100 Jahre Mädchenpfadi – die Geschichte des Jugendverbands zeigt: Quoten helfen doch

Die Pfadi war lange der einzige Ort, wo junge Frauen selbstständig sein konnten. Kein Wunder, erfanden sie die Quotenregelung, bevor sie mit den Buben fusionieren wollten.

Sabine Kuster
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Wie die Buben, aber nicht ganz: Mädchenpfadis beim Manegg-Pfadiheim in Hedingen in den 1950er-/60er-Jahren. (Bild: Hermann Freytag, Universität Zürich, ISEK)

Wie die Buben, aber nicht ganz: Mädchenpfadis beim Manegg-Pfadiheim in Hedingen in den 1950er-/60er-Jahren. (Bild: Hermann Freytag, Universität Zürich, ISEK)

Einen ganzen Nachmittag lang zum Spass draussen verbringen. Dieses Vergnügen mussten sich die Mädchen in Europa vor 100 Jahren zuerst erkämpfen. Besonders Töchter aus gutem Haus liess man ungern draussen «herumstreunen». Angemessene Hobbys waren: malen, stricken und musizieren.

Erstes Pfadilager in England

Doch als 1907 das erste Pfadilager in England stattfand, wollten sofort auch Mädchen dazugehören. Der Gründer der Pfadibewegung, Lord Robert Baden-Powell, unterstützte die Mädchen von Anfang an. Baden-Powells Schwester Agnes übernahm die Ausbildung. Eine diffizile Aufgabe: Es galt, nervöse Eltern von der Sache zu überzeugen.

Agnes Baden-Powell war eine künstlerisch begabte Lady – aber sie hatte auch exotische Hobbys wie Aviatik, sie züchtete Vögel und Sommervögel und beherrschte so ziemlich alle Sportarten inklusive Schiessen. Im ersten Handbuch für die Pfadfinderinnen listete sie (mit Blick auf die besorgten Eltern) Haushaltsfertigkeiten auf, Säuglingspflege und Krankenpflege – und fügte ihr ­Wissen über die Natur und das Leben draussen hinzu.

Von tüchtigen Familienmüttern und Staatsbürgerinnen

Innert weniger Jahre entstanden auf der ganzen Welt nicht nur Buben-Pfadi­gruppen, sondern auch solche mit Mädchen. In der Schweiz wurden 1911 die ersten Mädchengruppen gegründet. Am aktivsten waren jene in der Westschweiz, wo Jeanne Paschoud 1917 ­versuchte, eine gesamtschweizerische ­Organisation zu gründen. Der Prozess dauerte fast zwei Jahre.

Am 5./6. Oktober 1919 wurde in Bern die «Fédération des Eclaireuses Suisses» gegründet. Man einigte sich auf ein «Gesetz», also eine gemeinsame Leitschrift für die Mädchen-Pfadi, eine Uniform und wie darauf ihr Symbol, das Kleeblatt, genau auszusehen hatte.

Die Mädchen sollten laut Statuten zu tüchtigen «Familienmüttern» und «Staatsbürgerinnen» erzogen werden. Dabei war Letzteres revolutionär: Sie sollten nicht nur zu Hause, sondern auch in der Gesellschaft eine aktive Rolle spielen. Das erste «Gesetz» lautete fast schon poetisch: «Sei wahr. Beherrsche dich. Verstehe und achte. Suche Schönheit. Hilf freudig. Bring Sonne. Sammle Kraft und Gesundheit.»

Ritterliche Tugenden und militärisches Pathos

Ganz anders als jenes des Bubenbundes, in dem es vor «ritterlichen Tugenden und militärischem Pathos» wimmelte, wie es Felix Ruhl im Buch «100 Jahre Pfadi» ausdrückte. Später wurde das Gesetz jenem der Buben dann aber angeglichen.

