Zwischen Todes- und Schaffensobsession: Guy Krnetas neuer Theaterroman ist in mehrfacher Hinsicht speziell

Der Berner Autor hat einen Roman geschrieben, in dem die Vergänglichkeit des Lebens mit der Momentfeier des Theaters eine seltsame Liaison eingeht. Auch vertriebstechnisch geht das Buch einen ungewöhnlichen Weg.

Julia Stephan
Drucken
Teilen
Guy KrnetaDie PerückeRoman, ins Hochdeutsche übersetzt von Uwe Dethier212 Seiten, Der gesunde Menschenversand.Die Berndeutsche Variante gibt es als E-Book inklusive

Guy Krneta
Die Perücke
Roman, ins Hochdeutsche übersetzt von Uwe Dethier
212 Seiten, Der gesunde Menschenversand.
Die Berndeutsche Variante gibt es als E-Book inklusive

Bild: zvg

Guy Krneta, Theatermann, Spoken-Word-Literat und Gründer des Autorenkollektivs «Bern ist überall», darf man getrost als Vater der Schweizer Mundartliteratur bezeichnen. Wenn so eine Vaterfigur plötzlich nicht mehr Berndeutsch redet, sondern in astreinen hochdeutschen Sätzen, wie in Krnetas neuem Roman «Die Perücke», ist die Verwirrung perfekt.

Doch der Wagemut liegt nicht in Krnetas Bekenntnis zum Hochdeutschen. Wagemutig ist sein Verlag, der das Buch in einer Übersetzung von Uwe Dethier herausgegeben hat – die originale Mundartversion gibt’s für Aficionados als E-Book mit dazu. Man wolle auch beweisen, dass sich Mundart besser übersetzen lasse, als angenommen, erklärt Matthias Burki, Verlagsleiter des auf mündliche Literatur spezialisierten Verlags.

Das Ergebnis ist ein von elliptischen Sätzen nur so strotzender Theaterroman. Er schöpft den Wortschatz des Hochdeutschen zwar nicht komplett aus und wirkt an manchen Stellen liebloser getextet als das Berner Original.

In seiner Anlage bleibt er aber spannend. Denn Krneta, der jahrelang am Theater gearbeitet hat, als Theaterleiter, Theaterautor und Dramaturg - , gelingt über das Episodenhafte seiner früheren Texte hinaus eine Geschichte aus einem Guss. Liebevoll und ohne Zynismus beschreibt der Roman die unmöglichen Zustände des Theaterbetriebs.

Guy KrnetaAutor

Guy Krneta
Autor

Bild: Keystone

Nachträglich der abgewürgten Biografie Bedeutung einhauchen

Sein Protagonist, ein 22-jähriger Studienabbrecher, der zum Theater will, wagt wie Autor Krneta am Stadttheater Bern seine ersten Schritte. Er erlebt den grosszügigen Genuss von Zigaretten und Alkohol, die Ausbeutung von Aspiranten und das Werfen der ganzen Existenz in die Waagschale Kunst.

Es ist ein Ort, an dem man bei auf Hochtouren laufender Sinnerzeugung zu essen und schlafen vergisst und sich selbst dabei manchmal auch. Aber das Theater ist auch eine Familie. Es macht einen glauben, an etwas Grösserem zu arbeiten als man selbst. Als sich die depressive Freundin des Protagonisten umbringt, ihm die Last ihres Lebens in ihren Tagebüchern hinterlässt, hilft der distanzierte Blick des Dramaturgen ihm bei der Bewältigung dieses düsteren Lebensstoffes, einem gescheiterten Versuch der Lebenssinnerzeugung.

Seine Idee, Esthers Tagebücher als Stoff auf die Bühne zu bringen, ist auch der Versuch, dieser abgewürgten Biografie nachträglich Bedeutung einzuhauchen. Und so beginnt man als Leserin zu begreifen, was Esthers Lebensmüdigkeit mit dem beruflichen Werdegang des Protagonisten zu tun hat: Dass dieser Roman von denen erzählt, die ihre Visionen in die Welt bringen, und denjenigen, die auf der Bühne des Lebens, unbeachtet und längst vergessen, den Stoff für diese Visionen liefern.

Ein Mann zwischen zwei gegensätzlichen Frauen

Esther und die Regisseurin Rike, die am Theater zur Ziehmutter des Erzählers wird, sind im Roman die Gegenpole, in deren Spannungsfeld der Erzähler lebt. Zwischen Todes- und Schaffensobsession sucht er nach seinem Platz in der Welt. 22 Jahre später steht er wieder vor Esthers Grab: Die Vergänglichkeit von Esthers Leben und die vielen, vergangenen flüchtigen Theatermomente finden in diesem Moment zueinander und machen aus dem Roman, der lange wie auf zwei Schienen zu fahren scheint, ein sinnvolles Ganzes.

Weitere Artikel unserer Literaturredaktion finden Sie hier: