Zwischen Urgestein und Meteorit

Das 67. Filmfestival von Cannes ist Vergangenheit. Ein solider Wettbewerb schliesst mit einem überraschenden Palmarès.

Doris Senn/Cannes
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Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan erhielt die Goldene Palme für «Winter Sleep». (Bild: epa/Sebastien Nogier)

Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan erhielt die Goldene Palme für «Winter Sleep». (Bild: epa/Sebastien Nogier)

Der Wettbewerb in Cannes mündete in ein überraschendes Finale. Jane Campion – die bisher erste und einzige Frau in der langen Geschichte von Cannes, die eine Goldene Palme erhielt (für «The Piano» 1993) – amtierte als Präsidentin der Jury mit unter anderem Gael Garcia Bernal, Willem Defoe und Sofia Coppola. Am Samstagabend war die Verkündigung des Palmarès: Die Goldene Palme gewann der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan («Once Upon in Anatolia») für seinen dreieinviertelstündigen «Winter Sleep». Die höchste der Auszeichnungen ging damit – eher unerwartet – an einen langen (und etwas langfädigen) Gesprächsreigen rund um Haben und Sein, um Liebe und Beziehung in der wundersamen Landschaft Kappadokiens.

Brillantes Psychodrama

Den Grossen Preis der Jury erhielt Alice Rohrwacher, ebenfalls nicht erwartet, für die italienisch-schweizerisch-deutsche Koproduktion «Le meraviglie». Der Film über eine deutsch-französische Aussteigerfamilie, die in Umbrien Bienen züchtet, trägt zwar die Handschrift der jungen, talentierten italienischen Regisseurin – überzeugt aber nicht als Ganzes. Der Preis seitens der Jury mag insbesondere als politisches Zeichen und Würdigung einer jungen Frauengeneration gewertet werden – und als Weckruf gegenüber einem Festival, das als ausgesprochene Männerbastion gilt und es dieses Jahr «schaffte», nur zwei Regisseurinnen in die offizielle Auswahl von 18 Filmen zu hieven.

Für die beste Regie wurde verdient die US-Produktion «Foxcatcher» von Bennett Miller («Capote») ausgezeichnet. Mit drei bravourösen Schauspielern (Channing Tatum, Mark Ruffalo, Steve Carell) zeichnet Bennett die authentische Geschichte des Brüderpaars Mark und Dave Schultz nach – Gewinner von Olympiagold im Wrestling Mitte der 80er. Beide wurden sie vom US-Oligarchen Du Pont «gekauft» und Opfer von dessen manipulatorischer «Freundschaft». Millers von Anfang bis Schluss souverän inszeniertes Psychodrama ist ein eindringliches Filmerlebnis.

Jean-Luc Godards Hund

Überraschend und ebenfalls mit Symbolwert prämierte die Jury den jüngsten und ältesten Wettbewerbsteilnehmer ex aequo. Der 83jährige Jean-Luc Godard präsentierte seinen 39. Film «Adieu au langage» in 3D. Ein Godard durch und durch: (trotz dem Titel) ein textlastiges Œuvre voller Aphorismen und einer Überfülle an Bildmaterial – und doch auch mit spürbarem Amüsement am neuen «Medium» 3D (darunter etwa der Flip-Flop-Effekt, dank dem man auf dem linken und dem rechten Auge unterschiedliche Bilder sieht). Ganz neu im Godard-Universum: Roxy. Godards Hund agiert – mit einem Augenzwinkern – als Star und Alter Ego. Dass Godard – dieses Urgestein der Nouvelle Vague mit bisher unzähligen Filmen in Cannes, ohne je ausgezeichnet worden zu sein – nun von der Jury geehrt wurde, ist wohl nicht zuletzt seinem immer noch erfrischenden Umgang mit Bild und Technik zu verdanken. Was ihn wiederum mit einem der innovativsten Vertreter einer neuen Regiegarde verbindet: dem 25jährigen Kanadier Xavier Dolan.

Das Regie-Wunderkind, das bereits mit seinem vierten Film in Cannes zu Gast ist, hatte schon mit einem früheren Mutterdrama Furore gemacht («J'ai tué ma mère», 2009). Damals habe er Rache nehmen wollen, sagt der kanadische Regisseur-Drehbuchautor-Schauspieler. Nun wolle er «wiedergutmachen». «Mommy» handelt von einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihrem 16jährigen Sohn, der aus der Erziehungsanstalt flog, klarzukommen sucht. Weil die familiären Nahkampfszenen – noch dazu im klaustrophoben 1:1-Bildformat – fast unaushaltbar sind, taucht uns Dolan immer wieder einen Song lang in eine surreale Welt – eine schillernde Seifenblase als Metapher für Freiheit, Lebensfreude, Hoffnung, die alsbald wieder platzt. Mit seiner unvorhersehbaren Dramaturgie und seinen waidwunden Figuren erweist sich Dolans Werk als filmischer Meteorit: emotionsgeladen und bildstark zugleich.

Entgegen vieler Erwartungen nicht ausgezeichnet wurde das eher oberflächliche Sozialdrama «Deux jours, une nuit» der Dardennes-Brüder – obwohl diese schon mit ihrer dritten Palme in Cannes geliebäugelt hatten. Und auch Altmeister Ken Loach kehrt ohne Preis nach London zurück: Sein «Jimmy's Hall» – über einen irischen Freiheitskämpfer wider Willen – ist zwar eine historisch schön inszenierte Vignette, aber auch nicht mehr. «The Search» schliesslich – ein Flüchtlings- und Kriegsdrama von Michel Hazanavicius («The Artist») rund um den Tschetschenien-Krieg – scheitert insbesondere an der ambitiösen Doppelerzählung und den deplaziert auftretenden Star-Schauspielerinnen Bérénice Béjo (Hazanavicius' Ehefrau) und Annette Bening.

Grosser «Verlierer»: «Timbuktu»

Leer ausgingen (leider) das Drama um die selbsternannten Gotteskrieger in Mali, «Timbuktu», von Abderrahmane Sissako und der bildstarke und epische «Mr. Turner» von Mike Leigh (dessen Hauptdarsteller Timothy Spall immerhin für seine überragende schauspielerische Leistung als Maler J. M. W. Turner prämiert wurde). Zur besten Schauspielerin erkoren wurde Julianne Moore in David Cronenbergs Hollywood-Persiflage «Maps to the Stars». Den Preis für das beste Drehbuch erhielt das russische Drama «Leviathan» von Andrey Zvyagintsev – ein Beziehungsdrama vor dem Hintergrund mafiöser Verstrickungen in der gigantischen Landschaft der Barentssee.