Die Pfadi von damals war anders, weniger verspielt. Charlotte Christ, 69, einst Leitungsmitglied des Frauenbundes und später Präsidentin des gemischten Bundes, sagt:

«Es stimmt nicht, dass die Pfadfinderinnen in den 30er-Jahren nur strickten. Sie morsten, sangen und machten Knöpfe wie die Buben.»

Viele ihrer Aktivitäten waren wohltätig, aber es ging auch um ihre persönliche Entwicklung. Dass Mädchen zu Leiterinnen ausgebildet wurden und lernten, Verantwortung zu übernehmen, war damals etwas Neues. «Der Bund Schweizer Pfadfinderinnen war der einzige Ort für Mädchen, sich so zu entwickeln», sagt Christ.

Bereits 1944 bestand der Bund aus 8100 Mitgliedern. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, waren die weiblichen Pfadi auf einmal gefragt. «Sie waren die ersten weiblichen Gruppen überhaupt, die in der Schweizer Armee mitwirkten», schreibt Sandra Maissen, ehemalige Präsidentin der Pfadibewegung Schweiz, zum Jubiläum 100 Jahre Frauenpfadi. Und viele Gruppen halfen in den Sommerferien den Bauern auf den Feldern, statt in die Sommerlager zu verreisen.

Erste Bundesrätin und erste Präsidentin im Ständerat waren Pfadi

Während der ersten fünfzig Jahre wurde der Bund Schweizerischer Pfadfinderinnen von vier Frauen aus der Romandie geleitet. Sie waren automatisch Frauenförderinnen. Kein Zufall, dass Perle Bugnion-Secrétan (Bundesführerin 1957–67) sich auch für die feministische Zeitschrift «Femmes Suisses» engagierte.

Sie vertrat ausserdem den Weltbund der Pfadfinderinnen in der UNO. Sie war keine Ausnahme. Aus den Reihen der Pfadfinderinnen kam die erste Bundesrätin, Elisabeth Kopp, und die erste Präsidentin des Ständerates, Josi Meier.

Als Männer noch über Frauen bestimmten

«Die ersten Pfadifrauen waren grosse Persönlichkeiten», erinnert sich Charlotte Christ.

«Kein Wunder. Hier konnten sie frei agieren. Hier konnten sie tun, was heute selbstverständlich ist. Aber bis in die 70er-Jahre war der Mann das Oberhaupt der Familie. Über uns wurde bestimmt!»

Im Berufsleben habe man selbst einer hochbegabten Juristin am Gericht nur das Schreiberamt zugeteilt, eine Lehrerin habe nicht denselben Lohn wie ein Lehrer erhalten. «So war das – Verletzungen überall. Das muss man erlebt haben!» Charlotte Christ spricht mit Nachdruck und der festen Stimme einer Frau, die schon vor vielen Gruppen das Wort erhoben hat.

Sie sagt, es sei wegen alldem wichtig gewesen, ganz ohne die Männer zu walten, ohne ihren Einfluss. Und doch gab es eine Bubenorganisation, die etwas Ähnliches machte, so dass es mit der Zeit zu immer mehr Kooperationen kam. Gemeinsame Basare wurden schon immer da und dort organisiert.

Der Gewinn blieb im Bubenbund

Im männlichen Bundeslager 1932 halfen die Mädchen in der Küche. An der Landesausstellung 1939 machte man zusammen sogenannte Hilfsdienste. Im Lawinenwinter 1951 half man in den Alpentälern gemeinsam. 1959 legte man die Materialbüros zusammen – wobei: Die Frauenartikel wurden einfach mitverkauft, der Gewinn blieb im Bubenbund.

Pro-Contra: Sollen Mädchen zusammen mit Buben in die Pfadi?

Pro & Contra

Sollen Mädchen mit Buben zusammen in die Pfadi?

Obwohl die Dachverbände von Buben- und Mädchenpfadi im Jahr 1987 fusioniert wurden, gibt es auch heute noch geschlechtergetrennte Jugendgruppen. Ob das sinnvoll ist, bleibt bis heute eine strittige Frage.
Katja Fischer De Santi und Sabine Kuster

Es dauerte noch einmal zehn Jahre, bis man über eine Fusion nachdachte. 1969 war Aufbruchzeit in der Gesellschaft. Von unten, von den Gruppen entstand Druck. Das Bundeslager 1980 in Greyerz wurde zum Praxistest: Kommt es gut, wenn Zelte mit Mädchen und Buben auf demselben Lagerplatz stehen?

Süffisante Männer 

Zwei Jahre später nahmen die beiden Bünde Fusionsverhandlungen auf. Obwohl nun auch die Schulen koedukativ, also geschlechtergemischt, waren: Viele Pfadfinderinnen blieben skeptisch, sie hatten einiges zu verlieren. «Sie befürchteten, vom Männerbund, der drei Mal grösser war, aufgefressen zu werden und in Vize-Ämtern zu verschwinden», sagt Christ.

Die Sorge war berechtigt. Rolf Steiner, der damals Bundesfeldmeister bei den Buben und später erster Co-Bundesleiter der gemischten Pfadi war, erinnert sich:

«Auf Männerseite war eine gewisse Süffisanz mit der Haltung: Wir setzen uns dann schon durch.»

Doch die Co-Präsidentin der Fusionskommission war eine gute Taktikerin: Sibyll Kindlimann, nicht nur erste Rektorin am Gymnasium in Winterthur, sondern ab 1971, als Frauen erst­mals wählbar waren, auch Gemeinderätin, wusste, dass man selber Vorschläge bringen muss, um etwas zu erreichen. Steiner erinnert sich:

«Es mussten immer zuerst ihre Ideen diskutiert werden, bevor man überhaupt an Alternativen dachte»

, erinnert sich Steiner. «Der Co-Präsident der Pfadfinder, Adreas Courvoisier, ein Manager mit hohem Rang im Militär, wandelte sich in dieser Zeit zu einem Softie, wie man kooperativen Männern damals sagte.»

Fünf Jahre lang arbeitete die Fusionskommission. Zwei Mal wurden alle Gruppen befragt. Charlotte Christ erinnert sich an eine Sitzung, an der ein Pfadfinder in solch überheblichem Ton mit ihr sprach, dass sie zurückgab: «Wenn du mein Mann wärst, würde ich mich sofort scheiden lassen!» Sogar am Tag der Fusionsabstimmung stritten manche Frauen noch. «Dass es am Ende gut über die Bühne ging und auch funktionierte, hatten wir den beiden besonnenen Co-Kommissionspräsidenten zu verdanken, sagt Christ, «sie haben uns gerettet.»

Die Quotenregelung machte die Fusion möglich

Am Ende entstand die wohl schweizweit erste Quotenregelung: In allen Leitungsgremien musste der Anteil der Frauen mindestens ein Drittel betragen, und alle Präsidien auf Kantons- und Bundesebene sollten von einer Frau und einem Mann gemeinsam geführt werden. Bei wichtigen Entscheiden musste es sowohl eine männliche als auch eine weibliche Mehrheit geben.

1987 stimmten dann beide Delegiertenversammlungen der Fusion zu. Mit den 45 000 Pfadfindern und 15 000 Pfadfinderinnen entstand der grösste Jugendverband der Schweiz.

Die Pfadi in der Schweiz wurde weiblicher. Tendenziell auch in den Aktivitäten, aber vor allem zahlenmässig: Heute sind 25 000 Buben und 22 000 Mädchen in der Pfadibewegung. Noch immer gibt es einzelne reine Mädchen- oder Bubengruppen (6 Prozent). Innerhalb der Gruppen sind laut dem Geschäftsführer zwei Drittel der Fähnli geschlechtergetrennt. Wie weit die Koedukation in der Pfadi gehen soll, dazu gibt es heute noch unterschiedliche Meinungen.