Zwischen Applaus und Todesangst:
Eine Artistin blickt zurück auf ihr hartes Zirkusleben

Die gebürtige Rumänin Josefina Tanasa kam durch den Circus Knie als Artistin in die Schweiz. Sie eroberte die Manege mit ihrer halsbrecherischen Haarnummer. Ein Unfall beendete ihre Karriere abrupt. Ein Buch zeichnet ihr Leben nach.

Rolf App
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Josefina Tanasa hat alles aufbewahrt aus ihrer Zirkusvergangenheit. Auch viele Fotos ihrer Tochter, der Schriftstellerin Aglaja Veteranyi. (Bild: Hanspeter Schiess)
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Die berühmte Haarnummer: Die Artistin musste ihre Kopfhaut mit Eiswasser kühlen, um die Strapazen am Seil auszuhalten. (Bild: PD)

Josefina Tanasa hat alles aufbewahrt aus ihrer Zirkusvergangenheit. Auch viele Fotos ihrer Tochter, der Schriftstellerin Aglaja Veteranyi. (Bild: Hanspeter Schiess)

Nach dem Gespräch in der Cafeteria des Alters- und Pflegeheims Lindenhof in St. Gallen gehen wir für ein Foto hinauf in Josefina Tanasas Zimmer. Hier, in ihrem kleinen, von den Bildern ihres Lebens gesäumten Reich, lebt die ehemalige Artistin erst richtig auf. Sie verlangt den kleinen schwarzen Hut, hält ihn kokett in die Luft, taucht für einen Moment ein in die Aura jener Zirkusmanegen, in denen sie den wichtigsten Teil ihres Lebens verbracht hat. «Josefina, Swinging by her own hair!» kündigt das Plakat des Boswell Wilkie Circus an. Daneben Bilder ihrer Tochter Monica, die unter dem Namen Aglaja Veteranyi im gefeierten Roman «Warum das Kind in der Polenta kocht» 1999 ihre eigene Kindheit im Zirkuswagen erzählt hat. «Meine Mutter wird jemand finden, der ein Buch mit unserer Lebensgeschichte schreibt», schreibt Aglaja Veteranyi in diesem Buch. Und: «EISENTÜR UND TÜR ZUR FREIHEIT wird es heissen.»

Glamour und tiefe Krisen

Nun hat Josefina Tanasa tatsächlich jemanden gefunden, der ein Buch über sie und ihre Familie geschrieben hat. Oder vielmehr umgekehrt: Richard Lehner hat Josefina Tanasa gefunden. Vor sieben Jahren hat ihn ein Rorschacher darauf aufmerksam gemacht, dass da im Hochhaus an der Thurgauerstrasse 33 eine ehemals berühmte Artistin wohne. Rasch hat er gemerkt, dass dieses Leben mit seinem Glamour und seinen tiefen Krisen, mit unwahrscheinlichen Wendungen und viel harter Arbeit, mit Todesangst und rauschendem Applaus Stoff für ein Buch wäre – zumal Josefina Tanasa alles, aber auch wirklich alles aufbewahrt hat. Auch den Haken, mit dem sie hoch oben gehangen hat, während sie jonglierte. «Josefina – Haare aus Stahl» hat Richard Lehner den Lebensbericht genannt, und die Buchvernissage am Samstag mit Absicht mit dem St. Galler Gastspiel zusammengelegt.

Die Paradenummer der Frau mit den «Haaren aus Stahl».(Foto: Archiv Josefina Tanasa)

Die Paradenummer der Frau mit den «Haaren aus Stahl».
(Foto: Archiv Josefina Tanasa)

«Diese Rumänen will ich in der Schweiz haben»

Denn der 1997 verstorbene Rolf Knie senior ist es, der Josefina Tanasa Mitte der Sechzigerjahre die Eisentür zur Freiheit öffnet, als er in Bratislava in der damaligen Tschechoslowakei den Zirkus Humberto besucht. Rolf Knie ist begeistert vom Clown Tandarica Veteranyi und den beiden Artistinnen Josefina und Reta Tanasa, und sagt zum Direktor: «Diese Rumänen will ich in der Schweiz haben.»

Doch der Ostblock ist abgeriegelt, also flieht die Familie Veteranyi-Tanasa mit ihren Kindern Anduza und Monica über Wien nach Rapperswil. «Herr Rolf, wir sind da!», sagt Josefina, als sie im Winterquartier ankommen. Zusammen mit ihrer Schwester Reta assistiert sie ihrem Mann bei seiner Paradenummer, die er im Stile Charlie Chaplins vorführte.

Die Artistin hat viele Fotos aufbewahrt und schwelgt immer noch gern in Zirkuserinnerungen.

Die Artistin hat viele Fotos aufbewahrt und schwelgt immer noch gern in Zirkuserinnerungen.

Später, als sie als besondere Attraktion von Zirkus zu Zirkus weitergereicht werden, Südafrika und Südamerika bereisen und auch im Pariser Moulin Rouge auftreten, kann Josefina Tanasa ihre waghalsigen Haarnummern zeigen. «Sie hängt in der Kuppel an den Haaren und jongliert mit Bällen, Ringen und Feuerfackeln», beschreibt Aglaja Veteranyi, was die Mutter da tut. Und obwohl die Schwester ihr zur Ablenkung das Märchen erzählt vom Kind, das in der Polenta kocht, muss sie immer an den Tod ihrer Mutter denken. «Ich sehe, wie sie sich mit den Feuerfackeln die Haare in Brand steckt, wie sie brennend auf den Boden stürzt. Und wenn ich mich über sie beuge, zerfällt ihr Gesicht zu Asche.»

Das wird nicht passieren. Dafür etwas anderes. Um für das Gastspiel ihres Zirkus Werbung zu machen, lässt Josefina Tanasa sich im Frühjahr 1976 in Spanien von einem Schiffskran in die Höhe heben. Abrupt kommt der Kran durch ­einen Kurzschluss zum Stehen. Wäre ihre Nackenmuskulatur nicht so gut trainiert gewesen, sie hätte das Genick gebrochen. Fast vierzig Minuten hängt sie hilflos über dem Hafenbecken, bis die Feuerwehr sie erlöst. Als sie die Haare wäscht, ist das ganze Waschbecken voller Haare. Es ist vorbei, mit 36 Jahren muss sie sich andere Beschäftigungen suchen.

Die Artistin trennte sich schon früh von ihrem gewalttätigen Mann, der als Clown auftrat. (Foto: Archiv Josefina Tanasa)

Die Artistin trennte sich schon früh von ihrem gewalttätigen Mann, der als Clown auftrat. 
(Foto: Archiv Josefina Tanasa)

Schon früher trennte sie sich von Tandarica, dessen Verhalten «immer wieder von Gewalt, Alkohol und seiner Begierde nach jungen Mädchen bestimmt war», wie sie erzählt. Und der sein Geld lieber für Filmkameras ausgab als für die Familie. Die Filme, die er im Zirkuswagen drehte mit Josefina und den Kindern als Statisten, auch sie ruhen in Josefinas Kisten, die Richard Lehner sorgsam hütet. Noch einen Schmerz gibt es, den Josefina Tanasa zu verkraften hat. Aglaja Veteranyi, die nicht wie von der Mutter geplant Artistin wird, sondern als Schriftstellerin ihren eigenen Weg geht, auch um Abstand zu gewinnen zur Mutter, nimmt sich im Februar 2002 das Leben. «In jedem Gespräch mit ihr war ­Aglajas Suizid ein Thema», erzählt Richard Lehner.

Buchvernissage am Samstag, 27.44., 18 Uhr, Würth-Haus, Rorschach, Eintritt frei