50 Jahre nie gefehlt

Turnverein Eine Grossmutter und ihr Enkel besuchen eine Abendunterhaltung und machen sich Gedanken übers Vereinsleben, kurze Trikots und Hechtsalti. Tin Fischer

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Gemeinsam im Takt: An der Abendunterhaltung des Turnvereins Romanshorn1969 turnte die Grossmutter mit Schnauz (dritte von links). (Bild: pd)

Gemeinsam im Takt: An der Abendunterhaltung des Turnvereins Romanshorn1969 turnte die Grossmutter mit Schnauz (dritte von links). (Bild: pd)

Ihr kleines Lebenswerk besteht aus zehn Gabeln, zehn Messern, zehn Löffeln und ebenso viel Dessertbesteck mit Signet des Schweizerischen Turnerverbands. Jedes Stück eine Auszeichnung für ein Jahr, in dem sie nicht öfters als dreimal bei einer Turnstunde gefehlt hat. Wie man das macht, 50 Jahre lang jeden Montag den Turnverein zu besuchen? «Weisst Du, wenn ich etwas mache, dann mache das richtig», sagt meine Grossmutter.

Zu Tränen gerührt

Heute 80jährig, geht sie immer noch jeden Montag ins Turnen. Und der Besuch der Abendunterhaltung ihres Romanshorner Vereins ist Pflicht. Wir haben uns dafür extra am Samstagnachmittag verabredet, wollen uns vorher aber noch ein paar Fotos von früher ansehen. Ob ich diese neue Matratzen-Werbung im Schweizer Fernsehen gesehen habe, fragt sie. Da könne ich sie sehen: Diese, wie ich finde, schwer nachvollziehbare Magie vom Turnen im Verein. Nur Sekunden dauert die historische Filmaufnahme, in der sich Hunderte Turner synchron zu Musik bewegen. Überall in der Schweiz hatten sie während Wochen die gleichen Bewegungen geübt, um sich für einmal nicht gegenseitig zu besiegen, sondern sich gemeinsam zu bewegen. «Es sah von weitem immer aus wie ein Kornfeld im Wind.» Worin der Reiz besteht, eine Ähre zu sein, ohne das Feld im Wind je selbst zu sehen? «Weisst du Martin, es hat manche zu Tränen gerührt, das zu sehen. Da war man auch einfach stolz.»

Allein auf der Bühne

In ihrer Kindheit und Jugend auf dem Dorf sei der Turnverein wie eine Familie gewesen: Heimat, Zugehörigkeit, Gemeinschaft. Wenn dann jeweils die anstrengende Zeit der Abendunterhaltung vorbei war, habe einfach etwas gefehlt. Sie habe ja noch sämtliche Eltern um Erlaubnis bitten müssen, damit die Töchter in kurzen Trikots auf die Bühne durften. Das war 1950. Die Töchter waren um die 20, und die Trikots endeten Mitte Oberschenkel. Ein Jahrzehnt später lehnte sie den Vorschlag der Männerriege, doch in Kochschürzen auf der Bühne aufzutreten, dankend ab.

Alter Kamerad mit Schnauz

Hat man eigentlich Lampenfieber, wenn man das ganze Publikum kennt? «Wenn man seine Bewegungen geübt und im Kopf hat, kann doch nichts mehr schief- gehen», meint sie. Ausser vielleicht: Als «alter Kamerad» mit aufgeklebtem Schnauzer verkleidet, auf die Bühne zu marschieren, ohne dass einem die Kolleginnen folgen. «Jechtersnei!» Das wäre ein Solo gewesen.

Viel hat sich an der Abendunterhaltung nicht verändert. Es soll bessere und schlechtere geben, heisst es. Ich mag sie aber eigentlich vor allem deshalb, weil das die einzigen zwei geordneten Stunden in meinem Jahresablauf sind. Das steigende Alter der Turner bildet den dramaturgischen Spannungsbogen. Nach dem Kinderturnen will man spontan Vater werden. Jede Bewegung wird mit einer Rolle abgeschlossen. Und spätestens nach der Jugendriege ist der Vaterrausch auch schon wieder vorbei.

Biologischer Ursprung im Verein

Sie hätten sich Mühe gegeben, findet meine Grossmutter nach der Vorstellung. Die Sketche dazwischen: Da schaut sie mich an, was, glaub ich, «na ja» bedeutet. Ihr würden halt einfach die Reigen am besten gefallen. «Dir wahrscheinlich mehr das Minitrampolin, oder?»

Um ehrlich zu sein: Ich achte bei Abendunterhaltungen nie besonders auf die Übungen und versuche das Minitrampolin sogar zu ignorieren. Die Komik meines eigenen biologischen Ursprungs besteht nämlich darin, dass mein Vater zwar den Hechtsalto beherrschte, meine zukünftige Mutter aber nicht mit dem Salto, sondern mit seiner hilfsbereiten Art beim Aufräumen der Geräte beeindruckt hat. Das, glaub ich, hat viel mit dem Turnverein zu tun.

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