10 Dinge, die wir aus der Coronakrise beibehalten sollten

Geschlossene Geschäfte, geschlossene Schulen, abgesagte Veranstaltungen. Die März- und April-Wochen 2020 werden in Erinnerung bleiben. Wir haben uns rasch an die Veränderungen angepasst. Einiges davon sollten wir auch nach der Corona-Pandemie beibehalten.

Martin Oswald
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1. Lokales Gewerbe unterstützen

Als Zeichen der Solidarität kauften wir in den Corona-Wochen vermehrt beim Laden gleich um die Ecke. Wir unterstützten die Dorfbäckerei, das Schmuckatelier, das Blumengeschäft. Wir kauften Gemüse beim Bauern auf dem Hof und bestellten Bücher in der kleinen Buchhandlung.

Alles hatte sich globalisiert in den letzten zwei Jahrzehnten. Und so bestellen wir heute für wenig Geld elektronische Gadgets in China und Kleider bei Zalando. Doch im Frühling 2020 haben wir den Wert und auch den Charme des lokalen Gewerbes wieder entdeckt. Gut so. So unterstützen wir nicht nur die Menschen in der Region, sichern lokale Arbeitsplätze, wir vermeiden gleichzeitig auch noch den extensiven Warentransport zu Luft, Wasser und auf der Strasse.

2. Homeoffice statt Pendlerverkehr

Statt den Arbeitstag im Grossraumbüro und in stickigen Sitzungszimmern zu verbringen, lernten Herr und Frau Schweizer in den letzten Wochen die Arbeit auf Distanz, in der Jogginghose vor dem Laptop.

Zwar gingen die ständigen Telefonkonferenzen an die Nerven, schliesslich hatte Kollege Müller auch an Tag 27 noch nicht herausgefunden, wie man beim Video-Call das Mikrofon ausstellt. Doch wir erkannten auch die Vorteile: Kein Arbeitsweg in überfüllten Bussen oder auf verstopften Strassen. Keine überhastete Sandwich-Verpflegung am Mittag. Keine störenden Zurufe, der geschwätzigen Kollegin am Tisch nebenan.

Warum also nicht weiterhin den ein oder anderen Tag von zu Hause aus arbeiten? Das ist freilich nicht allen Berufsgruppen möglich. Aber wenn auch nur ein Drittel aller Arbeitnehmenden einen zusätzlichen Tag im Home Office arbeitet, wird der Pendlerverkehr abnehmen und das Wohlbefinden zunehmen.

3. Digitalisierung der Schulen

Es war der Samstagmorgen nach dem bundesrätlichen Beschluss, die Schulen zu schliessen, als Beatrice (34), Lehrerin einer ländlichen Schule in der Region Wil zum ersten Mal eine Teamsitzung via Zoom machte. «Ich habe noch nie so rasch mit digitalen Tools umzugehen gelernt», wird sie einige Wochen später erzählen. Früher hätten ihr diese Computer-Dinge nichts gesagt. Jetzt wurden Schulunterlagen auf einem gemeinsamen Space in der Cloud gespeichert, ein Klassenchat bei Whatsapp eingerichtet und Fragen von Schülern via Chat beantwortet.

Die Corona-Pandemie war ein Stresstest für die Schulen und ihre Lehrpersonen. Während einige über Nacht auf digitalen Unterricht umstellten, brauchten andere Wochen, um in die Gänge zu kommen. Jetzt zeigte sich, wer in der Vergangenheit die Hausaufgaben gemacht hatte und wer punkto Digitalisierung Nachholbedarf hat.

Nicolas (11) aus Olten hat gelernt, wie er sein Lerntagebuch via E-Mail seinem Lehrer schickt. Auch Gianluca Zanatta, Schulleiter der Oberstufe Centrum in St.Gallen kann den letzten Wochen Positives abgewinnen: «Wir mussten kreativ sein und Unterricht und Lernen anders denken. Die gemachten Erfahrungen werden wir in die Zukunft mitnehmen und das Lernen flexibler und individueller gestalten.»

