Zynisches Geschäft mit Selbstmordattentätern

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Roman Juli Zehs Gesellschaftsroman «Unterleuten» hat sich mehr als 300 000-mal verkauft. Jetzt legt die Autorin nach. Im Thriller «Leere Herzen» bleibt sie sich thematisch treu. Die ­Zukunft fängt harmlos an. Zwei Familien, ein Abendessen, Sushi und chilenischer Wein. Aber mit Idylle ist nicht zu rechnen: «Dem 21. Jahrhundert entsprechen Mittelstädte, mittelgross und bis ins kleinste Teil dem Pragmatismus gehorchend.» Es ist 2015: «Merkel muss weg»-Rufer erzwangen Neuwahlen und brachten die Besorgten Bürger (BBB) ans Steuer. Die beschneiden die Macht der Parlamente und die Unabhängigkeit der Justiz. «Effizienzpakete» heissen die Massnahmen – und die gut verdienende Britta hat keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Die Co-Chefin einer Psychotherapiepraxis hat ganz andere Sorgen. Juli Zeh (43) lässt sich Zeit, um den Leser in Brittas Machenschaften einzuführen. Auch da geht es harmlos los.

Die Psychotherapiepraxis «Die Brücke» kümmert sich um potenzielle Selbstmörder, Heilungsquote über 90 Prozent. So weit, so gar nicht gut. Denn Britta und Babak interessieren in Wirklichkeit die paar Prozent, die sich auch am Ende des Therapieprogramms noch von einer Brücke stürzen wollen. Mit denen lässt sich ein dickes Geschäft machen. Es ist die simple Geschichte von Angebot und Nachfrage. Terrormilizen oder militante Öko-Aktivisten brauchen Selbstmordattentäter. Britta und Babak können liefern.

Juli Zeh baut im ersten Teil des Buches Spannung auf. Das stille Geschäft der «Brücke» mit dem Tod wird plötzlich bedroht. Von wem und warum – das ist die Frage, um die sich «Leere Herzen» dreht. Psychologisch ist vor allem die Figur der Britta ausgeleuchtet. Andere Figuren bleiben vage. «Leere Herzen» ist kein grosser Gesellschaftsroman wie «Unterleuten». Aber der Thriller kreist um ein Problem, dass praktisch jeden angeht: Bleiben wirklich nur noch acht Jahre Zeit, um ein Deutschland zu verhindern, in dem nur noch ein paar Träumer die Einzigen ohne leere Herzen sind? (dpa)

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand, 352 S., Fr. 27.–