Zwischen Klammern gesetzt

Sie stellt eine SIM-Karte in eine Vitrine und malt Kreise an den Boden und die Decke des Kunstmuseums St. Gallen. Dabei geht es Annaïk Lou Pitteloud darum, unsere Wahrnehmung zu schärfen und Leerstellen sichtbar zu machen.

Christina Genova
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Annaïk Lou Pitteloud sucht nach Leerstellen in unserer Wahrnehmung. Hier im Bild ihre neueste Installation «The Hole». (Bild: Michel Canonica)

Annaïk Lou Pitteloud sucht nach Leerstellen in unserer Wahrnehmung. Hier im Bild ihre neueste Installation «The Hole». (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. In dieser Ausstellung erfährt der Besucher schon eingangs, was ihm blüht. Annaïk Lou Pitteloud hat dort anstelle des Ausstellungstitels zwei Klammern gesetzt – dazwischen: nichts. Es ist ein Vorgeschmack auf die Leerstellen, die sich in dieser spröden, stillen Ausstellung auftun.

Die 1980 in Lausanne geborene und heute in Antwerpen lebende Künstlerin zeigt in St. Gallen ihre erste Einzelausstellung in der Deutschschweiz. 2016 wird ihr der Manor-Kunstpreis Lausanne verliehen.

Ein bisschen Koketterie

Zwischen den Klammern ist Platz für so vieles: Fürs Einschliessen, Ausschliessen, Verklammern. Doch zuallererst füllt sich die Leerstelle mit Überforderung. Die Künstlerin nimmt einen kaum bei der Hand, sie fordert das Denken ein. Doch wer sich anstrengt, wird belohnt und entdeckt immer mehr Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten.

Es ist eine Ausstellung, in der alles bedeutsam ist, angefangen beim Titel, der schlicht Arbeitstitel lautet, «Working Title». Darin klingt etwas Provisorisches an, aber auch ein bisschen Koketterie. Denn diese Ausstellung ist äusserst durchdacht, jedes Werk wurde präzise gesetzt. Auch die Werkliste ist kein simples Verzeichnis, sondern eine Edition mit einer Auflage von 500 Stück, einzeln signiert und Bestandteil der Ausstellung.

Riesige Miniaturmöbel

Draussen, «OUT», ist die Nachricht, die SMS, die Annaïk Lou Pitteloud 2012 hinaus in den virtuellen Raum gesendet hat. Überprüfen können wir es nicht, die gesendete Nachricht ist unsichtbar, die SIM-Karte nur ein Platzhalter. «Out» im übertragenen Sinn ist auch, wer eine solche SIM-Karte heute noch benutzt, denn sie gehört nicht zu einem Smartphone, sondern zu einem gewöhnlichen Mobiltelefon. Auch SMS werden heute immer seltener verschickt.

Die Art des Ausstellens auf einem Sockel unter einer Plexiglashaube unterstreicht einerseits den musealen Charakter des Objekts, und suggeriert anderseits, dass damit ein Gegenstand von grossem Wert geschützt wird. Doch wertvoll in welcher Hinsicht? Eine Frage, die sich nicht beantworten lässt, eine Leerstelle, die bleibt.

Wie verändert sich die Wahrnehmung eines Objektes, wenn es statt winzig klein plötzlich riesig gross ist? Eine Frage, die Annaïk Lou Pitteloud umtreibt. In der Ausstellung präsentiert sie einen Stuhl und ein Telefon, die 50fach verkleinert von Architekten zur Möblierung ihrer Modelle verwendet werden. Durch die Vergrösserung werden durch die Herstellung bedingte kleine Fehlstellen deutlich sichtbar.

Was im kleinen Format nicht weiter von Belang ist, wirkt im grossen Format irritierend und grotesk. Die Künstlerin nennt die Installation «Call-Artist» und bezieht es auf die Situation der Kunstschaffenden, die auf einen erlösenden Anruf warten – des Galeristen, der Kuratorin, des Sammlers. Man könnte sie auch umkehrt als Aufruf dazu lesen, aktiv zu werden und das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das altmodische Telefon mit Wählscheibe schafft ausserdem einen Bezug zur Arbeit «OUT» im vorhergehenden Raum. Denn «out» ist auch der Künstler, nach dessen Kunst keine Nachfrage besteht.

Verblüffende Leerstelle

Um Wahrnehmung geht es auch in «The Hole», der neuesten Arbeit von Annaïk Lou Pitteloud, die speziell für St. Gallen entstanden ist und an Werke von Markus Raetz erinnert. Sie besteht aus siebzehn Buchstaben, die im Siebdruckverfahren auf Plexiglas gedruckt und hintereinander in einem Chromstahlrahmen befestigt sind. Die Buchstaben setzen sich zum Textfragment «A hole in the picture» zusammen. Doch wer sich nicht in Bewegung setzt, wird den Text nicht lesen können. Die Leerstelle im Bild, den blinden Fleck in unserer Wahrnehmung, können wir nur ausschalten, wenn wir unseren gewohnten Standort verlassen.

Zum Abschluss verblüfft Annaïk Lou Pitteloud mit einer Leerstelle, die sie zwischen den Boden und die Decke des letzten Raumes setzt. Kaum zu glauben, dass sie es geschafft hat, dort mit einem riesigen Zeichnungsgerät einen roten und einen blauen Kreidekreis zu hinterlassen.

Bis 20.3.16