4. Mehr Zeit für die Familie

«In neun Monaten wird es mehr Babys geben», schrieb Marie (36) auf Facebook. «Aber auch mehr Scheidungen», entgegnete ihr Kollege mit Name Jens in einem Kommentar. Für eine Überprüfung dieser Prognosen ist es zu früh. Doch eines ist gewiss: Die Corona-Wochen waren für Familien mit Kindern eine besondere Herausforderung. Während die Älteren beim «Home-Schooling» Unterstützung brauchten, wollten die Jüngeren mit Bastelarbeiten und Spielen unterhalten werden. Ausflüge ins Hallenbad oder auf den Sportplatz fielen als Abwechslung weg. «Stay at home» löste so bei so manchem Elternteil klaustrophobische Zustände aus. An Flucht war nicht zu denken.

Doch in diesen Stunden entdeckten wir auch viel Schönes. Jetzt war die ganze Familie dreimal täglich zum Essen am Tisch, zwischen zwei Telefonkonferenzen reichte es Mama sogar für eine Runde «Uno» und Papa kickte im Garten mit. Vielleicht hat der ein oder andere die Verbindung zu den Kindern neu entdeckt und schätzen gelernt.

5. Regelmässiger Austausch mit Freunden

Hans (76) aus dem luzernischen Horw erzählt: «Ich hatte noch nie so viel Kontakt mit Freunden, wie in den letzten Wochen.» Täglich sei er am Telefon mit alten Schulkameraden, pensionierten Geschäftskollegen und seiner Schwester im Altersheim. «Viel öfter als früher.»

Jüngere Generationen haben derweil den gemeinsamen Quiz-Abend via Videochat entdeckt oder man prostet sich virtuell auf FaceTime zum Feierabend-Bier zu. Die fehlenden Umarmungen wurden während der Quarantäne mit einer Vielzahl an digitalen Treffen kompensiert. Krisen bringen uns bekanntlich näher zusammen. Kein Grund, die Verbindung nach Corona wieder abzubrechen. Der Quiz-Abend darf ja gerne auch wieder beieinander im Wohnzimmer stattfinden.

6. Erholung und Ausflüge in der Region

Der Flug auf die Seychellen: gestrichen. Das Wochenende im Europapark Rust: abgesagt. Die Reise durch den Orient: verschoben. Unser Bewegungsradius wurde aufgrund der geschlossenen Grenzen drastisch reduziert. Doch hatten wir die Enttäuschung über den Besuch am Meer erst einmal überwunden, entdeckten wir die Schönheit des Frühlings vor der Haustür. Nie zuvor (eine nicht geprüfte Behauptung) wurde so viel spaziert, wie im März und April 2020. Schliesslich war dies die bewilligte Art und Weise, das Haus doch einmal für ein paar Momente zu verlassen.

Und so haben wir Feuerstellen, Nachbarquartiere und Feldwege entdeckt - direkt vor unserer Haustür. Und dem schönen Wetter sei dank, hat so mancher Schweizer einen goldigen Teint, wie sonst nur nach einem Sommer am Meer. Wie schrieb doch Goethe einst treffend:

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen.
Denn das Glück ist immer da.

7. Weniger fliegen

Der Anblick nebeneinander parkierter Passagierflugzeuge tat nicht nur Aviatik-Fans weh. Der wirtschaftliche Schaden für die Fluggesellschaften ist existenzbedrohend. Wird das Passagier-Volumen wieder vollumfänglich zurückkehren und der Markt sich erholen? Prognosen sind schwierig.

Die Swiss hat den Flugverkehr praktisch eingestellt. Auf dem Flughafen Dübendorf wurden einige Flugzeuge abgestellt.

Die Swiss hat den Flugverkehr praktisch eingestellt. Auf dem Flughafen Dübendorf wurden einige Flugzeuge abgestellt.

Andy Mueller / freshfocus

Doch die Frage sei erlaubt: Muss ein international erfolgreicher Manager für jedes Meeting durch die Luft fliegen, um schliesslich in gemieteten Sitzungszimmern am Flughafen in London, New York oder Shanghai Verhandlungen zu führen - oder lässt sich ein Teil davon auch mit Telefonkonferenzen erledigen? Muss die gut situierte Familie Emmenegger dreimal im Jahr ans Meer, in die Wüste und in die Grossstadt fliegen, oder macht eine Woche Wanderferien in der Schweiz nicht mindestens so glücklich?

