Corona-Fragebogen #6
Wie meistern Kulturschaffende die Pandemie? «Ich weiss wieder, was Ausgeruht heisst», sagt die Altstätter Clownin Gardi Hutter

In einer Serie bieten wir jeden Freitag Ostschweizer Kulturschaffenden eine Bühne und stellen ihre Projekte vor. Heute Folge 6 mit der Schauspielerin und Autorin Gardi Hutter, die das ruhigste Jahr seit langem hinter sich hat. Jetzt schreibt sie an einer Biografie und einem Werkbuch anlässlich ihres 40-Jahre-Bühnenjubiläums.

Roger Berhalter
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Szene aus Gardi Hutters jüngstem Bühnenstück «Gaia Gaudi».

Szene aus Gardi Hutters jüngstem Bühnenstück «Gaia Gaudi».

Bild: Sabine Wunderlin/PD

Gardi Hutter ist die bekannteste Clownin der Schweiz. Die gebürtige Altstätterin tourt mit ihren Stücken nicht nur durchs ganze Land, sondern ist auch international gern gesehen. In 35 Ländern hat die Schauspielerin und Autorin bisher rund 3700 Vorstellungen gegeben. Für ihr Werk ist sie mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem «Goldiga Törgga» der Rheintalischen Kulturstiftung. Derzeit bereitet sich Hutter auf einen runden Geburtstag vor: 2021 feiert sie ihr 40-Jahre-Bühnenjubiläum.

Was hat sich für Sie seit Ausbruch der Pandemie verändert?

Gardi Hutter: Alle meine Tourneen sind abgesagt worden. Und das hört nicht auf. Fast jeden Tag kommt eine schlechte Nachricht. In Deutschland werden momentan die Theaterfestivals vom nächsten Frühling abgesagt. Meine Agentin in Berlin tut mir leid. Für die Agenten ist es am schlimmsten: sie haben ihre Arbeit schon getan, müssen jetzt schon das zweite Mal umbuchen und verdienen seit Monaten nichts. Bei mir fällt nur noch nicht getane Arbeit weg.

Gardi Hutter zivil, also ohne Strubelperücke, Clownnase und Waschweibkostüm.

Gardi Hutter zivil, also ohne Strubelperücke, Clownnase und Waschweibkostüm.

Bild: Mareycke Frehner (Zürich, 24. Januar 2019)

Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?

Meine Arbeit hat sich verlagert: ich sitze vor allem am Tisch und schreibe. Auf mein 40-Jahre-Tournee-Jubiläum waren schon vor der Pandemie zwei Bücher geplant, aber der Stillstand erwirkte, dass ich plötzlich viel Zeit dafür hatte. Sonst hätte ich das wie üblich einfach nebenbei noch erledigt und wäre ziemlich in Stress gekommen.

Wie hoch sind Ihre Einbussen wegen Corona? Was fällt für Sie alles ins Wasser?

Meine Einbussen sind nahe bei 100 Prozent. Aber als privilegierte Schweizerin wurde der Verlust sehr abgefedert. Für meine Kollegen in vielen Ländern ist es viel härter. Schlimmer als der finanzielle Verlust ist das Wegfallen meiner sozialen Kontakte. Im letzten Stück «Gaia Gaudi» spiele ich mit meinen Kindern zusammen. Und da sie in Frankreich wohnen, sehe ich sie gar nicht.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein.

Was spornt Sie an weiterzumachen?

Ich habe mit 64 intensiv darüber nachgedacht, ob ich in meinem Leben etwas verpasst habe, was ich unbedingt noch machen wollte. Aber ich habe ja immer nur das getan, was ich am liebsten tue – und dafür immer alles riskiert.

Gibt es für Sie auch positive Coronaeffekte?

Ich weiss wieder, was Ausgeruht heisst. Meine Agenda war über Jahre immer voll, es gab nur kurze Momente der Entspannung, quasi im Naherholungsbereich. Jetzt spüre ich eine Art Tiefenentspannung – und möchte sie nicht mehr missen. Und, ich habe wieder ein Gefühl für «Zeit haben». Ich komme vom «über» runter: übervoll, überladen, übersättigt. Mein, unser, Leben ist ständig bis oben voll. Auch wenn die Abstinenz erzwungen ist: ich geniesse die Leere.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich wünsche mir und hoffe, dass diese Entschleunigung Wirkung auf die ganze Gesellschaft hat. Dass wir vom Wahn des «Immer mehr» runterkommen. Das würde die Chance erhöhen, dass die Menschen sich nicht selber ausrotten, weil sie den Ressourcenverschleiss nicht mehr aufhalten können.

Bild: Sabine Wunderlin/PD

Aktuelles Projekt: Zwei Bücher zum 40-Jahre-Bühnenjubiläum

Gardi Hutter schreibt derzeit gleich an zwei Büchern, anlässlich ihres 40-Jahre-Bühnenjubiläums. Das eine Buch ist eine Biografie. «Da musste ich der Autorin Denise Schmid nur stundenlang erzählen und dann stundenlang die Manuskripte korrigieren. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil mir erst beim Lesen so viel mehr eingefallen ist», sagt Hutter über das Projekt.

Das zweite Buch wird im Internet erscheinen und ist eine Art Werkbuch. Hutter beschreibt darin, wie ein Stück entsteht, von der Vorstellung im Kopf bis zur Vorstellung auf der Bühne. Hutter dazu:

«So ein Buch hätte ich gerne als junge Künstlerin gelesen, aber nie gefunden. Es ist mein Geschenk an die junge Generation.»