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1000 Fragen in 5 Stunden

Matthias von Hartz will als neuer Leiter das Zürcher Theaterspektakel behutsam ändern. Deutliche Akzente setzt er bereits jetzt. Auch mit einer «Einladung für das Lebenswerk».
Valeria Heintges
Richard Lowdon in «Macbeth» – Forced Entertainment zeigt am Theaterspektakel u. a. alle 36 Shakespeare-Stücke auf einem leeren Tisch, mit Haushaltsartikeln. (Bild: Hugo Glendinning)

Richard Lowdon in «Macbeth» – Forced Entertainment zeigt am Theaterspektakel u. a. alle 36 Shakespeare-Stücke auf einem leeren Tisch, mit Haushaltsartikeln. (Bild: Hugo Glendinning)

«Das Zürcher Theaterspektakel ist kein Festival, das man zwingend ändern muss», sagt dessen neuer Leiter Matthias von Hartz. Die Auslastung stimme, der Anspruch des Programms ebenfalls, genauso die Reputation, die das Festival in der Szene habe. Aber von Hartz sieht doch Potenzial für Veränderungen, für andere Schwerpunkte, weniger Afrika, mehr Amerika und Europa etwa. Schliesslich sei er nicht wie sein Vorgänger Sandro Lunin in den letzten Jahren immer wieder in Afrika gewesen, sondern bringe ein anderes Netzwerk und eigene Vorlieben mit.

Gespräche auf dem Wasser und unter dem Baum

Von Hartz ist als studierter Ökonom, Politikwissenschafter und Regisseur, als langjähriger Leiter internationaler Festivals wie der Impulse in Nordrhein-Westfalen, des Sommerfestivals Hamburg auf Kampnagel, der Foreign Affairs der Berliner Festspiele oder zuletzt des Athens & Epidauros-Festivals vielmehr einer, der die politische Aussage sucht und der die Grenzen zwischen Genres auflösen will. Mehr Inklusion, weiterhin, aber auch mehr Migration, mehr Teilhabe des Publikums will der 48-Jährige.

Sicherlich, es gibt auch von 16. August bis 2. September 2018 auf der Landiwiese Strassentheater, Zirkus und Familienprogramm. Aber es gibt eben auch die Reihe «Talking on Water» auf der ­Seebühne, mit Vorträgen des ­Kameruner Politologen Achille Mbembe, der Rassismus und ­Kolonialismus erforscht, und des ­senegalesischen Ökonomen ­Felwine Sarr, der gerade für den französischen Präsidenten ­Emmanuel Macron eine Strategie für die Restitution afrikanischer Kunst entwickelt. Und mit der indischen Politologin Nikita Dhawan, die sich mit Postkolonialismus beschäftigt und mit dem ­ambivalenten Konzept der Weltbürgerschaft.

Zudem wird täglich diskutiert: Am Stammtisch unterm Baum sollen eingeladene Künstler, aber auch Vertreter lokaler NGOs mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Denn von Hartz will «ein paar der Gäste weg von den Clowns und dem Essen in eine gesellschaftliche Auseinandersetzung» locken, wie er sagt.

«Forced Entertainment» – Avantgarde seit den 80ern

Die Genregrenzen wurden auf dem Theaterspektakel schon bisher nicht strikt gezogen, aber ein Gospelkonzert gegen den Kapitalismus, das Andrew-Lloyd-Webber-Musical «Jesus Christ Superstar» als One-Woman-Show der kanadischen Electrosängerin Peaches – so etwas gab es eher selten.

Ein Mischprojekt ist auch «Das Haus der herabfallenden Knochen»: Die Hamburger Band Kante hat sich mit dem südafrikanischen Kollektiv Khoi Khonnexion zusammengetan, um die Kolonialherrschaft in Namibia und Südafrika zu beleuchten, speziell die blutige Niederschlagung des Aufstands der Herero und der Nama. Es sei eine «musikalische Recherche, die in ein Storytelling-Musiktheater mündet», verspricht das Führungsteam um von Hartz, Delphine Lyner als Kaufmännische Leiterin und Veit Kälin als Technischer Leiter im Editorial.

Die deutlichste Änderung ist die «Theaterspektakel-Einladung für das Lebenswerk» an die britische Gruppe Forced Entertainment um Tim Etchells.

Auf Festivals «rauscht doch viel Programm einfach so durch», sagt von Hartz, «manchmal erfährt man daher mehr, wenn man sich beschränkt».

Im für sie reservierten «House of Forced Entertainment» zeigt die Gruppe, die seit den 80er-Jahren und immer noch zur spannenden Avantgarde zählt, zwei ihrer Arbeiten. «Quizoola!» feierte 1996 in London Premiere und tourt seither um die Welt: Das Textbuch besteht aus über 1000 Fragen, die sich die Schauspieler gegenseitig stellen. Die Aufführungen dauern in Zürich «nur» fünf Stunden, andere, etwa in London, währten schon 24 Stunden.

Salzstreuer werden Könige, Ketchup-Flaschen Widersacher

Forced Entertainment beweisen auch mit «Complete Works: Table Top Shakespeare», dass sie vor gigantischen Aufgaben nicht zurückschrecken. Alle 36 Shakespeare-Stücke, jedes in rund 50 Minuten, vier bis sechs an einem Abend, individuelles Kommen und Gehen erlaubt, sogar erwünscht. Ein Regal voller Haushaltsartikel und einen leeren Holztisch – mehr brauchen die sechs Schauspieler nicht. «Salzstreuer werden Könige, Ketchup-Flaschen Widersacher, Streichholzschachteln verkörpern römische Kaiser, Backpulver Hamlets Familie und Rostlöser die Lie­benden im Wald», heisst es im ­Programmheft. Dazu und darum ­herum gruppiert das Programm Werke aus Kenia und Kamerun, Brasilien und Argentinien, Marokko, Israel und dem Libanon, aber auch aus Deutschland, Frankreich oder Belgien.

Marta Górnickas «Hymne an die Liebe»

Aus Polen, in dem sie heute kaum noch arbeiten kann, reist Marta Górnicka mit ihrer «Hymne an die Liebe (Hymn do miłości)» an. «Górnicka arbeitet immer mit grossen Sprech­chören, sehr formal und sehr politisch», sagt von Hartz, «sie schlägt den Bogen vom Holocaust bis zum modernen Polen, fragt nach Nationalismus und ­falschen Gemeinschaften und schafft auch aus ihrer eigenen biografischen Situation einen packenden, theatralischen Abend.» Während Marta Górnicka das Festival eröffnet, wird der französische Choreograf Bruno Charmatz es mit seinem Musée de la Danse (fast) beschliessen: Die Tänzer folgen in «10 000 gestes» der Vorgabe, keine Bewegung je zu wiederholen und auch nicht gleichzeitig auszuüben. «Das klingt sehr formalistisch», gibt von Hartz zu, «aber die Arbeit zu Mozarts ‹Requiem› ist stark, laut und sehr energiegeladen.» Man hört es und mag es kaum ­glauben. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass einen das Zürcher Theaterspektakel überrascht.

16. August bis 2. September, Landiwiese, www.theaterspektakel.ch

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