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ZWISCHENNUTZUNG: «Hier fehlt eine Kunsthochschule»

21 junge Kreative aus der Ostschweiz, Zürich und Luzern stellen ab heute in der St. Galler Lattich-Halle aus – eine Gelegenheit, neue Talente zu entdecken. Zwei davon stellen wir vor.
Christina Genova
Der Appenzeller Florian Gugger studiert Architektur, Riccarda Naef aus St. Gallen Kunst. Beide zeigen ihre Werke bei «Dearrival». (Bilder: Ralph Ribi)

Der Appenzeller Florian Gugger studiert Architektur, Riccarda Naef aus St. Gallen Kunst. Beide zeigen ihre Werke bei «Dearrival». (Bilder: Ralph Ribi)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

«Man muss nicht Kunst studiert haben, um Kunst zu machen», davon ist Florian Gugger überzeugt. Der 26-Jährige studiert Architektur in Luzern, nächsten Sommer wird er mit dem Bachelor abschliessen. In der grossen Halle im Lattich, der Zwischennutzung im Güterbahnhof St. Gallen, nimmt er an der Gruppenausstellung «Dearrival» teil, die heute Abend eröffnet. Seinen ersten Auftritt als Künstler hatte Florian Gugger vor einem Jahr in der «Teiggi» in Kriens. In der zwischengenutzten Teigwarenfabrik konnte Florian Gugger die ortsspezifische Arbeit «Abdruck der Zeit» zeigen. «Ich suchte die dreckigste Wand im Gebäude und machte davon einen Abzug mit Klebefolie», erzählt der gebürtige Appenzeller. Das eingescannte Bild davon projizierte er auf eine Wand. Florian Gugger merkte, dass ihm die künstlerische Arbeit gefällt: «Ich bin auf den Geschmack gekommen.» Deshalb fragte er seinen Zivilschutzkollegen Wassili Widmer, ob er ein Projekt in Planung habe. Der umtriebige Gaiser, der in Zürich Kunst studiert, kuratiert und organisiert «Dearrival» zusammen mit seinen Kollegen Joel Spiegelberg und Luca Rey.

Scheitern gehört zur Selbstfindung

Für «Dearrival», das sich thematisch um das (Nicht-)Ankommen dreht, hat Florian Gugger eine Arbeit entwickelt, die sich mit Wahrnehmung auseinandersetzt. Es ist eine Rückprojektion, wie man sie aus dem Theater kennt: Durch einen Stoff, der zwischen zwei Glasplatten geklebt ist, wird ein Bild in den Raum projiziert. Was für eines, will Florian Gugger noch nicht verraten. Als angehender Architekt interessiert ihn, wie Räume wahrgenommen werden: Sind sie einladend oder klaustrophobisch? «Das ist genauso wichtig wie das Baumaterial oder der Bauplatz.»

Florian Gugger ist sehr klar in seinen Aussagen, weiss was er will. Dafür hat er einige Umwege in Kauf genommen, ist auch gescheitert. Heute ist er überzeugt: «Man muss Dinge ausprobieren, um seine Bestimmung zu finden.» Er kritisiert die «sauberen» Lebensläufe, die von Arbeitgebern verlangt würden.

So sehr die künstlerische Arbeit seinen Blick weitet und ihn bereichert – für Florian Gugger ist klar: «Ich möchte als Architekt arbeiten.» Es gefällt ihm, dass er sich in der Architektur sowohl mit technischen als auch mit gestalterischen oder sozialen Problemen auseinandersetzten muss. Er kann sich gut vorstellen, dies für einige Zeit in Afrika zu tun: «Mich interessieren essenzielle Probleme.»

Künstlerin statt Köchin

Auch Riccarda Naef macht mit bei «Dearrival». Fast wäre sie Köchin geworden. Nach der Matura hatte sie die Lehrstelle schon im Sack, als sie sich entschied, auf die Karte Kunst zu setzen. Es gefällt ihr, dass Leben und Arbeit nicht getrennt sind: «Alles was man macht, ist Teil der Kunst.» Die 27-Jährige studiert an der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Ziel, Lehrerin am Gymnasium zu werden. Daneben will sie sich der freien Kunst widmen. Heute Abend eröffnet sie «Dearrival» mit einer Performance. Zwar hat Riccarda Naef schon zahlreiche Auftritte als Performancekünstlerin hinter sich. Es ist jedoch erst das zweite Mal, dass sie in St. Gallen performt, obwohl sie in der Stadt lebt und arbeitet. «In der Ostschweiz fehlt eine Kunsthochschule», sagt die junge Frau. Deshalb mangle es an Ausstellungsmöglichkeiten für junge Kunstschaffende. Ihre Performance «Wahndel» zeigte Riccarda Naef Anfang September im Rahmen der Museumsnacht im Textilmuseum. Während dreier Stunden setzte sie sich mit sieben Ballen Alttextilien auseinander – schichtete sie um, sortierte sie, zerkleinerte sie, spannte sie durch den Raum. In der Performance, die sie für «Dearrival» entwickelte, geht es um das Ankommen und Anpassen in einer Beziehung. Die Künstlerin verrät nur so viel, dass es während der Performance zu einer Interaktion mit einem stacheligen Objekt kommen wird. Häufig verfremdet Riccarda Naef bei ihren Performances alltägliche Handlungen und lässt sie ins Wahnhafte kippen.

Die Performance als Kunstform entdeckte Riccarda Naef erst während des Studiums: «Bei der Malerei fühlte ich mich begrenzt. Ich kam nicht weg vom Ästhetischen.» An der Performancekunst schätzt sie, dass sie von der Energie des Moments lebt und Person und Werk nicht trennbar sind.

Vor dem Auftritt geht Riccarda Naef ihre Performance im Kopf durch. Sie probt gewisse Elemente, einen ganzen Durchlauf macht sie jedoch nie, die Performance verliere dadurch an Energie: «Es ist ein Risiko, aber es braucht das Adrenalin.»

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