Jeder so wie er mag. Kein Grund, die persönliche Individualität einzuschränken oder die Lust am Reisen moralisch zu verteufeln. Aber Corona hat vielleicht auch punkto Flugreisen eine reinigende Wirkung.

8. Wertschätzung (und mehr Lohn) für Pflegepersonal

Pflegekräfte erheben seit Jahren ihre Stimme und fordern mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn und damit auch mehr Wertschätzung. Covid-19 führte uns allen vor Augen, wie systemrelevant ein ausgebautes Gesundheitssystem und gut ausgebildete Fachkräfte sind. «Die Gesundheit ist das höchste Gut», sagten die Exponenten des Bundesrats und des BAG immer wieder. «Warum sind dann Banker und Anwälte ganz oben an der Nahrungskette?», fragt eine angesäuerte Krankenschwester einer Intensivpflegestation in Zürich. Drei Wochen lang arbeiteten sie und ihre Kolleginnen durch, es blieb kaum Zeit für die eigene Familie.

Statt gut gemeinter Applaus, ist die Zeit jetzt reif, die Lehren aus der Corona-Krise zu ziehen, den Um- und Abbau der Spitallandschaft einer Prüfung zu unterziehen und entsprechende Weichen zu stellen. Denn eines ist sicher: Die Schweiz ist - auch dank den wirksamen Massnahmen - mit einem blauen Auge davongekommen. Dieses Mal ist das Gesundheitssystem und die Spitäler nicht kollabiert. Zum Glück.

9. Solidarität mit älteren Menschen und Nachbarn

«Bleiben Sie zu Hause, insbesondere, wenn Sie mehr als 65 Jahre alt oder krank sind.» So lautete die Empfehlung des Bundesamtes für Gesundheit BAG. Das Virus Covid-19 stellt sich als besondere Gefahr für die ältere Generation heraus und so mussten diese sich besonders schützen.

Doch wer kauft für die Älteren ein und bringt das Essen zu ihnen nach Hause? Rasch schossen über das ganze Land verteilt Hilfsaktionen wie Pilze aus dem Boden. Auf hilf-jetzt.ch sind schon über 1000 Gruppen registriert. Das Hilfsangebot ist sogar deutlich grösser als die Nachfrage. Sind diese Netzwerke jetzt obsolet oder können Hilfsangebote auch nach Corona aufrechterhalten werden?

Die Schweiz hat bewiesen, dass im Ausnahmezustand nicht alle zu Hamsterkäufen neigen, sondern viele zuerst an Nachbarn, Freunde, Senioren denken. So ist uns allen zu wünschen, dass die neu gewonnenen Kontakte weiterleben und wir vor dem nächsten Einkauf bei der alten Dame im vierten Stock nachfragen: «Kann ich Ihnen etwas mitbringen?»

10. Ruhe und Gelassenheit

Die Welt schien in den vergangenen Wochen langsamer zu drehen. Nicht nur der Verkehr kam zum Erliegen, auch der persönliche Aktivismus wurde zurückgebunden. Wir lernten Entschleunigung - bundesrätlich verordnet. «Das tut uns gut - es war höchste Zeit», war vielerorts zu hören.

Zuhause bleiben und warten, bis sich die Lage stabilisiert, erschien uns im ersten Moment als mühsame Einschränkung unserer Freiheit. Tatsächlich wurde uns aber auch ein Stück Freiheit und Lebensqualität geschenkt. Vielleicht haben wir im Frühling 2020 nicht nur die Anfälligkeit unserer Gesundheit und die Verwundbarkeit der globalen Wirtschaft vor Augen geführt bekommen, sondern auch den Wert von Familie und Freunden, die Arbeit von zu Hause aus, Spaziergänge im Wald und ein Stück Gelassenheit, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt.

Zwei Frauen sitzen auf einer Bank auf dem Sonnenberg bei Kriens LU.

Zwei Frauen sitzen auf einer Bank auf dem Sonnenberg bei Kriens LU.

Christof Schuerpf / KEYSTONE