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Berset tanzt oben ohne mit «KK Sexy»: Ostschweizer Band Dachs lanciert erstes Deep-Fake-Musikvideo

Die Ostschweizer Pop-Band Dachs lässt in ihrem neuen Video dank einem technischen Kniff Bundesräte tanzen. Abgeguckt hat sie das von der Pornoindustrie.

Anna Raymann
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Alain Berset im Musikvideo «Charmeleon» von Dachs

Alain Berset im Musikvideo «Charmeleon» von Dachs

Dachs-Music / dachs-music

Zuckersüss singt die Ostschweizer Band Dachs im neusten Hit «Charmeleon»: «Baby Baby, bi so wandelbar». Im Video dazu tanzen Ueli Maurer und Simonetta Sommaruga, heben flirtend die Augenbrauen und Alain Berset entledigt sich gleich seines Hemdes. In wolkiger 90er Jahre-Ästhetik inszeniert das Video einen poppigen Livestream.

Im Musikvideo von Dachs singen natürlich nicht wirklich die Bundesräte. Angesichts einer dritten Welle wird kaum Zeit für dergleichen Gastauftritte bleiben. Bei der Produktion, realisiert durch das Kreativkollektiv «Bilder & Freunde», handelt es sich tatsächlich um das wohl erste Deep Fake-Musikvideo der Schweiz. Eine künstliche Intelligenz errechnet aus tausenden Bildern als Vorlage eine universelle Maske, die einem Schauspieler digital übergestreift werden kann. So wird hier nach mehreren Stunden Rechenleistung aus dem Youtuber Ramin Yousofzai eine überzeugende Karin Keller Suter alias «KK Sexy».

So wandelbar sind die Bundesräte im Hit «Charmeleon» von Dachs.

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Echte Prominente für falsche Videos

Ein paar Zeilen weiter singt Dachs: «Biz vegässe wäri bi und für wani schtoh.» Damit beschreibt die Band mindestens auf zweiter Ebene die Effekte der Deep Fake Technologie. Was ist echt, was Täuschung? Das Verwirrspiel boomt. Derzeit stolpert ein falscher Tom Cruise prominent durchs Netz und im US-Wahlkampf kursierte ein Video, in dem Donald Trump in einem Kindergarten tobte.

Wie vieles, was im Internet erfolgreich ist, hat auch diese Technologie die Pornoindustrie hervorgebracht. Prominente Frauen wie Emma Watson erhalten unfreiwillige Auftritte in einschlägigen Filmen. Die Gefahren sind schon vielfach diskutiert, der Missbrauch – zum Glück! – strafbar. Trotzdem erleben Deep Fakes auch dort einen Aufschwung, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie: Zeitweise gab es Drehverbote. Also überspielte man bestehende Aufnahmen, denn virtuelle Schauspieler können sich nicht anstecken. Auch Konzerne wie «Disney» forschen mit viel Geld an der Technologie. In Remakes von Kultfilmen wie «Star Wars» könnten künstliche Intelligenzen so alternde Schauspieler wiederherstellen.

Viele Bilder schärfen die Täuschung

Solche Täuschungen sind aufwändig und versiert produziert. Mit der App «Wombo» allerdings kann sich inzwischen jeder mit einem einzigen Foto zu einem musikalischen Superstar trimmen. So gibt es beim Stadtmagazin Tsüri.ch schon ein Video, in dem die Zürcher Stadtregierung ein Ständchen trällert – wo wir wieder bei den singenden Politikern wären.

Auch beim Videoclip von Dachs handelt es sich um ein Corona-Projekt. Die ersten Ideen skizzierten die Macher im März vor einem Jahr. Der reale Dreh wurde aufs Minimum reduziert, der Rest erledigte ein Computer. Jede Pressekonferenz generierte neues Bildmaterial von den Bundesräten, an dem die künstliche Intelligenz ihre Fähigkeiten trainieren konnte. Jedes Bild zeichnete Bersets Mimik schärfer, wenn er singt: «Lüt um de Finger wickle isch mis Hobby, Charmeleon»