten. Die Eidgenossen waren ihren Gegnern vor allem mental überlegen: Das Muster ist bekannt, wenn neue Krieger die Schlachtfelder betreten: In der Antike die griechischen Hopliten, bei den Römern die «wilden» Gallier/Kelten und Germanen (von denen die Belgier die gefährlichsten sind, weil «sie am weitesten von der feminisierenden Zivilisation weg sind», wie Caesar schrieb), dann im Frühmittelalter die Wikinger und später die Schweizer. Meist spielt sich das auch im Gegensatz «zivilisiert» - «wild» ab, bei den nordischen Wikingern und den alpinen Schweizern ist das mit Händen zu greifen.

Ein «waffentechnisches Fenster»?

Es gibt viele historische Belege, die Fachwelt war sich damals ziemlich einig, dass die Schweizer wilde, unerschrockene Kerle waren, gross, kräftig und jederzeit bereit zum Dreinschlagen. Es gibt bewundernde Stimmen, aber auch solche, die das abscheulich finden (sie kämpften «wie die Tiere», ist noch ein milder Ausdruck). Erklärt wird das mit dem Konzept des «Hirtenkriegers». Er ernährt sich proteinreicher (Milch!) als der Rest und ist deshalb grösser und kräftiger. Er liegt dauernd im Streit mit seinen Nachbarn um Zäune, Weiderecht etc., das hält ihn fit. Und er hat Zeit zum «Spiel» (Ringen, Schwingen oder andere Übungen, die seine Kampftüchtigkeit verbessern).

Und wem das zu wenig greifbar ist, der kriegt «wissenschaftlichere» Gründe. Kriegstechnisch sei damals eine Epoche der Infanterie angebrochen. Der schwer bewaffnete Ritter (der «Panzer» des Frühmittelalters) verlor seine Überlegenheit auf dem Schlachtfeld. Unerschrockene «Haufen» zu Fuss konnten ihn mit dem Langspiess stoppen. Und einem geschlossen daherrennenden «Gewalthaufen» mit Spiessträgern und Hellebardierern standzuhalten, war ohne Feuerwaffen nur schwer möglich. Das hatten die Eidgenossen drauf: Sie blieben stehen und streckten ihre Spiesse vor, und sie rannten mit Todesverachtung mitten in die gegnerischen Haufen hinein und erzeugten dort Furcht und Schrecken und Tod. Das dürfte zutreffen. Dieses «Fenster» der Infanterie war allerdings nur kurz offen. Um 1500 schon war die Artillerie ein ernst zu nehmender Gefechtsfaktor und das Fussvolk wurde vermehrt mit Feuerwaffen ausgerüstet. Die Schlachten von Novara (1513) und Marignano (1515) deuteten an, dass die Zeit der Eidgenossen-Infanterie bereits an ein Ende gekommen war.

Oder die politische Organisation?

Kanonen hatten die Eidgenossen nicht, sie wollten auch keine. Die waren vor allem zu teuer. Nur Staaten, die fähig waren, Steuern in grossem Mass einzutreiben, konnten sich Artillerie leisten. Und die Eidgenossenschaft war nicht so organisiert. Die proto-demokratischen Strukturen verhinderten das. Und wenn die Obrigkeit die Steuern doch erhöhen wollte, kam die Rebellion der allzeit bewaffneten Bevölkerung. Andererseits war diese Früh-Demokratie, wo der Grundsatz «one man – one vote» auch im Felde galt, dem Kampfgeist förderlich. Der Schlachthaufen funktioniert nur, wenn sich jeder darauf verlassen kann, dass sein Nebenmann auch mitrennt.

Markus Somm polemisiert in seinem Marignano-Buch gegen eine Dissertation von Matthias Weisshaupt, der behaupte, das Konzept dieses Hirtenkriegers sei eine ideologisch motivierte Stilisierung. Und wenn auch, man sieht wenigstens, worum es wirklich geht: Welche Vorfahren wollen wir? Die Argumentationslinie des demokratischen Hirtenkriegers zu verfolgen, ist nicht einfach. Er ist gleichzeitig wild und undiszipliniert, andererseits zuverlässig in der Schlacht; er ist diskussionsfreudig, aber immer bereit zum Dreinschlagen – ein Widerspruch am andern.

Das muss nichts heissen. Etwas bleibt schon: Es ist dieses Bild des «Bürgersoldaten». Hier trifft sich die griechische Phalanx mit dem eidgenössischen Gewalthaufen. Auch die Hoplitenreihe, die auf den Gegner zurennt, ist so stark wie ihr schwächster Mann. Wenn einer die Reihe verlässt, löst sich die Ordnung auf, die Schlacht ist verloren. Das macht Bürger auf dem Schlachtfeld gleich. Und die Demokratie funktioniert nur unter Gleichen.